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Hans Treschwig repariert Politiker-Sätze

Stenografrie Hans Treschwig repariert Politiker-Sätze

Von 1954 bis 1997 war der 83-Jährige als Parlamentsstenograf tätig. Sein Wissen über Stenografie gab er an zwei Seminartagen in der Volkshochschule Marburg an 32 Stenografen weiter.

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Der langjährige Parlamentsstenograf Hans Treschwig berichtete über seine Arbeit in einem Vhs-Kurs.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Er betonte jede Silbe mit Bedacht und Vorsicht, so als ob sie ein zerbrechliches Kunstwerk sei. Hans Treschwig diktierte, und die vor ihm sitzenden Schüler lauschten und schrieben fleißig mit. Jedoch keine ausgeschriebenen Wörter, sondern für Laien merkwürdig anmutende Schriftzeichen - Kurzschrift. Treschwig war der Einladung des Marburger Stenografenvereins gefolgt.

„Herr Treschwig ist eine Koryphäe bei den deutschen Stenografen, und wir freuen uns, dass er gekommen ist“, meinte Claudia Lingelbach vom Marburger Stenografenverein, die im hessischen Landtag als Stenografin arbeitet und im Zuge des Seminars viel Nützliches von ­Treschwig erfahren habe.

So lernten auch hervorragende Stenografen unter Treschwigs Federführung noch verschiedene Tricks und Kniffe. „Man lernt kaum aus, und ich denke, dass ich auch den richtig guten Stenografen etwas beibringen konnte“, meinte Treschwig. Seine Schüler nickten eifrig.

Hans Treschwig, studierter Linguist, kam 1954 in den Genuss, im Bundestag der Bundesrepublik Deutschland in Bonn als Stenograf zu arbeiten. Mittels der Deutschen Einheitskurzschrift protokollierte er Reden von ­Parlamentsmitgliedern.

Treschwig plauderte aus dem Nähkästchen. Er kam ins Schwärmen, als er sich an Reden von rhetorischen Schwergewichten wie des bereits verstorbenen Franz-Josef Strauß (CSU) und von Herbert Wehner (SPD) erinnerte „Beide waren hervorragende Rhetoriker, die den Stenografen wenig Arbeit gemacht haben. Vor allem Wehner hatte das Talent, bei Sätzen über 200 Wörtern nie den Überblick über seinen Satzbau zu verlieren“, verrät Treschwig.

Viel Arbeit hatte der gebürtige Bielefelder mit einem bayerischen Landtagsabgeordneten, dessen Namen Treschwig aber nicht nennen wollte. Neben seiner Tätigkeit in Bonn war er nämlich „über 600 Mal“ in München tätig.

Der Politiker habe Treschwig vor die Aufgabe gestellt, „völlig verkorkste Sätze“ zu reparieren.„Manchmal musste ich lange überlegen, was er überhaupt meint, da seine Reden bisweilen ziemlich wirr waren“, stellte der 83-Jährige fest.

„Stenografie ist sofort verfügbar“

„Vor allem Studenten können von Stenografie profitieren, wenn sie in ihren Vorlesungen sitzen“, meint Treschwig. Die Stenografie, die im Laufe des 19.Jahrhunderts ihre Blütezeit gehabt habe, sei nämlich jedem Laptop oder Handy überlegen.

„Wenn man etwas hört, das wichtig ist, muss man sonst erst einmal Computer oder Smartphone zücken. Dann kann man erst schreiben. Stenografie ist sofort verfügbar“, meinte Treschwig.

Doch um einen derartigen Wissensstand zu erlangen, muss erst einmal die Kurzschrift - ein in sich geschlossenes Schriftsystem - gelernt werden. Treschwig blieb bei seiner Meinung: „Es ist erst einmal viel zu lernen. Aber man profitiert auf jeden Fall hinten heraus“.

Dass angeblich so wenige junge Menschen Stenografie nutzen, lastete der 83-Jährige einem Komplott von Bildungspolitik und der Lobby für elektronische Kommunikationsmittel an. „Unsere Politik unterdrückt bereits in den Schulen das Wissen um die Stenografie“, ärgerte er sich.

von Benjamin Kaiser

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