Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Handwerk führt zu Forschungs-Erfolg

Forschung Marburg Handwerk führt zu Forschungs-Erfolg

Der emeritierte Marburger Philosophie-Professor Peter Janich unternimmt in seinem neuen Buch „Handwerk und Mundwerk“ eine Ehrenrettung des Handwerks und der Ingenieurswissenschaften.

Voriger Artikel
Deutschlandstipendien vergeben
Nächster Artikel
Fans klicken Wehr-Song zu Youtube-Hit

in Techniker bei der Reparatur eines Bauteils an einem  Magnetkern des CMS (Compact Muon Solenoid),  einem  fast 2 000 Tonnen wiegenden Teilchendetektor,  am europäischen Kernforschungszentrums CERN in Genf.

Quelle: dpa

Marburg. „Seit der griechisch-antiken Philosophie steht das Handwerk in der Rangfolge der Wertschätzung weit unter der viel edleren ‚reinen Theorie‘. Es wirkt das Vorurteil, dass der Handwerker nichts zur theoriefähigen Erkenntnis beitrage“,  erläutert der Marburger Philosoph Peter Janich. Doch die Rechnung, dass ein Theoretiker mehr wert sei als ein Praktiker und ein Physiker mehr Ansehen genieße als ein Ingenieur, möchte Janich so nicht gelten lassen.

Im Gegenteil: Janich macht in seinem philosophischen Blick auf die Fächer Geometrie, Physik, Chemie und Biologie ­(Lebenswissenschaften) sowie Kommunikationswissenschaften  deutlich, dass diese wissenschaftlichen Disziplinen die Gegenstände ihrer Untersuchungen vor allem handwerklicher Herstellung verdanken. „Was der Handwerker in das gute Funktionieren seiner Produkte als Zweck investiert, macht am Ende den technischen Erfolg der modernen Naturwissenschaften aus“, so Janich.

Die Rolle des Handwerks und seiner ausgefeiltesten Form – der modernen Technik – für mathematische sowie Natur- und Informationswissenschaften werde falsch eingeschätzt, klagt Janich. Dabei wohne jeder technischen Herstellung von Objekten oder Vorgängen eine eigene Rationalität und eine eigene Logik inne.

Der 73-jährige Philosoph sieht sein Buch als eine Art summarischen Forschungsbericht seiner rund vier Jahrzehnte andauernden philosophischen Beschäftigung mit den Naturwissenschaften. Janich war immer schon ein Grenzgänger zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: So hatte er sich erst gegen Ende eines  Physik-Studiums der Philosophie zugewandt (siehe Artikel unten).

Am Beispiel der modernen naturwissenschaftlichen Laboratorien erklärt Janich,  wie wichtig das handwerkliche Innenleben der darin befindlichen Gerätschaften sei. Damit diese exakt funktionierten, müssten sie von „Handwerkern“ hergestellt sein, die über den Zweck der Geräte genau Bescheid wissen müssten.

Denis Papin konstruierte eine Maschine

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein seien beispielsweise die Naturwissenschaften und die Philosophie eng miteinander verknüpft gewesen, und die großen Philosophen wie Leibniz oder Christian Wolff hätten auch technische und naturwissenschaftliche Vorlesungen gehalten. Auch die praktischen technischen Fähigkeiten seien bei Wissenschaftlern teilweise weit verbreitet gewesen. So habe der große Gelehrte Denis Papin (1647-1712), der unter anderem an der Marburger Universität einen Vorläufer der Dampfmaschine entwickelte, sich nicht gescheut, auch selber eine Maschine zu konstruieren.

Doch auch in der modernen Naturwissenschaft des 21. Jahrhunderts sei es sehr wichtig, dass die Forscher ihr Interesse für den technologischen Fortschritt beibehielten. So sei die Entdeckung des Higgs-Boson-Teilchens im Jahr 2012 nicht ohne ein genaues Verständnis der Technik des Teilchenbeschleunigers im Genfer Kernforschungszentrum CERN möglich gewesen. Doch trotz allen Lobs für das technologische Handwerk ist sich Janich nach wie vor auch der Bedeutung des „Mundwerks“ im wissenschaftlichen Kontext bewusst.

„Auch das naturwissenschaftliche Wissen muss in sprachlicher Form dargestellt werden“, macht der Philosoph klar. Zwar könne man vielleicht nicht alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie beispielsweise das neue Wissen über genetische Codes oder komplizierte chemische Formeln  alltagssprachlich angemessen darstellen. Aber es sei unabdingbar, dass Wissenschaftler wenigstens über die aus ihren Erkenntnissen erwachsenden Konsequenzen in möglichst allgemeinverständlicher Form berichten sollten. In diesem Zusammenhang plädiert der Philosoph dafür, dass die Zweiteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überbrückt, wenn nicht gar aufgehoben werden solle.

von Manfred Hitzeroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr