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Halt's Maul, Äffchen!

Schweigen muss man lernen Halt's Maul, Äffchen!

Die einen sehnen sich nach ihr, andere ertragen sie kaum: Stille. OP-Redakteurin Marie ­Lisa Schulz zog aus, um im Schweigeseminar in Oberrosphe das zu tun, was sie am schlechtesten kann: Ruhe bewahren.

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Oberrosphe. In mir wohnt ein Affe. Einer, der mich kitzelt und meine Mundwinkel nach oben zieht. Der mit den Gedanken in meinem Kopf Wettrennen veranstaltet und mit meiner Aufmerksamkeit spazieren geht. Und jetzt soll mein innerer Affe Ruhe geben. Nicht für immer – aber für zwei Stunden. Schwer genug.

Elisabeth Müller kennt sich aus mit inneren Äffchen. Sie übt regelmäßig das Sitzen in der Stille und leitet als Kontemplationslehrerin (siehe Kasten) auch Gruppen in der Kunst des Schweigens an. Dass es dabei um mehr geht, als den Mund zu halten, wird schnell klar.Die Stimmung im warm beheizten Gemeindesaal in Oberrosphe ist ruhig. Fast schon festlich. In der Mitte brennt eine Kerze, Duftstäbchen verströmen ein aufdringliches Aroma.

16 Interessierte haben sich eingefunden, um das Stillsein zu lernen. Männer und Frauen, Alte und Junge. Sie alle sitzen im Kreis. Schweigen. Nicken lediglich, wenn ein neuer Seminarteilnehmer den Raum betritt. Fast so, als hätten sie das Sprechen verlernt.Referentin Elisabeth Müller sagt, ach was, flüstert fast in die Stille hinein. In der Ruhe wirken ihre Worte ungewöhnlich laut. Nicht das „was“, sondern die Tatsache, dass sie überhaupt etwas sagt, lässt erleichtert ausatmen.

So viel Stille – das ist ungewohnt. „Schweigen und sich auf den Atem konzentrieren, das ist langweilig, so lange, bis wir entdecken, was sich dahinter verbirgt. Dann wird es spannend“, erklärt sie. Das Sitzen in der Stille ist für sie eine Form der Meditation. Ein bewusstes „Sein“ im Augenblick. „Meditation muss man lernen. Das kann Jahre dauern, bis der zerstreute Geist gesammelt wird.“ Der zerstreute Geist – mein inneres Äffchen. Das zerrt ungeduldig an meinen Stimmbändern. „Sag doch was“ – fleht es.

Einfach sitzen und schweigen - gar nicht mal so leicht!

Aber ich schweige. Unterdrücke den Impuls, mich meinem Sitznachbarn vorzustellen. Schlucke meine Fragen herunter. Stattdessen rutsche ich auf meinem Reis-Kissen hin und her. Eine bequeme Sitzposition sei das A und O höre ich Elisabeth Müller sagen. Ich finde sie nicht. Weder im Schneidersitz noch kniend. Irgendetwas zwickt und zwackt immer.

Fünf Minuten – so Müller – sollen wir uns über die persönliche Motivation des Schweigens klar werden. Still, versteht sich. Meine Gedanken galoppieren davon. Endlich. Eine Aufgabe, eine Aufgabe! Meine Antwort formuliert sich rasch in meinem Kopf: Ich will Ruhe finden! Das war einfach. Vier Minuten Sitzen in der Stille bleiben übrig. Mein Blick wandert durch den Raum. Ich beginne die Maserung im Fußboden zu analysieren. Ermahne mich. Atme bewusst. Veratme mich. Werde müde.  Döse ein. Schweigen heißt für mich schlafen. Peinlich!

Fremde Stille – Ohren müssen sich erst gewöhnen

Der Gong der Klangschale weckt mich. Wir Teilnehmer sollen uns austauschen. Ich drehe mich zu meinem Sitznachbarn um. Einem älteren Herren. Er schweigt schon wie ein Profi – auch als ich ihn zu seinem Namen befrage. Seine Geschichte erzählen – das will er trotzdem. „Als ich noch gearbeitet habe, habe ich mittags immer mein Büro abgeschlossen und das Telefon ausgestöpselt. Ich habe dann ein paar Atem- und Entspannungsübungen gemacht. Für die anderen war ich in der Zeit einfach weg. Keiner hat je mitbekommen, was ich da tue“, sagt er.

Elisabeth Müller lässt wieder die Klangschale ertönen. Genug geschwätzt. Schweigen lernen bedeutet auch richtig sitzen, stehen und gehen lernen. Füße fest auf den Boden. Als würden sich goldene Wurzeln im Grund festkrallen. Schultern nach hinten, Kopf nach oben – so als halte ein silberner Faden die ganze Last. Zunge locker im Mund liegen lassen, Hände vor dem Zwerchfell zusammenführen. Augen öffnen ohne jedoch zu schauen. „Der Körper ist etwas ganz Wichtiges bei der Meditation.

Das vergessen wir leider zu oft“, erklärt Elisabeth Müller. Draußen heult ein Motor auf. Mindestens acht Köpfe schnellen herum. Der innere Affe – da ist er wieder. „Das Problem ist nicht das Geräusch. Das Problem ist die Reaktion darauf“, erklärt Elisabeth Müller. Sie mahnt nicht, sie schimpft nicht, sie urteilt, aber lobt auch nicht. Schweigen – das weiß sie – ist in der heutigen Zeit eine Herausforderung.

Sitzen in der Stille kostet Überwindung

Eine, der sich mit Mut und innerer Überzeugung  gestellt werden muss.Gemeindemitglied Annette Steinpass war es, die sich nicht mehr nur austauschen, sondern auch gemeinsam still sein wollte. „Das gemeinsame Sitzen gibt eine unglaubliche Energie und ein Gefühl von Zusammenhalt“, erklärt sie in der Pause. Mit ihrem Wunsch stieß sie bei Pfarrer Bernd Arlt auf offene Ohren. „Machen wir“, stimmte er sofort zu. „Aber wie geht es richtig?“, schob er fragend hinterher. Einfach zusammen sitzen und den Mund halten? Wohl kaum. „Wir versuchen noch, unseren Weg zu finden“, sagt er fast entschuldigend. Kontemplationslehrerin Elisabeth Müller soll dabei helfen.

Auch Kilian Steinpass, 19, ist erstmals mit dabei. Mehr, um der Mama einen Gefallen zu tun, als aus tiefer Überzeugung. Vorerst zumindest. „Ich mache gerade mein Abitur und merke, dass ich manchmal sehr unruhig bin. Das Sitzen in der Stille kostet mich schon Überwindung. Aber wenn ich mich darauf einlasse, funktioniert es.“ Ich mache es wie Kilian. Einfach drauf einlassen. Siehe da – es funktioniert. Die Stille ermüdet nicht, sie belebt. Sie beunruhigt nicht, sondern entspannt. Auf dem Rückweg lasse ich das Radio im Auto aus. Mein Handy klingelt – ich ignoriere es. Irgendwie will ich nicht reden. Und mein Äffchen? Das ist erschöpft eingeschlafen.

Hintergrund:

  • Kontemplation (lat. contemplare: „anschauen“) steht für die beschauliche Betrachtung. Eine kontemplative Haltung beinhaltet Ruhe und sanfte Aufmerksamkeit.
  • Kurse von Elisabeth Müller  führen in die Ruhe- und Achtsamkeitsmeditation ein. Dazu gehören: Sitzen in der Stille, meditatives Gehen und das Körpergebet.
  • Jeden Freitag, 18 Uhr, trifft sich eine Gruppe Interessierter im evangelischen Gemeindehaus in Oberrosphe zum Schweigen. Die Sitzung setzt sich zusammen aus 20 Minuten schweigen, 5 Minuten gehen und erneut 20 Minuten schweigen.  

von Marie Lisa Schulz

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