Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regen

Navigation:
„Halt endlich die Klappe!“

Schulprojekt: Eltern auf Probe „Halt endlich die Klappe!“

Wie ist es, sich rund um die Uhr um ein Baby zu kümmern? Dieser Aufgabe stellten sich Schüler der Martin-von-Tour-Schule in Neustadt – zwar nicht mit echten Säuglingen, dafür aber mit Babysimulatoren.

Voriger Artikel
Marktfrühschoppen: Die Burschen jubeln
Nächster Artikel
Verkehr rauscht über Flüster-Asphalt

Julia Boos, Andreas Rymschin und Duygun Erdogan waren für fünf Tage „Eltern auf Zeit“.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Neustadt. Neustadt. „Es war furchtbar!“ Die 16-jährige Nicole ist die erste, die ihre Woche als „Mutter“ im Stuhlkreis Revue passieren lässt. „Tagsüber hat das Baby nichts gemacht. Es war wirklich ruhig, aber abends ging es dann los. Es hat zu den ungünstigsten Zeiten geschrien – andauernd. Irgendwann war ich einfach nur noch wütend.“
Nicole hat mit elf weiteren Schülern eine Woche lang die Verantwortung für ein Baby übernommen. Viele der Jugendlichen sehen übernächtigt aus. Blasse Gesichter. Müde Augen. Die inzwischen ausgeschalteten Puppen liegen achtlos auf den Tischen, nur wenige befinden sich noch behutsam eingepackt in ihren Kindersitzen.
Insgesamt fünf Tage kümmerten sich die Minderjährigen um die lebensecht wirkenden Puppen. Per Armband mit integriertem Identifikationschip waren
die Schüler mit ihren Babys verbunden.

„Damit wird verhindert, dass jemand anderes die Elternrolle übernimmt“, erklärt die Beraterin des Sozial­dienstes katholischer Frauen (SkF), Andrea Hessberger.
Die Einrichtung bietet das Projekt „Schnupperkurs mit Baby“ in verschiedenen Schulen im Landkreis an. Neben Füttern, Windeln wechseln und Wiegen sollen die Kurzzeit-Eltern vor allem lernen, was es bedeutet, Verantwortung für ein kleines Baby zu übernehmen. Vom Kinderwunsch abschrecken wollen die Frauen des SkF aber keineswegs, betont Hessberger. Das Projekt solle vielmehr dazu dienen, die Teilnehmer die vielfältigen psychischen, physischen und sozialen Anforderungen von Elternschaft spüren zu lassen und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Sexualität herzustellen. Besonders die schlaflosen Nächte stecken den übernächtigten Schülern noch in den Knochen. „Entweder hat das Baby geschrien oder ich hatte Angst, dass es gleich wieder anfangen könnte, und bin immer nur kurz eingenickt. Irgendwann habe ich nur noch gedacht: Kind, halt endlich deine Klappe!“, erzählt die 15-
jährige Celine. Ihre Mitschülerin Michelle zieht eine positive Bilanz aus der Woche. „Jetzt merkt man erst, wie viel Arbeit so ein Säugling macht und wie stressig das mit der Doppelbelastung von Schule und Kind überhaupt ist“, meint die 15-Jährige.

Auch Plastikpuppen brauchen Liebe

Die Schülerin glaubt, dass es ohne familiäre Unterstützung kaum zu schaffen sei, alles unter einen Hut zu bekommen. Außerdem ist sie sich sicher, dass sie zuerst ihr Abitur machen möchte und eine Ausbildung absolvieren will, bevor sie über das Kinderkriegen nachdenkt: „Ich möchte meinem Kind ja schließlich was bieten können.“ Fast alle Schüler, die vor Beginn des Projektes angaben, später ein Kind haben zu wollen, hegen den Kinderwunsch auch nach der Woche mit den Puppensimulatoren. „Das Alter, in dem die Jugendlichen Mutter beziehungsweise Vater werden wollen, verschiebt sich nach dem Projekt fast immer nach hinten“, erklärt Andrea Hessberger.
Wie im echten Leben gab es keinen Ausknopf für die Kinder. Rund um die Uhr mussten sie betreut werden.

Das Baby wurde zum ständigen Begleiter. Ob im Schulbus oder beim Einkaufen.
Die 16-jährige Julia kann sich noch genau an die argwöhnischen und neugierigen Blicke der Passanten erinnern, als sie
mit ihrem Baby in einer Eis­diele war. „Als die Puppe anfing, Geräusche von sich zu geben, haben schon einige komisch geguckt. Manche eher abfällig, andere verwirrt, und dann habe ich sie über das Projekt aufgeklärt.“ Selbst bei einer Französischarbeit lagen die Babys neben ihren Eltern auf Zeit. „Auf einmal fing mein Baby mitten in der Arbeit bitterlich an zu weinen. Dann musste ich es erstmal auf den Arm nehmen und beruhigen, bevor ich weiterschreiben
konnte“, berichtet Michelle.

Fünf Tage Eltern sein. Fünf Tage, in denen Spontanität zum Fremdwort wurde. Mit dem Ablegen des Armbandes kam sie wieder: die Freiheit. Die Spontanität, die sie alle so vermisst haben. Auch der automatische Griff zum Mobiltelefon ist plötzlich wieder da. Handy und Kind – das ließ sich während des Projektzeitraums nicht vereinbaren. Die elektromagnetischen Wellen störten die sensible Puppenmechanik. Ein unangenehmes Rauschen drang dann aus dem Kinderbauch. Und so wird jetzt erleichtert schnell eine Nachricht an die Freunde geschrieben: „Ich bin wieder frei“.

von Sophia Hedderich

Hintergrund

  • Neben den normalen Simulatoren hat Andrea Hessberger auch ein Drogen- und ein Alkoholbaby dabei. Diese sind deutlich kleiner und dünner als die anderen Simulatoren. „Das Alkoholbaby schreit sehr viel und die Augenpartie ist deutlich hervorgestellt. Alkohol in der Schwangerschaft ist der häufigste Missbrauchsgrund, weshalb Neugeborene mit Behinderung auf die Welt kommen“, erklärt sie.
  • Auch ein „Schüttelbaby“ gehört zum Repertoire der Beraterin. Bei ihm ist der Kopf durchsichtig. So kann man beim leichten Schütteln des Kindes sehen, welche Regionen des Gehirns bei den ruckartigen Bewegungen zu Schaden kommen. Die entstehenden Gehirnblutungen können zu schweren Behinderungen oder sogar zum Tod führen.
  • Eine einzelne Puppe kostet 800 Euro.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr