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„Hafen für Flüchtlinge und Vertriebene“

Erinnerungen „Hafen für Flüchtlinge und Vertriebene“

Zufluchtsstätte für Fremde: „Die Aufgabe, Marburg nach 1945 zu verwalten, hätte auch die fähigsten, erfinderischsten, phantasievollsten und fleißigsten Verwalter mit sorgfältigsten Plänen auf eine harte Probe gestellt.“

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Szenen aus dem Leben Tausender – nur, dass, 70 Jahre dazwischenliegen: Die Einen flüchteten 1945 vor allem aus Ostpreußen und Schlesien etwa zum Bahnhof Meldorf (Schleswig-Holstein). Die Anderen (Bild unten) flüchteten 2015 vor allem aus Syrien, Afghanistan und Irak etwa zum Bahnhof Passau (Bayern). Archivfotos

Quelle: Archiv

Marburg. Dieser Satz steht in einem Buch, das Bernd Jandrasits beim Aufräumen seines Cappeler Wohnhauses gefunden hat. Es sind Worte, die den 73-Jährigen nachdenklich machen, ihn an Zeiten in Angst und Armut erinnern – wie so vieles, was in dem Nachweltkriegs-Werk des US-Historikers John Gimbel steht. Wie so vieles in seiner eigenen Biografie als Flüchtlingskind.

„Herrje, das, was jetzt passiert, ist doch nicht so viel anders als damals, nichts wirklich Neues!“, sagt er. Als Dreijähriger stand er 1945 mit Mutter, Oma, Schwester und weiteren Familienangehörigen am Hauptbahnhof. Ihre Geburtsstadt Kassel war zerbombt. „Massenweise drängten sich Menschen in die Züge, um wegzukommen. Die Züge hielten in jedem zweiten Dorf, manche sprangen irgendwo ab, andere fuhren weiter. Letztlich standen Hunderte rund um den Marburger Bahnhof – über mehrere Monate ging das so.“

In der Nachkriegszeit sei Marburg zum „Hafen für Flüchtlinge und Vertriebene“ geworden, schreibt der Historiker John Gimbel in seinem 1961 veröffentlichten Werk „Eine deutsche Stadt unter amerikanischer Besatzung: Marburg von 1945-1952“. Die Universitätsstadt sei aber schon in den Jahren vor Kriegsende  zu „einer Zufluchtsstätte, vor allem für Menschen aus dem Rheinland“, schreibt Hermann Bauer, ab 1945 Herausgeber der „Marburger Presse“ (OP). Als auch die Universitätsstadt im Februar 1944 angegriffen wurde, habe es „einen Auszug in umliegende Dörfer“ gegeben. Es sei ein „Kommen und Gehen“ gewesen. 142 Tote und 281 Verletzte gab es durch die Bombardements im zweiten Weltkrieg – die meisten starben am 22. Februar 1944, als mehr als 100 Bomben vor allem auf die Nordstadt fielen.

Die landwirtschaftliche Umgebung, die vielen eine Lebensmittelversorgung möglich machte, habe Tausende angezogen, ergänzt John Gimbel. Die Bevölkerung wuchs um bis zu 43 Prozent, das war fast doppelt so viel wie in anderen Teilen Hessens. „Äußerst schwierig“ sei die Eingliederung der Flüchtlinge gewesen. Wohnraum, Kleidung, Nahrung seien knapp gewesen, der Andrang von Flüchtlingen, Zwangsverschleppten und Soldaten hingegen groß. Durch die Zahl der Tausenden neu in Marburg Ankommenden, wurde zwischenzeitlich ein Zuzugsverbot erlassen. Nur Ost-Flüchtlinge, verwundete – vor allem erblindete – Soldaten sowie Fachkräfte aus dem Handwerk und Verwandte von Ansässigen durften kommen.

Bombenschäden rund um den Hauptbahnhof 1944/1945.

Quelle:

Zum Vergleich: Alleine im Kriegsgefangenenlager Cappel lebten ab 1945 – so Dokumente der damaligen Besatzungs-Verwaltung – zwischen 2000 und 8000 Menschen. Dazu lebten in mehreren Sammelunterkünften und Zimmern Tausende Flüchtlinge. Das im Sommer 2015 eingerichtete Flüchtlingscamp an der Umgehungsstraße bietet Platz für maximal 800 Flüchtlinge – und soll laut Absprache zwischen Magistrat und Regierungspräsidium Gießen nie voll ausgelastet werden. Der Altkreis Biedenkopf nahm 1945 laut Landrat-Dokumenten mehr als 15 000 Flüchtlinge auf. Die meisten von ihnen lebten in zentralen Camps in Biedenkopf, Gladenbach, Wallau und Wilhelmshütte (Dautphetal).

„Gang und gäbe war es, Leute unterzubringen. Hunderte, die herumlungerten, umherstreunten oder bettelten brauchten ja einen Platz.“ Der Handwerker erinnert sich an drei größere Flüchtlingslager in Marburg. Neben dem Kriegsgefangenenlager in der Nähe des heutigen Camps wisse er von einem großen am Erlenring, einem entlang des Krummbogens und einem weiteren – für Sinti und Roma – im Waldtal. „Nackte Not gab es bei allen“, sagt er. „Jeder Stahlhelm wurde zum Kochtopf, wer gut mit der Nadel war, nähte Socken aus Seidenschnüren für Fallschirme, schleppte und hortete alles, was man kriegen konnte – so erschuf man sich Tauschware, etwa, um Essen zu bekommen.“

Selbst dort, wo es Arbeit gab, seien in den Nachkriegsjahren „wenige Flüchtlinge eingestellt“ worden, analysiert US-Historiker Gimbel. Die Neubürger seien unter anderem aufgrund ihrer Gesundheit eine „schwere Belastung für die öffentliche Wohlfahrt“ gewesen – von allem Geld, das die Stadt 1947 für Sozialleistungen ausgab, entfielen 74 Prozent auf Nachkriegs-Neuankömmlinge. Die sozialen Unterschiede schienen sich „noch zu verstärken“.

In der Bahnhofstraße befanden sich die Fahrkartenausgabe und das teils zerstörte Bahnhofshotel.

Quelle:

Laut einer Erhebung der damaligen US-Militärregierung waren 80 Prozent der Flüchtlinge, die rund um Kriegsende nach Marburg kamen, katholisch. Sie trafen auf eine Stadtbevölkerung, die zu 80 Prozent protestantisch war – das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen habe mitunter zu Problemen geführt. Ist das strukturell so viel anders als die derzeit von vielen befürchteten kulturellen Unterschiede zwischen Christentum und Islam?

In Marburg seien Flüchtlinge von Kriegsende bis in die 1970er-Jahre hinein jedenfalls skeptisch und spöttisch betrachtet worden. „Man wurde immer diskriminiert, es gab ständig abwertendes Gerede, lebenslang war man Flüchtling, oder das Kind von einem“, sagt Jandrasits. Es habe ein Vierteljahrhundert, eine Generation gedauert, bis „es sich durchmischt und nach und nach im Umgang normalisiert hat“. Das prognostiziert der Cappeler auch in der aktuellen Situation: So sehr die Asylbewerber sich auch sprachlich wie kulturell integrieren und arbeiten wollen – Chancen darauf, zumal auf Akzeptanz, werden seiner Erfahrung nach erst deren Kinder haben. „Vorher wird das nicht funktionieren.“

Damals wie heute: Offizielle appellieren an Bewohner

Im OP-Archiv finden sich Dutzende Artikel zur Flüchtlingssituation in Marburg und Umgebung. Eine Auswahl:

  • „Finster ist das Bild vor dem Bahnhof“, steht in der Ausgabe vom 9. Oktober 1945 – und bezieht sich nicht nur auf die dort sichtbaren Bombenschäden, den aufgetürmten Schutt, sondern auch auf die Notsituation vieler Neubürger.
  • „... und dann kam aus dem Osten die Welle der Flüchtlinge! Gerade jetzt drängt sich die Frage auf: Wie kann der Westen den Flüchtlingsstrom aufnehmen? Das bedingt natürlich eine soziale Umschichtung, denn die Flüchtlinge wollen nicht nur wohnen, sie müssen auch eine neue Erwerbsquelle finden. Dass das nicht leicht ist und mancherlei Härten mit sich bringt, kann man nicht verschweigen“, steht in der Ausgabe vom 19. Oktober 1945.
  • „Die Mädels in der Marburger, der katholischen, der Hinterländer, der Schwälmer  Tracht, die einst das typische bunte Bild abgaben, gehen ganz unter im Getriebe der Fremden“, heißt es am 26. Oktober 1945.
  • Es sei „dringend notwendig, sie nicht als unbequeme Eindringlinge zu betrachten“, heißt es ein Jahr nach Kriegsende, im März 1946 in einer Stellungnahme des großhessischen Arbeitsministeriums.
  • „Gegen alle Böswilligen wird mit den schärfsten Mitteln vorgegangen“, sagte Friedrich Reinemann, Landrat des Altkreises Biedenkopf Anfang 1946.
  • Zerstörtes Haus in der Nordstadt. Fotos: Sammlung Stadt Marburg

    Quelle:
    „Jeder muss lernen, Verständnis für die Lage der unglücklichen Opfer des Krieges zu gewinnen, die von Haus und Hof vertrieben und nach Verlust all ihrer Habe heimatlos in der Welt umherirren und auf die Gastlichkeit des Landes angewiesen sind, das von solchem Schicksal verschont und  im ungestörten Besitz seines Eigentums geblieben ist. Auf gegenseitiges Heilen kommt es heute an“, sagte der Marburger Jurist Leo von Boxberger am 14. September 1945.
  • Letztlich, sagt Bernd Jandrasits, sei die Sprache der Weltkriegs-Flüchtlinge der wesentliche Unterschied zu den Schutzsuchenden heute gewesen – und selbst das habe für jene, die aus dem Osten kamen, nur eingeschränkt gegolten. Ein Hinweis darauf gibt die 1945er-Kolumne „Marburg – Kleinberlin“, darin heißt es: „Die Zeiten, in denen man jeden Passanten kennt, sind längst vorbei, man kennt ja kaum noch die Bewohner in den Straßen. Man vernimmt jetzt vorwiegend die Stimmen von Ostpreußen, Schlesiern, vor allem aber von Berlinern.“

von Björn Wisker

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