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Haben uns auf einen langen Kampf eingestellt

Kita-Streik Haben uns auf einen langen Kampf eingestellt

Was kommt denn da für‘n wüster Krach aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach? Was lärmt in Kassel, Gießen und Wiesbaden bloß so gnadenlos? - Streikende Hessen.

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Vor den Aktionen an den Streiktagen muss erst einmal der formale Papierkram erledigt werden. In Wetzlar trafen einige von ihnen auf die SPD-Politiker Manuela Schwesig und Sigmar Gabriel.

Quelle: Steffen Gross

Marburg. Die ersten Zeilen der „Hessen-Hymne“ der 80er-Jahre-Erfolgsband Rodgau Monotones könnten es nicht treffender beschreiben: Die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst verschaffen ihre Forderungen laut Gehör.

Wenn der Vize-Kanzler und die Bundesfamilienministerin in diesen Tagen zusammen in den Kindergarten gehen, hat das Brisanz. Mit lauten Sprechchören und Pfeifen empfingen 100 streikende Erzieherinnen Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig vor dem „Abenteuerland“ in Dutenhofen. Ein Signal wollte die SPD-Spitze senden. Doch Worte reichen vielen Kita-Mitarbeiterinnen nicht mehr. Sie wollen eine längst überfällige kräftige Lohnerhöhung erstreiken.

Warum überfällig? „Weil wir dafür schon 2009 auf der Straße waren und uns die damaligen Politiker wie Ursula von der Leyen als damalige Familienministerin zugerufen haben, dass wir es verdienen und nun innerhalb von sechs Jahren nichts passiert ist“, sagt Erzieherin Cordula Tschirschnitz während sie pausenlos für Verdi die Streikteilnahmebögen ihrer Kolleginnen abzeichnet.

Es ist Mittwochmorgen, die Sonne scheint. Drei Busse stehen am Georg-Gaßmann-Stadion in Marburg, davor eine Traube an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Sozial- und Erziehungsdienst der Stadt Marburg, der Gemeinde Weimar, der Stadt Kirchhain und der Stadt Wetter. Sie bereiten sich darauf vor, zur nächsten Großkundgebung nach Wetzlar zu fahren. Andere fahren mit dem Privat-Pkw. Insgesamt weit mehr als 150 Personen.

Am Montag Tretboot-Demoauf der Lahn

Das ist schon die vierte „Reise“ im unbefristeten Streik nach den ersten Zielorten Klein-Linden, Offenbach und Gießen.

Am Montag geht es dann in Marburg mit der ersten Fluss-Demo auf der Lahn weiter. Ab 10 Uhr geht es mit allen zur Verfügung stehenden Tretbooten auf die Lahn. Und Dienstag steht dann wieder Gießen an. „Wir haben uns auf einen langen Kampf eingestellt, wir halten durch, auch wenn wir alle lieber arbeiten würden“, so Tschirschnitz.

Am Mittwoch Nachmittag kommt es für einige Erzieherinnen zum Highlight: Sie sind bei dem Gespräch mit Vize-Kanzler Sigmar Gabriel und Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig dabei.

Die Erwartungen sind gemischt

Die Erwartungen an den Besuch aus Berlin sind im Vorfeld am Mittwochnachmittag gemischt. „Heuchelei“, fand das eine der Streikenden vor dem „Abenteuerland“, wenn es lediglich darum gehen sollte, Solidarität zu zeigen. „Schließlich haben wir es auch der SPD zu verdanken, dass wir da sind, wo wir jetzt sind.“

Salomonischer fällt das Urteil von Verdi-Landeschef Jürgen Bothner aus, als er zufällig vor einem Transparent „Schluss mit Sonntagsreden“ steht. „Es wird Zeit, dass sich die Bundesspitze äußert. Die Erzieherinnenberuf braucht unsere gesellschaftliche Anerkennung. Dazu erwarte ich hier und heute ein Signal an die Republik“, sagte Bothner. „Wenn es nicht nur um einen Aufmerksamkeitsbesuch geht, sondern die Politik endlich die Augen aufmacht und auf die Bedingungen unserer Arbeit schaut, ist das gut“, meint eine weitere Erzieherin.

Mitten ins Auge des Sturms

Gabriel und Schwesig lassen die Streikenden noch eine halbe Stunde warten. Dann bahnten sie sich den Weg durchs Spalier der Transparente mitten ins „Auge des Sturms“.

„Ist ja wie im Fußballstadion hier“, scherzt der Vize-Kanzler zu Beginn seiner Ansprache an die Versammelten. Er dürfe und werde sich nicht in die laufende Tarifauseinadersetzung einmischen, sagte Gabriel. Seiner Unterstützung könnten sich die Erzieherinnen dennoch sicher sein. „Wäre der Erzieherberuf ein traditioneller Männerberuf, dann würde er besser bezahlt“, sagte Gabriel. Gelten müsse aber - egal ob traditioneller Männer- oder Frauenberuf: „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit.“ Gabriel plädierte dafür, die Kommunen weiter finanziell zu entlasten. „Ich kenne keinen Landrat und keinen Bürgermeister, der die Erzieher nicht gerne besser bezahlen würde.“ Aber Bund und Länder nähmen ihnen das Geld dafür weg.

Gabriel: „Wir können den Kommunen nicht immer mehr Aufgaben geben, ohne ihnen auch das Geld dazu zu geben.“ Es gehe dabei auch um den Stellenwert der Städte und Gemeinden.

Schwesig fordert die generelle Aufwertung des Erzieherinnenberufs. „Das ist nicht nur Betreuung, sondern ein wichtiger pädagogischer Beruf“, sagte die Familienministerin. Und: „Kinder sind uns wichtig. Bildung ist uns wichtig. Aber auch diejenigen, die dafür Sorge tragen, sind wichtig.“

Im Raum der „Delfingruppe“ unterhalten sich Gabriel und Schwesig anschließend eine gute Dreiviertelstunde lang intensiv mit etwa 30 Erzieherinnen. Nach dem Gespräch geben sich viele Kita-Mitarbeiterinnen versöhnt. Das Signal des SPD-Duos sei richtig gewesen, berichteten einige.

von Götz Schaub und Steffen Gross

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