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„Habe den Alptraum lange nicht begriffen“

Vertriebenen-Schicksal „Habe den Alptraum lange nicht begriffen“

Weltkriegs-Bomben trafen ihr Haus, Bekannte starben im Kriegstreiben, Sehnsucht nach Sicherheit trieb sie an: Ilse Schwerdtfeger floh mit ihrer Familie aus Troppau im Sudetenland - und baute sich in Marburg ein Leben auf.

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Ilse Schwerdtfeger floh im Sommer 1946 aus dem Sudetenland. Sie zeigt ihre Entlausungs-Bescheinigung und ein Foto-Album, in dem auch Bilder ihrer Jugendzeit in Anzefahr sind.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Auch 70 Jahre später kann sie es noch singen, das Vertriebenenlied: „Schon vor Wochen hörte man die Tschechen schreien - Deutsche, holt euch den Aussiedlerschein! Nun ist‘s wahr geworden und wir müssen raus, alle weinen Tränen um ihr Vaterhaus. 50 Kilo ist nun unser Hab und Gut, aber Deutsche sind wir, das gibt frohen Mut. Beim Amerikaner wird‘s uns besser gehen, in der neuen Heimat gibt‘s ein Wiedersehen.“

Für die damals 13-jährige Ilse Schwerdtfeger war die Vertreibung aus dem Sudetenland „mehr ein Abenteuer als ein Trauma“. Im Viehwaggon eines Zuges saß sie im Sommer 1946 mit zwei Dutzend anderen Aussiedlern und ein paar Kilogramm Gepäck. Eine Woche dauerte es für sie aus dem Landkreis Römerstadt in Ost-Tschechien bis nach Mittelhessen. Während der Fahrt seien die Seitentüren der Waggons zwar offen gewesen - „so konnten wir wenigstens die Landschaft sehen“ - aber niemand wusste, wo die Reise endet.

Ab Januar 1946 rollten Tausende Züge gen Westen, alle voller Heimatvertriebener. Mehr als 400 Züge mit rund 400000 Menschen kamen in den Jahren nach Kriegsende in Hessen an (insgesamt gibt es rund 12 Millionen Heimatvertriebene). In Marburg steht seit dem Jahr 1964 ein Gedenkstein im Hauptfriedhof. Inschrift: „Die Heimatvertriebenen ihren Toten.“ Die meisten Flüchtlinge lebten zunächst in einem von hessenweit 200 Durchgangslagern - unter anderem, parallel zur Situation seit 2015, in Gießen.

Leben im Dorf Anzefahr, Sehnsucht nach Stadtleben

Am 31. August 1946 musste Ilse Schwerdtfeger, wie alle Neuankömmlinge, zur Entlausung nach Wiesau (Ostbayern). „Da gab es einen Kringel Fleischwurst. Das war ein Genuss, es war wie im Wunderland.“ Für sie entpuppte sich aber Kirchhain als letzter Stopp, dann musste sich die dreiköpfige Familie entscheiden: Unterkommen in Niederwald oder Anzefahr? „Wir hörten, dass Anzefahr wegen der Gleise und einer Hauptstraße besser liegen soll, Niederwald weiter draußen ist. Aber erst wollte uns keiner helfen, anfangs schliefen wir auf Strohballen“, sagt die 83-Jährige.

Bei einer Bauernfamilie fanden sie dann Zuflucht, fortan lebten sie zu dritt in einem zwölf Quadratmeterzimmer direkt neben der Räucherkammer eines Bauernhofs. Es herrschte - typisch Nachkriegszeit - Mangel am Notwendigsten. Die Vertriebenen packten aber mit an, nach und nach wurde das Verhältnis zu den Dorfbewohnern besser. Später lieh man Ilse Schwerdtfeger im Ort die traditionelle Tracht - als Festgewand für die Firmung in der Kirche.

Als sie in dem Büchlein mit Schwarz-Weiß-Fotos aus dieser Zeit blättert, huscht ihr ein Lächeln über die Lippen. Bis heute erinnert sie sich an die ersten hessischen Worte, die sie hörte. Eine Frau kam auf sie zu: „Gelle Madche, hoast Honger?! Kimm, ich schmier dir Bodder“.

1950 zog die Familie aber in die Universitätsstadt an den Erlenring, wo der Wohnungsbau vorangetrieben wurde. „Wir waren zwar Katholiken, aber vor allem Städter. In Anzefahr war damals vieles noch strenger als im Sudetenland. In Marburg war man freier.“ Kurios: Bereits drei Jahre zuvor war die Universitätsstadt mal Thema in der Troppauer Obersschule. Sie sah Fotos, „da will ich mal studieren“.

Ilse Schwerdtfeger besuchte die Elisabethschule. „Meine Jugend war gut, ich litt nicht so sehr wie meine Eltern, die sich ja in der Heimat alles aufgebaut und alles im Handstreich verloren hatten. In der Schule haben die meisten jedenfalls keine Unterschiede zwischen Vertriebenen und Einheimischen gemacht. Da hatte es die ältere Generation schwerer, Anschluss zu finden.“ Die Eltern - Abteilungsleiter und Postbeamtin - fanden keine Jobs mehr. Sie schon, Lehre bei der Sparkasse, danach einige Jahre nach Frankfurt bevor sie die Geburt des ersten Kindes nach Marburg zurückkehren ließ, erst in die Marbach, später in die Wilhelm-Busch-Straße.

„Die Hoffnung auf ein Zurückkommen war lange da. Irgendwann schwand diese Hoffnung, dann war sie weg.“ Erst in den vergangenen 15, 20 Jahren sei ihr die Dimension der eigenen Vertreibung, der Verluste bewusst geworden. „Ich habe lange nicht begriffen, was, welcher Alptraum uns da eigentlich angetan wurde.“

von Björn Wisker

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