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Gutachterin rückt Täter in Mord-Nähe

Prozess gegen Messerstecher Gutachterin rückt Täter in Mord-Nähe

Im Prozess gegen einen 24-Jährigen, der 2014 seine Schwiegermutter (51) erstochen hat, präsentierte die sachverständige Psychologin das Ergebnis ihrer Untersuchung des Angeklagten.

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Die Nebenkläger – Ex-Ehefrau des Messerstechers sowie ihr Bruder – werden von Dr. Marina Marschall (links) und Elke Edelmann vertreten. Sie sehen in mehreren Fällen Mordmerkmale, etwa das der Heimtücke, als erfüllt an.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Affekt ist laut Gutachterin Dr. Petra Bauer (57) ausgeschlossen: „Er ist bei der Tat zielgerichtet, geordnet und orientiert vorgegangen. Er ist für das, was geschehen ist, voll verantwortlich“, sagt sie. Nach der Untersuchung des Metallbauers gebe es zwar Hinweise auf „erhebliche psychische Kränkung und einen seelisch labilen Zustand“. Jedoch:  „Viele entscheidende Dinge, die ganze Konstellation der Tat sprechen gegen eine Affekthandlung, auch eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung des Angeklagten liegt nicht vor“, sagt Bauer.

„Ziel seiner Rachegelüste war die Ehefrau. Deshalb rannte er ihr nach dem Angriff auf die beiden anderen Opfer in die Nachbarwohnung hinterher. Er verfolgte an diesem Tag einen komplexen Handlungsstrang“, sagt Bauer. Das Geschehen am 30. Mai 2014 deute auf Planung hin, „seine aggressiven Phantasien hat er vorher gedanklich durchgespielt“.

Das zeige sich etwa daran, dass er Freunden gegenüber den Angriff via SMS kurz zuvor – samt Konsequenz „Gefängnis oder Klapse“ – ankündigte. Bauer erkennt zudem eine „schon vor der Tat vorhandene Bereitschaft“. Grund: Nur wenige Tage vor der Messerstecherei würgte er seine mittlerweile geschiedene Frau, nur die anwesenden Kinder hätten ihn nach eigenen Aussagen von der Tötung der  23-Jährigen abgehalten.

Den tödlichen Messerstichen in den Körper der 51-Jährigen sowie der Verletzung des Schwagers – der sich laut Nebenklage aufgrund der Nachwirkungen vergangene Woche das Leben nehmen wollte – seien keine Eskalation, keine neuen Provokationen und somit „kein plötzlicher, steiler Anstieg der Emotion“ vorausgegangen. Der Angeklagte, der nicht vorbestraft ist, habe in seinem Leben Gewalt „stets zweckgebunden“ eingesetzt, ein aufbrausender Charakter sei er nicht, weshalb auch eine Impulsivtat auszuschließen sei.

Anwälte sehen Indizien für verminderte Schuldfähigkeit

Der 30. Mai sei für ihn vielmehr das Ende „des finalen Countdowns“ nach Wochen des Streits und der Rückschläge innerhalb der Trennungsphase gewesen. Wenn seine Frau das Ehebett an diesem Tag nicht herausgebe, würde er seine Ankündigung – via SMS schrieb er Freunden: „Ich kill‘ die Bitch“– wahr werden lassen.

In den Aussagen des Angeklagten – „er wirkte immer sehr gefasst, tiefe Erschütterung nach dem schweren Verbrechen war nicht zu spüren“ – gebe es zudem einige Widersprüche. Er mache etwa zum Grund für das Mitführen der Tatwaffe – eines Keramikmessers – unterschiedliche Angaben, auch zum dem Verhältnis zu der getöteten Schwiegermutter wechselten seine Schilderungen bei den Gesprächen mit der Psychologin.  Der Cappeler, so Bauers Beobachtung, habe generell „wenig Unrechtsbewusstsein“, dafür „starke Wut- und Rachegefühle“ sowie eine „massive narzisstische Kränkung und große Verzweiflung“.

Bauer schildert, dass der 24-Jährige „für sein Scheitern in Schule, Lehre oder Ehe immer andere, nie sich selbst als verantwortlich“ ansehe. Der Angeklagte spricht indes von „umherschwirrenden Köpfen, die ich nach der Einnahme von Medikamenten in Alp- und Tagträumen gesehen habe“. Mehrere Tabletten Anti-Depressiva habe er vor den Messerangriffen eingenommen. Die Verteidigung sieht darin Indizien für eine verminderte Schuldfähigkeit des 24-Jährigen. Bauer verneint das: „Für eine medikamentöse, gar toxische Beeinträchtigung spricht überhaupt nichts.“

Der Tathergang: Der geständige Metallbauer erstach im Mai 2014 in einem Mehrfamilienhaus in der Moischter Straße erst das 51-jährige Opfer, verletzte seinen Schwager und jagte dann seine 23-jährige Ex-Frau durch das Haus, stach mit einem Keramikmesser mehrfach auf die Hausfrau ein.

von Björn Wisker

  • Fortsetzung – wohl mit Plädoyers und Urteil – am 26. März ab 10 Uhr (Saal 101).
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