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Gutachter: Hinweise auf Affekttat - aber mit Einschränkung

Prozess: Messerstecherei im Kupfergraben Gutachter: Hinweise auf Affekttat - aber mit Einschränkung

Entscheidende Phase im Prozess gegen eine Jurastudentin, die zugibt, Laura S. (29) umgebracht zu haben: Gestern ist das Sachverständigen-Gutachten eingebracht worden, dass die Möglichkeit einer Affekttat untersucht.

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Im Landgericht Marburg wird der Fall der im Südviertel getöteten Studentin verhandelt: Die Angeklagte versteckt sich hinter einer Mappe, wird begleitet von einem Polizisten und ihrem Verteidiger Sascha Marks (rechts).

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Gutachten, hinter dem noch einige Fragezeichen stehen, lieferte Gutachter Dr. Wolfgang Kloß gestern im Prozess um die Bluttat im Südviertel. Es gebe deutliche Hinweise auf eine im höchstgradigen Affekt verübte Tat, die mit einer tiefgreifenden Bewusstseinstörung der Angeklagten zum Tatzeitpunkt einhergegangen sei, sagte Kloß. Demzufolge sei der Tatablauf charakteristisch dafür, und auch das Folgegeschehen spreche nicht dagegen.

Der Gutachter machte jedoch eine entscheidende Einschränkung. Dies gelte nur dann, wenn man den Angaben der Angeklagten folge. Diese machte im Prozessverlauf zwar keine genaueren Angaben zu ihren Motiven für die Bluttat, aber sie hatte darüber im Gespräch mit dem Gutachter im Vorfeld des Prozesses ausgiebig gesprochen. Gestern bestätigte sie vor Gericht, dass diese Angaben so zuträfen.

Demnach sei sie am Morgen des 26. März dieses Jahres zu dem Haus am Kupfergraben mit der festen Absicht gegangen, noch einmal mit ihrem Ex-Freund zu reden und sich dann vor ihm umzubringen. Zu diesem Zweck habe sie zwei Küchenmesser und zusätzlich Schlaftabletten mit dabeigehabt. Als dann aber statt des Ex-Freundes nur dessen neue Partnerin, die 29-jährige Studentin, aus dem Haus gekommen war, kam es zu einem Wortwechsel. Dabei habe die 29-Jährige ihr gesagt: „Geh, lass dich von einem anderen ficken“.

Vielleicht doch kein Affekt

Wenn dieses so gesagt worden sei, dann habe „dieser letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen“ gebracht, so der Gutachter. Das Tatgeschehen sei dann mit großer Energie und Schnelligkeit abgelaufen und es habe keine Flucht der Täterin gegeben.

Wenn sie allerdings vorher geplant habe, die Nebenbuhlerin umzubringen, dann spräche dieses gegen eine Affekttat, schränkte der Gutachter ein. Das Gutachten würde dann ein anderes Ergebnis haben, wenn der Angeklagten andere Absichten nachzuweisen seien und sie die beiden Messer zu einem anderen Zweck mitgebracht hätte.

Dies gelte auch dann, wenn die Angeklagte mit dem Vorsatz hingegangen sei, das spätere Opfer zu verletzen. Genau das aber habe ihr die Angeklagte bei einem Gespräch kurz nach der Tat erzählte, berichtete gestern eine Psychiaterin der Gerichtspsychiatrie in Haina als Zeugin vor Gericht. Mit einer Reihe von nachbohrenden Fragen stellte die Nebenklage-Anwältin, die die Eltern des Opfers vertritt, gestern erneut die Affekt-Hypothese in Frage.

Ende März tötete die Angeklagte die 29-jährige Fremdsprachenstudentin vor dem Wohnhaus „Am Kupfergraben“ im Marburger Südviertel. Wie die zuständige Gerichtsmedizinerin sagte, habe es sich bei dem Angriff um bis zu 36 Messerstiche – vor allem auf Arme und Beine sowie einige in den Oberkörper – gehandelt.  Die 27-Jährige hatte bei dem Überfall am Morgen des 26. März zwei Küchenmesser sowie Dutzende Schlaftabletten und eine Flasche Wasser dabei. Zudem trug sie einen Brief bei sich, der den Angriff erklären soll.In dem Schreiben schildert sie die Beziehung und Probleme mit dem Ex-Freund (25), dem neuen Partner von Laura S. Auf das spätere Opfer ging die Jurastudentin kaum ein. In ihrer Oberstadt-Wohnung hinterließ sie – für die Polizei markiert – viele Hinweise. Die Eltern, vertreten von Nebenklage-Anwältin Elke Edelmann, hatten während des Prozesses gefordert, dass das Gericht eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht ziehen solle. Die Staatsanwaltschaft hatte Totschlag angeklagt.

Zeugen schilderten an den vergangenen Prozesstagen Beziehungsdetails. Demnach soll  die Beziehung „einseitig“ gewesen sein, nur die Angeklagte habe in diese investiert. Der Ex-Freund, der das rund ein Jahr andauernde Verhältnis als „Sexbeziehung“ bezeichnete, habe sie laut Zeugen „massiv ausgenutzt“. Auch Dutzende Internetnachrichten wurden als Beweise vorgelegt.

  • Am Freitag ab 9 Uhr sollen im Saal 101 des Landgerichts die Plädoyers folgen. Dann muss die zuständige Landgerichtskammer unter Vorsitz von Dr. Carsten ihr Urteil fällen.

von Manfred Hitzeroth und Björn Wisker

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