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Gülleverordnung - den Bauern stinkt‘s

Aus für viele Landwirte? Gülleverordnung - den Bauern stinkt‘s

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, finden heimische Landwirte - und suchen angesichts geplanter Änderungen der Düngeverordnung und für Jauche- und Gülleanlagen Unterstützung beim Bundestagsabgeordneten Sören Bartol.

Ein Landwirt bringt Gülle auf einer Wiese aus. Eine Novelle der Düngeverordnung würde das künftig schon ab Anfang Oktober verhindern.

Quelle: Armin Weigel

Marburg. Jauche, Gülle, Silagesickersäfte - der Laie will von solchen Themen meist lieber gar nichts wissen. Warum die Ausführungsbestimmungen für das Ausbringen und die Lagerung von sogenanntem Wirtschaftsdünger aber ganz erheblichen Einfluss auf die Zukunft vieler kleiner bäuerlicher Betriebe - und damit auf die Pflege unserer Landschaft - haben könnten, schilderten Mitglieder des Kreisbauernverbandes dem Marburger SPD-Bundestagsabgeordneten.

Hintergrund der Diskussion ist die Novelle der Düngeverordnung und die Anpassung der Verordnung zur Lagerung von flüssigen und festen Wirtschaftsdüngern, die derzeit auf Ministeriumsebene in Berlin ausgearbeitet wird.

Sie ist notwendig geworden, weil die Europäische Union aufgrund zu hoher Nitratbelastungen im Wasser ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet hat.

„Zweitschlechtester Wert“

Die überarbeiteten Verordnungen soll nun dazu beitragen, dass über strengere Vorgaben an die Landwirtschaft künftig weniger Stickstoff ins Grundwasser abgegeben wird.

Es bestehe zum Schutz der Gewässer und des Grundwassers ja durchaus Handlungsbedarf, wusste Bartol zu berichten, denn die Bundesrepublik habe die zweitschlechtesten Werte im Vergleich der EU-Staaten aufgewiesen. Schon da widersprachen die Landwirte vehement. Ulrich Zick aus Fronhausen sagte, dass die Bundesregierung von mehr als 800 Messstellen in Deutschland nur die 200 mit den schlechtesten Werten nach Brüssel gemeldet habe. Da liege schon der erste Fehler.

Denn was für Regionen mit hoher Nutztierdichte, zum Beispiel im Nordwesten Deutschlands, gelte, sei nicht einfach ins Allgemeine übertragbar. Selbst in unserem Landkreis seien die Unterschiede, abhängig von der Zahl und Größe der Betriebe, von Gemeinde zu Gemeinde erheblich, erklärte Zick.

An dem Zustandekommen des EU-Vertragsverletzungsverfahrens und der Notwendigkeit, die Verordnung zu überarbeiten, lasse sich kurzfristig nichts ändern, gab Bartol zu bedenken. Der Bundestag selbst ist hieran nicht beteiligt, die Verordnung muss am Ende von der Länderkammer, dem Bundesrat, gebilligt werden. Ihm sei aber die Dramatik klar geworden, er wolle sich an der Suche nach Lösungen im Interesse der Landwirte beteiligen.

Koch: „Muss praktikabel sein“

„Wir haben ein offenes Ohr für Verbesserungen, aber es muss auch praktikabel sein“, sagte Kreisbauernverbandsvorsitzender Erwin Koch. „Manche der Vorschläge können wir als Landwirte nicht nachvollziehen.“ Es sei ein Gesetz, das von oben nach unten gemacht wurde, und Landwirte nicht einbeziehe.

Ein Kritikpunkt der Bauern ist die Verschärfung der Sperrfristen, in denen Gülle und Mist nicht auf Felder und Grünland gebracht werden darf. Dies will der Entwurf der Verordnung, die zwischen Bundeslandwirtschafts- und -wirtschaftministerium abgestimmt wird, künftig nur bis zum 30. September erlauben (bisher 31. Oktober). Bis 31. Januar wäre es verboten. Der Grund: Der Dünger könnte in der niederschlagsreichen Zeit abgeschwemmt werden und Gewässer belasten.

Dies brächte die Landwirte aber in große Schwierigkeiten, wenn man bedenke, dass in diesem Jahr viele die Ernte erst kurz vor dem 30. September abgeschlossen haben, sagte Walter Müller aus Mornshausen. Die Folge wäre, dass Gülle nicht mehr rechtzeitig auf alle Flächen ausgebracht werden kann. Sie müsste dann bis zum Frühjahr gelagert werden.

Im Frühjahr hieße das, dass dann die entsprechend größere Menge auf die Felder käme, so Stefan Lölkes aus Mellnau, denn: „Das Verbot ändert ja nichts an den Mengen, die anfallen und auch wieder ausgebracht werden müssen.“ Sinnvoll sei eine auf diese Weise verstärkte Düngung im Frühjahr für manche Pflanzen im Übrigen auch gar nicht, so die Landwirte. Es sei einfach der falsche Ansatz.

Das ausgeweitete Ausbringungsverbot brächte jedoch unmittelbar ein weiteres Problem mit sich, das gerade für viele Nebenerwerbslandwirte im Kreis, die rund 80 Prozent der Betriebe ausmachen, das Aus bedeuten könne, warnte Erwin Koch.

Denn viele Landwirte müssten ihre Lager erweitern, modernisieren oder neu bauen oder Wirtschaftsdünger bei Kollegen zwischenlagern, die größere Kapazitäten haben, so Walter Müller. „Gülletourismus“ könne sicher nicht Sinn der Verordnung sein, wandte Lölkes ein.

Lager erweitern will keiner

Der Neubau solcher Lager kostet, verschärfte Regeln für teilweise seit Generationen bestehende Gruben, Silos und Güllekeller in Scheunen stellten die Landwirte vor große Probleme. So müssten Systeme zum Erkennen von Lecks nachgerüstet werden. Wo das nicht geht, müsste neu gebaut werden.

Dass die kleineren Betriebe im Landkreis große Summen investieren, um neue Silos zu bauen - zu erwartender Widerstand aus der Bevölkerung mit inbegriffen -, das glaubt Erwin Koch nicht. „Dann machen sie das Buch ganz zu und geben den Betrieb auf“, fürchtet der Vorsitzende des Kreisbauernverbands. Was das für die regionale Erzeugung von Lebensmitteln und für die Pflege der Kulturlandschaft bedeuten würde, könne sich dann jeder selbst ausmalen.

von Michael Agricola

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