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Grüne Insel war Römern zu unattraktiv

Forschung Marburg Grüne Insel war Römern zu unattraktiv

Der Marburger Althistoriker Patrick Reinard korrigiert das historische Irland-Bild der Antike: Die Römer erkundeten damals die "grüne Insel" zwar. Sie war ihnen aber zu unattraktiv für eine Invasion.

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Die grüne Insel Irland bietet malerische Landschafts-Impressionen. Foto: Michael Agricola

Marburg. Das römische Imperium ließ die „grüne Insel“ Irland, die damals „Hibernia“ hieß, schon im ersten Jahrhundert nach Christus erkunden. Es sah aber nach einer gründlichen Kosten-Nutzen-Abwägung von einem militärischen Engagement und einer damit verbundenen Besetzung ab - im Gegensatz zu der um das Jahr 43 n.Chr. erfolgten römischen Invasion Britanniens. Der Marburger Historiker Patrick Reinard stellte die Ergebnisse seiner Forschungen jetzt in einem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Marburger Beiträge zur Antiken Handelsgeschichte“ ausführlich vor.

Reinard zog für seine Untersuchung literarische und ­archäologische Quellen aus der Antike heran und verglich sie mit Befunden zu anderen Grenzregionen der römischen Welt. Nicht einbezogen hat Reinard die mittelalterliche Überlieferung der irischen Annalen zu dem Königssohn Tuathal Techtmar, demzufolge dieser nach Britannien vertrieben worden und mit militärischer Unterstützung nach Irland zurückgekehrt sei. Aus Sicht des Forschers ist die historische Authentizität dieser literarischen Texte fraglich. Zusätzliche Information für die Bearbeitung der antiken Quellen können der irische Überlieferung nicht entnommen werden.

Mit seinen Forschungen hat der Marburger ­Althistoriker das bisher vorliegende Irland-Bild korrigiert. „In der Forschung war man bisher stets der Meinung, dass die Insel keineswegs im römischen Interessengebiet gelegen habe“, erklärt Reinard. „Eine römische Präsenz, vielleicht sogar eine militärische Invasion, wurde immer ausgeschlossen.“

Dabei fanden sich laut Reinard bei zeitgenössischen antiken Autoren genauere Angaben zu römischen Militäraktionen in Irland und sogar zu einer detaillierten Planung einer Einnahme der Insel.

Außerdem sei mit Drumanagh, nördlich von Dublin an der Ostküste gelegen,eine Anlage archäologisch nachgewiesen, in der als römisch anzusprechendes Fundmaterial nachgewiesen sei. Da dort keine eindeutig als militärisch zu kategorisierenden Funde aufgetreten seien, nennt Reinard sie einen „zivilen Handelsstützpunkt“. Ob Drumanagh allerdings auf Anweisung eines römischen Statthalters errichtet worden sei, müsse offenbleiben.

Bereits während seines Studiums an der Universität Trier von 2005 bis 2010 stieß der Historiker auf sein Thema. Dabei interessierte ihn besonders eine Passage in der von dem Geschichtsschreiber Tacitus um das Jahr 98 n. Chr. verfassten Lebensbeschreibung des Feldherrn Gnaeus Iulius Agricola, der von 77 bis 84 n. Chr. römischer Statthalter in der Provinz Britannia und zudem der Schwiegervater von Tacitus war. Diese Tacitus-Textstelle über Irland wurde bisher von den Althistorikern kaum grundlegend analysiert, erläutert Reinard. Sie stelle aber einen der wenigen Belege dafür dar, dass die römische Besatzungsmacht in Britannien sehr wohl ernsthaft eine militärische Invasion der angrenzenden Insel Irland erwogen habe.

In römischen Erkundungsfahrten sei Irland mit Sicherheit sorgfältig erforscht worden. Dies gehe beispielsweise aus einer Satire des Schriftstellers Juvenal hervor, der über einen bewaffneten Zug nach Juvernia (Hibernia) schreibt, an dem er wohl auch selber teilgenommen haben könnte. Dieser Bericht deute aber allem Anschein nach nicht auf ein groß angelegtes militärisches Vorgehen, sondern eher eine Erkundung hin, so Patrick Reinard.

„Die Quellen zeigen, dass sich Rom an der ‚irischen Seegrenze‘ genauso wie an jeder anderen Grenze verhalten hat“, führt Reinard aus. „Land und Leute wurden genau untersucht, mögliche ökonomische, militärische und politische Potenziale ebenso beobachtet und bewertet wie die geographische und nautische Situation.“ Es müsse zudem intensive politische und wirtschaftliche Kontakte zwischen den Römern in der britannischen Provinz und irischen Potentaten gegeben haben.

„Tacitus nutzt das Thema der unterlassenen Irland-Invasion, um den verhassten Kaiser Domitian als unfähigen Herrscher abzuqualifizieren, der aus persönlichem Neid die günstige Gelegenheit der Einnahme einer bisher unbekannten Insel habe verstreichen lassen“, urteilt Reinard. Tacitus verschweige jedoch in seinen schriftlichen Aufzeichnungen bewusst, dass eine Invasion Irlands genauso wie die nicht erfolgte Besetzung des nördlichen Teils Britanniens für Domitian ökonomisch unrentabel gewesen wäre.

Warum kam es also nicht zu einer Invasion und einer dauerhaften Provinzialisierung Irlands? Reinard macht hierfür neben der geringen ökonomische Leistung der Insel auch die Tatsache verantwortlich, dass die militärische Bedrohung durch Irland von Rom letztlich als zu gering angesehen worden sei.

Dennoch blieb Irland keineswegs ein entlegener Teil der antiken Welt - von der Mitte des 1. Jahrhunderts an gab es enge Handelsbeziehungen zur römischen Provinz Britannia. Als lohnenswert sieht Reinard jetzt unter anderem die Untersuchung der Frage an, wie sich die Beziehungen zwischen dem römischen Reich und Irland in der Folgezeit und in der Spätantike ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. weiter entwickelt hätten - und dies in einer ebenfalls noch wenig erforschten Zeit, für die es aber eine größere Anzahl von schriftlichen Quellen gebe. Für eine denkbare militärische Präsenz böten die spätantiken Quellen jedoch keine Hinweise, so der Historiker.

von Manfred Hitzeroth

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