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"Großes Herz für kleine Leute"

Abschied von Egon Vaupel "Großes Herz für kleine Leute"

Rund 800 geladene Gäste verfolgten in der Georg-Gassmann-Halle die offizielle Verabschiedung von Oberbürgermeister Egon Vaupel und dessen Übergabe der Amtskette an seinen Nachfolger Dr. Thomas Spies (beide SPD).

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Egon und Rita Vaupel genießen das Programm.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Eigens zur Verabschiedung des Oberbürgermeisters war ein Cocktail namens „Egon“ kreiert worden. Das knallrote Getränk, das sich die Gäste nach dem vier Stunden andauernden offiziellen Teil beim vom Ahrens-Restaurant ausgerichteten Büffet schmecken lassen durften, bestand zur Hauptsache aus Mineralwasser und Prosecco sowie einem weiteren Teil Erdbeersirup und jeweils einem Minzeblättchen. Spritzig und süß, aber auch aromatisch und erfrischend: So schmeckte das Mixgetränk.

 

Eine bunte Mischung aus Gefühlen – von Melancholie über befreite Fröhlichkeit bis hin zu ernsthaften Reflexionen – bestimmte zuvor die Verabschiedungs-Show für Egon Vaupel, durch die dessen langjährige persönliche Referentin Brigitte Bohnke als Moderatorin führte.

 

Mit großem Ernst, sichtlich gerührt und um Fassung bemüht, kam der scheidende Ober­bürgermeister auf die Bühne, auf die er schon in der ersten Hälfte des Nachmittags gebeten wurde. Der Grund: Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) zeichnete Vaupel mit der Ehrenbürgerwürde aus.

Die Übergabe der Amtskette durch den scheidenden Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) an seinen Nachfolger Dr. Thomas Spies (SPD) bildete Montagabend den Abschluss der offiziellen Verabschiedung von Vaupel . Zuvor hatten verschiedene Redner Vaupel als Oberbürgermeister gewürdigt, dem stets das Wohl aller Menschen in Marburg am Herzen gelegen habe. Stadt­verordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) verlieh Vaupel die Ehrenbürgerwürde der Stadt Marburg. Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) zeichnete den scheidenden Rathauschef mit dem hessischen Verdienstorden aus. Rund 800 geladene Gäste verfolgten die Veranstaltung in der Georg-Gassmann-Halle. Umrahmt wurde die Show von zahlreichen musikalischen Beiträgen. So gaben „Oh, Alaska“ sowie Werner Eismann und Co. ihre Visitenkarte ab. Fotos: Nadine Weigel

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„Du hast es mehr als verdient, Egon“, sagte Löwer. Später sagte Vaupel dann, dass er diese Ehrenbürgerwürde allen Menschen in Marburg widme, mit denen er in den vergangenen 18 Jahren – zunächst als Bürgermeister und dann ab 2005 als Oberbürgermeister – zusammengearbeitet habe.

  „Egon Vaupel ist ein großer Mann mit einem ganz großen Herz für die kleinen Leute“: 
So kennzeichnete der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), der Präsident des Hessischen Städtetags, seinen scheidenden Amtskollegen. Er sei ein OB gewesen, der dem Amt persönlich seinen Stempel aufgedrückt habe.

Stets seien Vaupel die Begegnungen mit den Menschen am wichtigsten gewesen. Er habe sich immer bemüht, Streitigkeiten im Konsens zu klären. Der „Teamplayer“ Vaupel sei aber gleichzeitig hartnäckig und durchsetzungsstark gewesen.

Über das übliche Maß hinaus engagiert

Ungeahnte Einblicke in die Personalakte des ehemaligen Finanzbeamten Vaupel bei der hessischen Finanzverwaltung 
gab der amtierende hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) mit Ein­willigung des OB. So habe sich Vaupel durch sein „Einfühlungsvermögen“ ausgezeichnet und sich von über das übliche Maß hinaus engagiert.

Ehrenbürger unter sich: Egon Vaupel und Schwester Edith.

Quelle:

Ein ehemaliger Weggefährte Vaupels bei der hessischen Finanzschule in Gießen – Werner Eismann – 
 sorgte mit für das 
Kulturprogramm. Zusammen mit seinem Bruder und dem Sänger Ronny Moucka sang er „The Show must go on“.

Mindestens genauso sehr freute sich Vaupel über den Auftritt von „Oh, Alaska“, dem jungen musikalischen Trio um Sängerin Yana Gehr­cke, die der Rathauschef vor vier Jahren direkt vor dem Cineplex-
Kino spielen sah und „von der Straße weg“ für den städtischen Neujahrsempfang verpflichtet hatte. Ein Auftritt von Musikern und Sängern des Hessischen Landestheaters mit Liedern aus „Cinderella“ und „Blues Brothers“ komplettierte die Musikeinlagen.

Etwas ganz Besonderes für den Schalke-Fan war dann der Auftritt des überlebensgroßen Schalke-Maskottchens Erwin, der Egon Vaupel auf der Bühne herzte und ihm ein besonderes Trikot seines Lieblingsvereins überreichte. „Das ist das echte Maskottchen und das echte Bergmanns-Trikot“, freute sich der Beschenkte. Obendrauf gab’s für Vaupel anschließend auch noch ein handsigniertes Trikot der Fußball-Weltmeister von 2014, das ihm Rolf Hocke, Präsident des Hessischen Fußballverbands, überreichte.

Auszeichnung mit Hessischem Verdienstorden

Bei so vielen Geschenken durfte eine weitere Ehrung nicht fehlen: Finanzminister Schäfer zeichnete Vaupel mit dem Hessischen Verdienstorden aus.
Besonderes Lob für den scheidenden OB gab es auch von dem ehemaligen Regierungspräsidenten Dr. Lars Witteck (CDU), besonders für Vaupels unermüdlichen und aus Sicht Wittecks vorbildlichen Einsatz für die Aufnahme der Flüchtlinge. „Ohne Sie wäre Marburg ärmer und kälter“, sagte Witteck.

In allen Angelegenheiten der Universität sei Egon Vaupel ein Brückenbauer zwischen Universität und Stadt gewesen, lobte Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause.
Auch in der Stadtverwaltung hat Vaupel bleibenden Eindruck hinterlassen.

Nähe zu Bürgern nie vermiesen lassen

Der scheidende Rathaus-Chef habe mit Herzlichkeit, Menschlichkeit und Humor die Zusammenarbeit geprägt, sagten Stadtbaudirektor Jürgen Rausch und Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner in einer gemeinsamen Multimedia-Präsentation. In einem Bild über die Installation mit

Das Trio "Oh, Alaska" mit Yana Gercke unterhielt die Gäste.

Quelle:

prägenden Daten der Stadtgeschichte am Parkhaus Pilgrimstein versteckten die beiden Amtsleiter das hinein­montierte Vaupel-Bild mit der Jahreszahl 2015 und dem Zusatz „Turbo-Egon“ und dem Elisabeth-Herzen.

Bei so viel preisenden Worten fiel es Egon Vaupel schwer, am Ende geeignete Worte zu finden, zumal das Programm für ihn größtenteils eine Überraschung war. Er sei überwältigt, froh und zugleich traurig, verriet Vaupel. Das OB-Amt habe ihm die Chance gegeben, viel zu lernen. Die Nähe zu den Bürgern habe er sich nie vermiesen lassen. Dafür habe er viel von den Menschen zurückbekommen.

Vaupels Nachfolger Dr. Thomas Spies wollte dann schon die Amtskette ergreifen. Doch er musste warten, bis sie ihm sein Vorgänger umhängte. Spies bedankte sich bei Vaupel, dass dieser die Stadt Marburg in einem wunderbaren Zustand hinterlasse. Er freue sich darauf, mit allen Marburgern gemeinsam die Zukunft der Stadt zu gestalten. Oberbürgermeister von Marburg zu sein, sei das Beste, was es gebe. Dabei sei ihm klar, dass man dieses Amt morgens, abends und nachts ausfülle.

von Manfred Hitzeroth

Kommentar

Hinwendung und Herzblut

Die Ära Egon Vaupel ist zu Ende. Der 65-Jährige hat das Ende seiner Amtszeit selbst gewählt, wenn auch aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit und insofern nicht ganz freiwillig.

Er hinterlässt seinem Nachfolger Dr. Thomas Spies große Schuhe, aber auch eine Reihe von Problemen, die dieser schnell anpacken muss: Stichworte sind etwa die Altenhilfe, die Auswirkungen des Verkehrsversuchs in der Nordstadt, eine unterentwickelte Bürgerbeteiligung und natürlich, als Daueraufgabe, die Integration von Flüchtlingen.

Für viele in der Stadt war Vaupel nur „der Egon“, eine Bezeichnung, die halb ehrfurchts-, halb liebevoll gemeint war. „Der Egon“ war am Schluss so etwas wie eine Marke, die Bezeichnung für einen ganz speziellen Politikstil, den Vaupel viel mehr als alle seine Vorgänger in Marburg geprägt hat.

Die Wertschätzung der Menschen war die eine Grundlage dafür, die Wertschätzung für die ehrenamtliche Arbeit, die sich auch in unsagbar vielen Terminen am Abend und an Wochenenden ausdrückte. Vaupel selbst hat das in seinem Abschiedsinterview mit der OP gestern so formuliert.

Die Hinwendung zu den Marburgerinnen und Marburgern war für den Ex-OB die wichtigste Grundlage seiner Politik.
Zweitens kannte Vaupel keine Parteigrenzen. Es ist kein Zufall, dass er persönlich und in der Sache mit zwei prominenten Christdemokraten besonders gut konnte: Finanzminister Dr. Thomas Schäfer und Ex-Regierungspräsident Dr. Lars Wittek.

Dahinter verbarg sich aber drittens keine Beliebigkeit, im Gegenteil. Vaupel gehört zu der immer kleiner werdenden Spezies von Politikern, die ihr Handeln, die auch ihre lokalen Konzepte aus ihrer Grundüberzeugung ableiten.

Egal ob es um die Behandlung von Flüchtlingen ging oder die Einrichtung einer Tempo-30-Zone: Das Konzept, das der Oberbürgermeister vorlegte, war geprägt von seiner Grundüberzeugung, von den Idealen der Sozialdemokratie. Daraus speiste sich das Herzblut, mit dem Vaupel Politik machte, über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus.

Hinwendung und Herzblut: Das mag man auch Vaupels Nachfolger Dr. Thomas Spies wünschen, der heute offiziell sein Amt antritt. Hinwendung und Herzblut verschafften dem Politiker Vaupel Respekt und Sympathie. Hinwendung und Herzblut sind die Eigenschaften, die die Marburger auch von Spies erwarten.

Der ist ein völlig anderer Typ als Vaupel und wäre schlecht beraten, wollte er dessen Politikstil schlicht kopieren. Spies wird wohl nie „der Tommy“ werden, dazu kommt er zu distanziert rüber. Er wird seinen eigenen Stil finden müssen – natürlich. Ein wenig Herzblut und ein wenig Hinwendung sollten dabei sein.

von Till Conrad

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