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Grippeimpfung bleibt Problemkind

Viren Grippeimpfung bleibt Problemkind

Ein kleiner Pieks vor dem Winter soll die Menschen grippefrei durch die Virus-Saison bringen. Doch viele sind in diesem Jahr enttäuscht worden: Sie erkrankten, obwohl sie sich geschützt fühlten.

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Ein kleiner Pieks mit großer Wirkung? Wie groß die Wirkung ist hängt von der Vorhersagegenauigkeit der Weltgesundheitsorganisation ab. Unbestritten ist aber: Der Impfstoff ist gut verträglich und eine kleine Wirkung ist besser als keine.

Quelle: Kay Nietfeld

Marburg. „Lohnt es überhaupt, sich gegen die Grippe impfen zu lassen“?, fragen sich viele Menschen spätestens nach der diesjährigen schweren Grippewelle. Schon im Januar, bevor die Saison richtig losging, waren sich die Experten einig, dass der Impfstoff 2014/2015 nur eingeschränkt wirksam ist.

Grund dafür ist ein veränderter Virusstamm, den die Experten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht auf der Rechnung hatten, zumindest nicht so weit oben. Er sorgte für den Großteil der Erkrankungen auch in Deutschland.

Rund 2550 bestätigte Grippe-Fälle gab es bis Mitte März in Hessen und nach Informationen des zuständigen Robert-Koch-Instituts rund 55000 bundesweit. 149 Menschen bezahlten die Ansteckung mit ihrem Leben.

Während die Flut der Arztbesuche und Krankschreibungen langsam abebbt, läuft die Produktion der Impfstoff-Charge für die nächste Saison beim Marburger Hersteller Novartis Vaccines schon auf vollen Touren, wie ein Sprecher bestätigt.

Ende Februar hat die WHO die bindende Empfehlung für die Rezeptur des nächsten Impfstoffs herausgegeben. Aber wie funktioniert diese Vorhersage? Warum war sie in diesem Jahr so ungenau? Und gibt es Konsequenzen für die Zukunft? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie infiziert der Grippevirus den Körper?

Viren verbreiten sich beim Sprechen, Husten oder Niesen durch Tröpfcheninfektion. Sie nisten sich in den Schleimhäuten der Atemwege ein und veranlassen die Zellen des Wirtsorganismus Virenkopien zu erstellen, die dann weitere Zellen befallen. Dabei lösen sie die gängigen Grippesymptome aus. Bei Menschen, die bereits an einer anderen Erkrankung leiden - etwa an Asthma, chronischen Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Diabetes - besteht hingegen die Gefahr, dass die Infektion schwer verläuft und es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommt.

Warum verändern sich die Grippeviren?

Das Immunsystem des Körpers lernt während der Infektion eine spezifische Abwehr gegen den Erreger aufzubauen. Die so genannten B-Zellen oder B-Lymphozyten produzieren mit Hilfe von Informationen über den Virus Antikörper, die den Eindringling zerstören können. Dazu docken sie an einer Eiweiß-Struktur an der Oberfläche des Virus an. Das Immunsystem merkt sich diese Struktur. Bei einer erneuten Infektion kann der Körper sofort wieder die spezifischen Antikörper bilden.

War der Körper einmal erkrankt, ist er ein Leben lang gegen den spezifischen Virus geschützt. Wenn dieser sich nicht verändern würde, würde er aussterben. Die Evolution sorgt aber dafür, dass genveränderte Virenstämme entstehen, die an der Stelle, wo der Antikörper andockt, eine neue, andersartige Eiweißstruktur aufweisen. Der Antikörper-Schlüssel passt nicht mehr ins Schloss.

Was kann der Impfstoff?

Im Prinzip ist der Impfstoff nichts anderes als die neue Version einer Antivirensoftware für den Körper. Es erweitert die Möglichkeit des Immunsystems, Erreger zu erkennen und zu zerstören, ohne vorher an ihnen zu erkranken. Der Impfstoff liefert dem Körper jedes Jahr drei Virus-Varianten, allerdings in inaktivierter Form. Das führt dazu, dass der Körper modifizierte Antikörper produzieren kann und vorrätig hat, wenn der Virus in ihn eindringt. Dieser Schutz hält allerdings nicht so lange vor wie der selbst erlernte nach einer Erkrankung. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt daher, den Impfschutz jedes Jahr zu erneuern.

Was hat die WHO bei der Komposition des Impfstoffs für die Saison 2014/2015 falsch gemacht?

Die WHO wertet eine riesige Datenmenge von Grippe-Infektionen aus, die ihr von regionalen oder staatlichen Stellen gemeldet werden. Es gibt ein weltumspannendes Netz. So kann man erkennen, welche Virusstämme und Mutationen sich derzeit im Umlauf befinden. Tritt eine Mutation neu auf, wird sie meist nach der Region benannt, in der sie entdeckt wurde. Der derzeit am meisten verbreitete Erreger, der für über 70 Prozent der Erkrankungen sorgt, ist der Virentyp „A/Switzerland/9715293/2013“, der zum Stamm A(H3N2) gehört. Die WHO hatte aufgrund ihrer aktuellen Datenlage bei ihrer Entscheidung im Februar oder März 2014 erkannt, dass es diese neue Mutante gibt, allerdings war der alte Typ „A/Texas/50/2012“ im Frühjahr 2014 so verbreitet, dass die WHO sich entschied, das Antiserum gegen diesen Virustypen im Impfcocktail vorzuschreiben.

Warum war die Vorhersage so ungenau?

Die WHO ist in Sachen Grippe­impfung ein sehr gut informierter und dadurch in den meisten Fällen zuverlässiges Orakel. Allerdings hängt die Virusverbreitung auch von Faktoren ab, die nicht abzusehen sind. Ein Temperaturunterschied von wenigen Grad kann zum Beispiel die eine oder die andere Mutation des Virus bevorzugen. Das Problem beim letzten Impfstoffzyklus war aber, dass die neue Virusmutante sich „getarnt“ hat, also in den Analysen der WHO nicht als neuer Typ zu erkennen war.

Warum hat man den Impfstoff nicht rechtzeitig angepasst?

Die Produktion und Zulassung des Grippeimpfstoffs benötigt drei bis sechs Monate. Spätestens Anfang März müssen die Pharmafirmen anfangen ihre Impfstoffe zu produzieren, zu testen und zuzulassen. Als klar war, dass die neue A(H3N2)-Mutante am häufigsten vorkommt, konnte man den Impfstoff nicht mehr verändern. Sicher hätte aber an vielen Stellen besser und früher kommuniziert werden können, dass der Impfschutz in diesem Jahr deutlich herabgesetzt ist. Manche Experten glauben, dass die fehlende Kommunikation auf das Interesse der Pharmafirmen zurückzuführen ist, ihren Impfstoff noch verkaufen zu wollen.

Wenn vorher bekannt war, dass das falsche Immunserum für den Stamm A(H3N2) im Impfstoff enthalten ist, warum wurde dann noch geimpft?

Trotz des lückenhaften Schutzes sprach die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut eine Empfehlung für Risikogruppen wie Menschen mit einschlägigen Vorerkrankungen, medizinisches Personal, Schwangere und ältere Menschen aus. Auch für die übrige Bevölkerung sei es sinnvoll, sich immunisieren zu lassen, da die Impfung noch vor einer Ansteckung mit den anderen zwei Virusstämmen schützt oder möglicherweise den Krankheitsverlauf abmildern könne, hieß es bei der Stiko.

Kann man schon abschätzen, wie wirksam der Impfstoff für die nächste Saison wird?

Die WHO hat Ende Februar die aktuell am häufigsten zirkulierende H3N2-Variante (A/Switzerland/9715293/2013) für die Grippeimpfstoffe in der nächsten Saison 2015/2016 ausgewählt. Auch die in den letzten Wochen isolierten Influenza-B-Viren (Yamagata-Linie) haben nach Angaben des RKI immunologisch mehr Ähnlichkeit mit dem entsprechenden Impfstamm, den die Experten für den nächsten Winter vorgesehen haben. „Generell wird bei den Impfstoffen von einer Schutzwirkung zwischen 40 bis 60 Prozent ausgegangen“, sagt Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) für Impfstoffe und biomedizinische Arzneistoffe in Langen. Dass wieder mutierte Virustypen auftreten, lasse sich aber nicht ausschließen.

von Tim Gabel

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4 Fragen, 4 Antworten

Dr. Manfred Brunen ist Head of Project Management Office beim Marburger Grippeimpfstoff-Hersteller Novartis Influenza Vaccines. Im OP-Interview erklärt er die Besonderheiten der Impfstoff-Produktion.

OP: Wann ist die Produktion des Grippeimpfstoffs für die Saison 2015/2016 angelaufen?

Dr. Manfred Brunen: Bereits im Januar haben wir angefangen, die Chargen zu produzieren.

OP : Die Weltgesundheitsorganisation gibt erst Ende Februar ihre bindende Empfehlung für die Zusammensetzung bekannt. Wie passt das zusammen?

Brunen: Wir müssen schon früher anfangen zu produzieren, damit die Ärzte genug Impfstoff zur Verfügung haben. Dabei besteht natürlich das Risiko, dass die WHO eine andere Zusammensetzung der Virenstämme vorgibt. Dieses Risiko verringern wir durch Absprache mit weiteren Herstellern des Impfstoffs.

OP: Wie wird der Impfstoff in Marburg hergestellt?

Brunen: Seit 2007 stellen wir den Impfstoff mit Hilfe von Zellkulturen her – und nicht mehr mit Eiern. In die Zellen wird der Virus iniziiert. Sobald der Virenstamm groß genug ist, wird er von der Zelle getrennt und inaktiviert. Anschließend wird er „gesäubert“ – denn nur zwei Proteinbausteine des Virus sind wichtig für die Produktion. Unser Impfstoff enthält insgesamt drei verschiedene Virenstämme.

OP: Seit neuestem entwickeln Pharmafirmen Impfstoffe, die gegen vier Virenstämme immun machen. Wie weit ist diese Entwicklung bei Novartis Vaccines?

Brunen: Der sogenannte tetravalente Impfstoff befindet sich bei uns in der Spätentwicklung, wir möchten ihn langfristig als Standard einführen. Wichtiger als ein tetravalenter Impfstoff ist es jedoch, den richtigen Virusstamm auszuwählen. Wir gehen davon aus, dass wir mit der neuen Technologie der Zellkultur einen positiven Beitrag dazu leisten können.

von Raphael Semmet

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