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„Grimm hautnah für jedermann“

Märchentourismus „Grimm hautnah für jedermann“

Wie werden die Brüder Grimm und ihre weltberühmten Kinder- und Hausmärchen in Hessen touristisch vermarktet? Das untersuchte Dr. Nicole Nieraad-Schalke in ihrer Doktorarbeit.

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Bei der Eröffnung des Märchensonntags in Steinau sieht man den Bürgermeister (Mitte) sowie kostümierte Darsteller der Familie Grimm (links) und von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Fotos: Nicole Nieraad-Schalke

Marburg. Märchenland Hessen? Die Brüder Grimm machen es möglich: Denn von ihrem Geburtsort in Hanau über den Studienort Marburg bis nach Kassel, wo sie als Angestellte der Bibliothek einen Teil ihrer Kinder- und Hausmärchen sammelten, reichte der Wirkungskreis von Jacob und Wilhelm Grimm in Hessen. Im Fokus der kulturwissenschaftlichen Analyse von Dr. Nicole Nieraad-Schalke steht in ihrer Doktorarbeit die Frage nach den Konzepten, mit denen rund 150 Jahre nach dem Tod der Brüder Grimm der hessische Märchentourismus vorangetrieben wird. Stellt das Märchenthema in Hessen nur ein touristisch verordnetes Thema dar oder identifizieren sich die Menschen auch damit?

Entgegen ihrer Ausgangsthese ist die Kulturwissenschaftlerin nach ihren Recherchen sicher, dass das Märchenthema an vielen Grimm-Standorten größtenteils nicht von den Marketing-Experten übergestülpt ist. Stattdessen sei es so, dass die Beschäftigung mit den Brüdern Grimm und ihren Märchen auch für viele Menschen eine Herzensangelegenheit sei. Dies werde bei Märchenaufführungen oder Lesungen deutlich.

„Der hessische Grimm- und Märchentourismus wird in mittelalterlichen Märchenstädten und an romantischen Märchenbrunnen, in schauerlichen Märchenwäldern und an der sagenumwobenen Märchenstraße, im stolzen Märchenland und in verwunschenen Märchen­schlössern konkret verortet“, bilanziert die Kulturwissenschaftlerin in ihrer Doktorarbeit. Erst durch das Sichtbarmachen der Märchen sei gleichzeitig auch ein Erleben möglich, das dann ein wirtschaftliches Potenzial für den Tourismus erzeuge.

So entstehe im besten Fall eine Art veranschaulichter und gelebter Erinnerung nach dem Motto „Grimm hautnah für jedermann“, so die Forscherin.

Doch warum fasziniert das Thema Märchen auch im Internet-Zeitalter noch so viele Menschen? Nicole Nieraad-Schalke versucht eine Erklärung: So setze sich auch ein aktuelles öffentliches Märchenbild aus sentimentalen und nostalgischen Fantasien nach Unschuld und einer heilen Welt einerseits sowie aus Sehnsüchten nach Werten und emotionaler Tiefe zusammen. In einer Event-Gesellschaft stünden die Grimmschen Märchen für das andere und eine Parallelwelt, in die man sich aus dem Alltag flüchten könne. Andererseits seien aber auch viele Märchentouristen offen für neue Zugangsweisen zu den Märchen der Brüder Grimm.

Anschauliche Figuren

Der populäre Umgang mit den Brüdern Grimm und ihren Märchen ziele in Märchenparks, beim Puppenspiel oder bei Märchenfestivals sehr oft darauf ab, die historischen Persönlichkeiten Jacob und Wilhelm Grimm und ihre fantastischen Märchenfiguren anschaulich zu machen. „Sie sollen hier und jetzt unmittelbar erlebbar, anfassbar, dinglich und leiblich erfahrbar sein.“, erläutert Nieraad-Schalke. Doch darüber hinaus reiche das Märchenverständnis auch bis hin zu ökonomischen und unterhaltenden, gemeinschaftsfördernden und wissensvermittelnden, pädagogisch-esoterischen und künstlerischen Zugangsweisen.

Die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen, deren Veröffentlichung vor 200 Jahren in diesem Jahr gefeiert wird, liefern dem Land Hessen laut der Forscherin ein „profilierendes Alleinstellungsmerkmal“, das zudem eine weltweit vermarktbare Bekanntheit besitzt.

Anhand der vier exemplarisch ausgesuchten hessischen „Märchenorte“ Steinau an der Straße, Alsfeld, Witzenhausen und Schauenburg begab sich die Forscherin auf die Spur des touristischen Märchenangebots. Bewusst wählte sie vier hessische Kleinstädte aus und untersuchte deren unterschiedliche Herangehensweise an das Thema Märchentourismus.

Marburg. Wie nutzen hessische Städte das kulturelle Erbe der Brüder Grimm und wie werben sie touristisch für das Thema Märchen? Das untersuchte die Marburger Kulturwissenschaftlerin Dr. Nicole Nieraad-Schalke für ihre Doktorarbeit anhand von vier Fallstudien. Sie wandte dafür die kulturwissenschaftliche Methode der Teilnehmenden Beobachtung an: Sie besuchte ab 2007 zahlreiche Märchen-Veranstaltungen in Hessen und befragte 19 Kultur- und Tourismusverantwortliche in den Märchenorten Steinau an der Straße (Osthessen), Alsfeld (Mittelhessen) sowie Witzenhausen und Schauenburg (Nordhessen). Dies wurde ergänzt durch die Analyse der Selbstdarstellung der vier Orte und auf ihrer Präsenz in den regionalen Medien. Auch die Tourismuskonzepte und Daten des Hessischen Statistischen Landesamtes flossen in die Untersuchung ein.

Gemeinsam ist in allen vier Städten, dass traditionelle Motive wie Burgen, Fachwerkdörfer und Wälder das Märchenhafte symbolisieren.

Steinau an der Straße ist der wohl authentischste dieser Grimm-Orte. Denn wort wuchsen Jacob Grimm und Wilhelm Grimm zusammen mit vier weiteren Geschwistern auf. Die Kleinstadt ist eng mit der Familiengeschichte der Grimms verbunden. „Die großflächig erhaltene Fachwerk-Altstadt erweckt an manchen Ecken den Eindruck, als hätte sie sich seit Lebzeiten von Jacob und Wilhelm Grimm kaum verändert“, erläutert die Wissenschaftlerin. Diese „Aura“ bestätige beispielhaft Klischeebilder einer Grimmschen Märchenwelt. Dieses Potenzial nutze die Stadt Steinau geschickt aus und profiliere sich hessenweit als „Jugendparadies der Brüder Grimm“. Das lokale Tourismusmarketing steht in Steinau nahezu ausschließlich im Zeichen des Märchenhaften auf den Spuren der Grimms. Der Fokus beim Märchensonntag liegt darauf, die historischen Personen der Grimms und ihre Märchenfiguren lebendig zu machen.

Auch in der Fachwerkstadt Alsfeld wird seit einigen Jahren verstärkt um Märchentouristen geworben, obwohl es keine „authentischen Grimm-Bezüge“ gibt. Deswegen dient die Verortung der Rotkäppchen-Figur in der nahegelegenen Schwalm als Grundlage für das Alsfelder Märchen-Marketing. Zudem gibt es das von Gudrun Grünberg gegründete und viele Jahre geleitete „Märchenhaus,“ in dem lokale Märchenerzählerinnen die Grimmschen Geschichten lebendig machen.

In der Kleinstadt Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis findet sich die schwächste Identifikation mit den Brüdern Grimm und ihren Märchen. Lediglich bei einzelnen Privatpersonen existiert ein Bewusstsein für die regionale Märchen- und Mythengestalt Frau Holle. Vom privat geführten Erlebnispark Ziegenhagen abgesehen wird dieser Bezug nach Auffassung der Wissenschaftlerin eher sparsam genutzt – mit einer Station des Frau Holle-Pfads oder „märchenhaften“ Pauschalangeboten.

Schauenburg sieht sich als Märchenstadt, weil dort in Marie von Dalwigk (geborene Hassenpflug) und Johann Friedrich Krause zwei Märchenbeiträger lebten, denen die Grimms einen bedeutenden Teil ihrer Märchenstoffe verdankten. Mit Leben gefüllt wird dieses „Kapital“ durch die von dem Künstler Albert Schindehütte ins Leben gerufene „Märchenwache“. Dort wird ein „aktiv-künstlerisches Kontrastprogramm“ geboten, das laut Nieraad-Schalke mit Hilfe von wissenschaftlichen Vorträgen und künstlerischer Auseinandersetzung auch zu einem Bruch mit klischeehaft vereinfachten Märchenmotiven führen soll.

von Manfred Hitzeroth

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