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Grimm-Expertin erhält Uni-Preis

Germanistik Grimm-Expertin erhält Uni-Preis

Hohe Auszeichnung für eine bekannte Wissenschaftlerin: Professorin Ruth Klüger ist vor Dutzenden Gästen mit dem Brüder-Grimm-Preis 2014 ausgezeichnet worden.

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Der Brüder Grimm-Preis 2014 ist an Professor Ruth Klüger (Mitte) verliehen worden Die ersten Gratulanten waren am Freitagabend der Ministerialrat Reinhard Schinke (links), Professor Heinrich Deterling, Universitäts-Präseidentin Professor Katharina Krause und Professor Karl Braun.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Dass Jacob und Wilhelm Grimm eigentlich Feministen waren, hat so deutlich wohl noch niemand formuliert wie die amerikanische Germanistin Professor Ruth Klüger in ihrem Vortrag. „Ihr Forschungsschwerpunkt in der Epoche der Brüder Grimm, ihr besonderes Augenmerk auf die Literaturproduktion und -rezeption von Frauen sowie auf antisemitische Tendenzen innerhalb der deutschen Literatur, verleihen Klügers literaturwissenschaftlichen Arbeit eine weithin sichtbare und innovative Position“, sagt Laudator Professor Karl Braun die Auszeichnung.

Nachdem Klüger von der Präsidentin der Philipps-Universität, Professor Katharina Krause der Brüder-Grimm-Preis 2014 überreicht wurde, sagte die Preisträgerin: „Über die Brüder Grimm lässt sich so viel Gutes sagen - ich bin sehr dankbar, dass ich als Germanistin einen solchen Preis entgegennehmen kann. Ich bin ganz gerührt.“ Es folgte ein Streifzug durch die „Grimm’schen Hausmärchen als Frauenliteratur“, auf dem sie ihre Zuhörer an ihrer Begeisterung und Bewunderung für das Werk der beiden Brüder teilhaben ließ, die sie „Zauberer und Alchemisten der Germanistik“ nannte.

Grimms hörten Frauen zu

„Eine bewundernswerte Eigenschaft der Brüder Grimm war, dass sie zuhören konnten“, sagte Klüger und fügte wie beiläufig hinzu: „Das war nicht selbstverständlich, denn sie waren Professoren!“ Außerdem, so die Germanistin und Schriftstellerin, hätten die Grimms vor allem Frauen zugehört, denn die waren schließlich die Erzählerinnen der Märchen und Sagen. Die Brüder Grimm hätten sich also auf Augenhöhe mit Frauen begeben und deshalb seien auch viele „Frauenthemen“ in den Märchen zu finden. „Das Gehörte aufzuschreiben geht gar nicht ohne Achtung und Respekt“, sagte sie.

In ihrer Auseinandersetzung mit Dornröschen, Schneewittchen, dem Froschkönig und übrigem Personal der Grimm’schen Märchen vereinte sich ihr Intellekt mit der Lust am Erzählen und Formulieren - und ihrem oft bissigen Humor. „Gäbe es Rollenbücher zu den Märchen der Brüder Grimm“, so der zweite Laudator, Professor Heinrich Detering von der Universität Göttingen, „wäre Ruth Klüger die böse Hexe.

Indem sie böse war und aus der Rolle fiel, erwies sich die Hexe dann als Zauberin oder gar - und das wird ihr gar nicht gefallen - als wohltätige Fee.“ Denn Klüger, so Detering, habe sich von bösen Geistern durch die Beschwörung der „guten literarischen Geister“ befreit.

"Charismatische Vermittlerin"

Und böse Geister hat es in Klügers Leben gegeben. Als Tochter eines jüdischen Arztes erlebte sie in ihrer Kindheit in Wien die antisemitischen Schmähungen und Ausgrenzungen, wurde mit elf Jahren in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Christiansstadt gefangen gehalten und konnte kurz vor Kriegsende fliehen. Aber: „Nicht von Auschwitz aus wird mein Leben bestimmt“, so zitierte Heinrich Detering sie und fügt hinzu: „Es ist ihre Geschichte. Nicht die, die ihr aufgezwungen wird, sondern die, die sie selbst in die Hand genommen hat, indem sie schreibend davon erzählt.“

Dass sie sich nicht von den grausamen Erfahrungen bestimmen lasse, zeige auch, dass sie sich nicht von der deutschen Sprache abgewandt habe, sondern „charismatische Vermittlerin der deutschen Literatur in den USA“ ist.

„Sie widmet sich ihrer Arbeit als Lyrikerin mit derselben Neugier und Skepsis wie ihrer Arbeit als Germanistin“, sagte Detering und nannte sie eine „Akademikerin mit Streitlust, die nicht das geringste Bedürfnis hat, sich selbst zu schonen“. Ihre Bücher seien geprägt von der Lust am Denken, zu der sie auch ihre Leser und Leserinnen einlädt, ja, die sie von ihnen erwarte: „Streitbare, liebende Bücher sind das - streitbar, weil liebend“, so Professor Heinrich Detering.

von Ines Dietrich

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Interview mit Ruth Klüger
Professorin Ruth Klüger stellte im Interview viele Gegenfragen und wollte die Meinungen zu Themen wie Feminismus oder Religion wissen.

Die Österreicher waren die besseren Nazis, sagt Ruth Klüger, die als Wiener Jüdin ins Konzentrationslager kam. Im OP-Interview spricht die US-Germanistin und Schriftstellerin über Zufall, Frauen und Antisemitismus.

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