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Griechischer Außenminister lehrte in Marburg

Nikos Kotzias Griechischer Außenminister lehrte in Marburg

Er war Regierungsberater und Politik-Professor. Jetzt will Nikos Kotzias aktiv in die Politik einsteigen: Als Parteiloser führt der 64-Jährige das griechische Außenministerium.

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Der neue griechische Außenminister Nikos Kotzias telefoniert nach der Vereidigung in seinem Dienstzimmer. Auch aus Marburg und Gießen erreichten ihn Glückwünsche – der Politologe hat in Mittelhessen studiert, gelehrt und geforscht.

Quelle: Simela Pantzartzi

Marburg. Es ist ein Sommerabend im Jahr 2000 in Athen. Nikos Kotzias ist Berater des griechischen Außenministers Georgios Papandreou, hat als Hochschulprofessor Lehraufträge im In- und Ausland. Ein gefragter Mann über die griechisch-türkischen Beziehungen und die Rolle Griechenlands in der EU. Für Politikstudenten aus Marburg, eigens für Forschungen nach Athen gereist, nimmt er sich Zeit.

Studium in Gießen, als Gastprofessor in Marburg

Auf seinem Balkon in einem Mehrfamilienhaus in einem Athener Außenstadtteil wirft er den Grill an und packt die Lektüre aus. Der große Hund kommt hinzu. Er habe den ausgehungerten Straßenhund aufgenommen, erzählt Nikos Kotzias beiläufig. Der Gastgeber erklärt verständlich und ruhig den Ägäiskonflikt, gibt Hinweise über die griechische Haltung und wenig später seine „Geheimtipps“ in Sachen Urlaub in unberührter griechischer Natur. Ein Technokrat soll er sein, schreiben Analysten heute über Nikos Kotzias. Der Politikwissenschaftler signalisiere, einen ruhigen Kurs in außenpolitischen Themen fahren zu wollen. Seit 2008 war Kotzias Professor für „Politische Theorie der Internationalen und Europäischen Studien“ an der Universität Piräus.

Der emeritierte Marburger Politikprofessor Frank Deppe bezeichnet seinen Kollegen, zu dem er noch regelmäßig Kontakt hat, als „hervorragenden Politikwissenschaftler“. Politisch sei der Grieche proeuropäisch ausgerichtet. Kotzias hat in Gießen studiert, seine Ehefrau, eine Germanistikprofessorin, ist Deutsche. In Marburg war er Mitte der 90er Jahre Gastprofessor und besuchte seitdem die Lahnstädte immer wieder - aus beruflichen und privaten Gründen. So hielt er Gastvorträge an der Philipps-Universität und arbeitete dort in der Forschungsgruppe Europäische Gemeinschaft mit.

Berater des früheren Außenministers

Unter dem damaligen Außenminister Georgios Papandreou von der regierenden Pasok-Partei war er in führender Poistion im diplomatischen Dienst tätig - als enger Berater des Ministers hatte er direkten Einfluss auf die griechische Außenpolitik. Er war zum Beispiel an Verhandlungen über den Vertrag von Amsterdam beteiligt und Drahtzieher der griechisch-türkischen Beziehungen, für die mit Papandreou als Außenminister eine neue Ära begann.

Kotzias, der vor allem auch fleißiger Publizist ist, ging unter anderem nach Oxford und Harvard. Auch auf diese Erfahrungen könne Kotzias zurückgreifen, sagt Deppe. Zudem ist er zuversichtlich, dass der neue Außenminister in Athen die Beziehungen zu Deutschland gut pflegen werde. Der 64-Jährige sei familiär und wissenschaftlich in Deutschland vernetzt, habe eine proeuropäische Haltung - wenn auch eine kritische, sagt Deppe. Und vor allem sei Kotzias ein parteiloser Experte, als solchen habe ihn Alexis Tsipras in die Regierung geholt.

Sein Linksbündnis Syriza ging am Sonntag als Wahlsieger hervor, nur einen Tag später stand die neue Regierung. Offenbar war alles lange vorher gut vorbereitet. Frank Deppe jedenfalls wunderte sich vor einem Jahr noch, als er in Athen einen Vortrag vor Studenten von Kotzias hielt. „Im anschließenden Gespräch grinsten viele Studierende und nannten Kotzias den designierten Außenminister“, berichtet Deppe. Jetzt weiß der Marburger, dass die Studenten schon mehr ahnten als er. Noch in der Nacht zu gestern hat er Nikos Kotzias eine Glückwunsch-Mail geschrieben. „Jetzt wird er nicht mehr viel Zeit haben, um zu antworten“, sagt Deppe. Er werde nun aufmerksamer auf die griechische Außenpolitik blicken. Auch ehemalige Studierende aus Marburg meldeten sich in sozialen Netzwerken, um zu erklären, dass „ihr“ Professor nun im Blickpunkt der internationalen Medien sei. „Marburg regiert“, schrieb ein Athener Student.

von Anna Ntemiris

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