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„Griechenland muss atmen“

Außenminister Kotzias in Marburg „Griechenland muss atmen“

Schluss mit den Stereotypen, forderte Kotzias. Die Griechen wollen Reformen, aber nicht ihre Arbeitnehmerrechte abschaffen, sagte er in Marburg.

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Zeit für einen kleinen Plausch: Nikos Kotzias (Zweiter von rechts) und sein Marburger Freund, Professor Frank Deppe.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. „Mit großer Freude bin ich zurück in meiner großen Liebe Marburg und schöpfe Kraft für die Zukunft.“ Diesen Satz schreibt der griechische Außenminister Nikos Kotzias auf Griechisch und auf Deutsch am Sonntagnachmittag ins Goldene Buch der Stadt Marburg. Er schöpfe Kraft, weil er in der Universitätsstadt alte Freunde und Weggefährten trifft, erklärt er im OP-Gespräch.

Am Sonntag war der griechische Außenminister Nikos Kotzias zu Besuch in Marburg.

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Aber auch, weil er sich daran erinnert, dass er schon häufiger Kraft in Marburg geschöpft habe – zum Beispiel als er vor einigen Jahren ein Ministeramt in Athen ablehnte und dann in Marburg eine Gastprofessur annahm. Seit Januar ist der 65-jährige Politikwissenschaftler nun Politiker. Als Parteiloser unterstützt er den griechischen Regierungschef Alexis Tsipras vom linken Bündnis Syriza. Die politische Linke ist auch die Heimat von Nikos Kotzias, dessen „Lieblingsidentität“ Hochschullehrer ist. Für den regen Austausch mit Studenten und Wissenschaftlern bleibt ihm nun kaum Zeit, er muss mit Journalisten, Politikern, Diplomaten sprechen.

In Marburg nimmt er sich an diesem Sonntag für viele Menschen Zeit. Er schüttelt Hände, fragt nach alten Bekannten, hat keinerlei Berührungsängste. Von Marburg aus könnte ein Signal ausgehen für die deutsch-griechischen Beziehungen, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) beim Empfang im Rathaus. Er ist sich mit Nikos Kotzias einig: Europa ohne die Griechen geht nicht. Argumente dafür findet Kotzias viele – aus der Antike, der Mythologie, der Philosophie. Er schlägt aber auch den Bogen zum heutigen Griechenland. Der große, kräftige Mann spricht von Kindern, die in der Schule vor Hunger umkippen. Von einer Selbstmordrate, die das sonnige Land bisher nicht kannte. 7000 Menschen haben sich in den letzten fünf Jahren in seiner Heimat das Leben genommen, berichtet Kotzias am Abend vor rund 400 Menschen auf dem Waggonhallengelände.

"Missverständnis in Deutschland, was Reformen sind"

Die Bundestagsfraktion Die Linke hat ihn nach Marburg zur Veranstaltung „Solidarität mit Griechenland und Syriza“ eingeladen. Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke und dessen Mitarbeiter, der Marburger OB-Kandidat Jan Schalauske, fragen Kotzias nach den Perspektiven. Kotzias erklärt, er sei vom Typ her Optimist. Die griechische Regierung sei erst fast fünf Monate im Amt. Als Erstes habe die Regierung den Menschen geholfen, die unter der Krise große Not litten. „Wir haben dafür niemanden im Ausland gefragt“, sagt er und erntet Applaus.

Im OP-Gespräch vor der öffentlichen Veranstaltung sagt Kotzias auf die Frage, ob Griechenland bis zum 5. Juni die geforderten 300 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfond zurückzahlen kann: „Wir  haben bisher alles bezahlt.“ Und betont, dass er nicht gesagt habe, was gemacht werde und was nicht. „Es gibt ein gewolltes Missverständnis in Deutschland, was Reformen sind“, erklärt er. Die „Reformen“ der Vorgängerregierung, der harte Sparkurs, habe das Volk in die humanitäre Krise gestürzt und keinen Erfolg gebracht. „Griechenland muss atmen“, sagt er und wirbt für Solidarität und bittet um Zeit.

Die Arbeitnehmerrechte sollen erhalten bleiben

Die Regierung wolle die Oligarchen im Land, die Schuld an der Krise seien, und die Steuersünder zur Kasse bitten. „Die Arbeitnehmerrechte abzuschaffen, wie von uns gefordert wird, ist keine Reform“, sagt er. Auch wenn das keiner in Deutschland offiziell sage, eigentlich werde den Griechen gesagt, sie sollen ihr Tarifrecht abschaffen, um zu sparen, so Kotzias. Wer das Land an der Grenze zu den Pulverfässern der Welt destabilisiere, destabilisiere ganz Europa.

von Anna Ntemiris

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Die griechische Regierung wird von den Partnern in der EU bewusst missverstanden, beklagt Kotzias, der die deutsch-griechi­sche Freundschaft persönlich pflegt.

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