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Grenzenlose Liebe ohne Worte

Helena und Hans Bamberger Grenzenlose Liebe ohne Worte

Eine Kontaktanzeige war vor 50 Jahren der erste Schritt zu einer langen Ehe. Diese mussten Braut und Bräutigam allerdings getrennt schließen: Sie in Warschau, er in Marburg.

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Helena und Hans Bamberger stehen vor einem Glaskunstwerk, das der Marburger angefertigt hat.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Sie verstehen sich seit 50 Jahren: Das taubstumme Ehepaar Helena und Hans Bamberger aus Marburg hat eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, die es der OP mithilfe eines Gebärdendolmetschers erzählt hat. Helena lebte in Polen und schrieb 1967 eine Kontaktanzeige in einer deutschen Gehörlosenzeitung. Über Freunde erfuhr der Marburger Hans Bamberger davon. Ein Briefwechsel folgte, das Paar verliebte sich. Das erste Date fand in Prag statt. Ihre eigene standesamtliche Trauung mussten beide getrennt erleben: Sie in Warschau, er in Marburg. Bis zu ihrem Ruhestand arbeitete die 73-Jährige in der Mensa, der 84 Jahre Ehemann ist gelernter Glaser.

Helena fällt mit zweieinhalb Jahren die Treppe herunter. Danach ist alles um sie herum still. Sie verliert ihr Gehör und damit den Kontakt zur Außenwelt. Daran erinnert sich die heute 73-Jährige. Helena Gelner ist die Tochter einer schlesischen Zwangsarbeiterin aus Neiße und eines russischen Zwangsarbeiters. Ihr Vater stirbt als die Mutter im fünften Monat schwanger ist.

Helena verbringt ihre Kindheit bei der Tante in Pommern an der Ostsee, später in einem Gehörlosen-Internat im polnischen Ratibor. Dort lernt das Mädchen tanzen. Die Musik kann sie nicht hören, sie fühlt den Rhythmus. Sie fühlt auch, dass Polen nicht das Land ist, in dem sie sich wohlfühlt. Sie möchte nach Deutschland, sagt sie mit Anfang 20. Dort leben immer noch Nazis, sagt ihre Mutter, die ihre Tochter nicht noch einmal abgeben möchte. Außerdem werde sie gebraucht: Sie soll auf ihre Halbgeschwister aufpassen, in der Landwirtschaft arbeiten, die Familie versorgen. Sie darf nicht mehr tanzen.

Ärztliche Bescheinigung rettet Hans vor den Nazis

Helena macht in einer Behindertenwerkstatt eine Ausbildung zur Näherin. Sie trifft sich mit Männern, die als Partner aber nie in Frage kommen. „Sie waren faul, rauchten oder tranken Alkohol“, sagt Helena in der Gebärdensprache. Das Sprechen hat sie nicht lernen können. „Suche fleißigen deutschen Mann“: Das schreibt Helena Gelner in einer Kontaktanzeige, die 1967 in der Deutschen Gehörlosenzeitung in Essen erscheint. Diese Anzeige liest ein Mann aus Kassel, er ist der Schulfreund von Hans Bamberger aus Marburg. Der 33 Jahre alt Hans Bamberger ist fleißig und handwerklich sowie künstlerisch talentiert.

Er hat bei seinem Vater, dem Glasermeister Richard Bamberger, in der Marburger Oberstadt eine Ausbildung gemacht und fertigt Glaskunstwerke für prächtige Bauten an, unter anderem für den Dom in Wetzlar. Hans Bamberger verlor als Baby in Folge einer Mittelohrentzündung sein Gehör. Der bekannte Marburger Professor Schweckendiek habe ihn vor den Nazis gerettet, weil er keine Behinderung, sondern eine vorübergehende Entzündung attestierte. Hans stellt sich Helena in Briefen vor. Diese müssen übersetzt werden. „Helena wollte als erstes wissen, ob ich rauchte und trank“, erinnert sich Hans Bamberger. „Ab und an Zigarre und wenig Alkohol“, habe er geantwortet.

Helena (links) heiratet 1968 im Hauptpostamt in Warschau. Dort befand sich das Standesamt. Ihre Cousine hat die Vollmacht, für den Ehemann aus Marburg zu unterzeichnen.

Das sei in Ordnung, schrieb sie. „Aber in der Wohnung wird nicht geraucht“, lautete die erste Ansage. Zwei Wochen dauerte es, bis ein Brief von Polen nach Deutschland ankam. Sie haben sich durch die Briefe ineinander verliebt, sagen beide. Eine Verabredung war nicht möglich. Keiner bekam ein Visum. Der Freund aus Kassel hatte eine Idee: Bekannte in Prag luden Helena und Hans zu einem Besuch ein.

Hans ist als erster in Prag angekommen, wartet auf den Zug aus Polen. Sein Freund ist dabei. Der Marburger hat einen Blumenstrauß für seine Brieffreundin besorgt. „Sie schämte sich etwas, die Blumen anzunehmen“, sagt der 82-jährige Hans Bamberger in Gebärdensprache heute. „Du warst so still“, entgegnet Helena. „Nein, du hast bloß die deutsche Sprache nicht verstanden“, kontert der Mann. In Prag findet er die richtigen Zeichen, um Helena für sich zu gewinnen. Auch wenn er anfangs unsicher und skeptisch ist, dass sein Vorhaben gelingt.

Beide wollen sich wiedersehen und ein Leben lang miteinander verbringen. Diese Entscheidung fällt im Juni 1967 in Prag. Die Fotos von damals zeigen ein vertrautes harmonisches Paar. Am liebsten möchten sie gleich heiraten, doch das geht rechtlich nicht. „Anderthalb Jahre Papierkrieg zwischen Ost und West“, sagt der Mann. Der Eiserne Vorhang kann ihre Pläne nicht verdecken.

Notare, Botschaften, Übersetzer, Behörden „und Vitamin B“ werden in den folgenden Monaten benötigt, berichtet das Paar. Die Cousine von Helena hat „gute Kontakte“ in Polen.

Trotz „ferntelegraphischer Zivilehe“ keine Ausreise

Es ist der 14. Dezember 1968. Helena Gelner sitzt in Warschau im Standesamt in einem schlichten weißen Kostüm. Sie hat die kurzen Haare toupiert, sich geschminkt, einen Brautstrauß in der Hand. Sie trägt einen goldenen Ring am Finger, den ihr Hans Bamberger aus Marburg versteckt in einer ­Dose voll Kakaopulver nach Warschau schickte. Jetzt sitzt Hans 1100 Kilometer von ihr entfernt. Er wartet zu Hause auf dem Schuhmarkt im Wohnzimmer der Familie auf die Trau-­Zeremonie.

Sie erfolgt ferntelegraphisch. Die Cousine mit den guten Kontakten erhält die Vollmacht, für Hans Bamberger das Jawort zu geben. In Polnisch, das übersetzt wird auf Deutsch und dann in der Gebärdensprache. In Marburg sagt die Mutter von Hans Bamberger Ja. Ihre Schwiegertochter sieht sie Monate später, als diese etwas verloren an der Tür klingelt.

Denn obwohl das Paar nun in Polen und Deutschland offiziell verheiratet war, durfte Helena nicht ausreisen. Hans Bamberger, der schon als Kind von seiner Pflegefamilie oder dem Gehörlosen-Internat in Friedberg immer wieder ausbüchste, um mit dem Zug zu seinen Eltern nach Marburg zurückzukehren, scheut keine weiten Wege und kuriosen Pläne, um seine Helena zu holen. Er geht zur Botschaft nach Warschau, bekommt ein Visum für seine Frau. Er kommt niemals ohne einen Koffer voll Geschenke. „Die Leute waren arm“, sagt er.

Die Eheleute Helena und Hans Bamberger zeigen Fotos vom Kennenlernen. Foto: Tobias Hirsch

Helena darf ausreisen. Aber sie erhält eine andere Bahnverbindung als ihr Mann. Während dieser noch in Ostberlin auf seine Frau wartet, sich unerlaubt in der DDR aufhält, ist sie schon in Marburgs Altstadt unterhalb des Landgrafenschlosses. Sie hat ihre verzweifelte, von der Zwangsarbeit erschöpfte Mutter zu Hause gelassen, die fürchtet, dass ihr taubes Mädchen, sollte es schwanger werden, das Baby herausgerissen bekommt.

Helena berichtet der Mutter, dass sie keine Nazis fürchten muss, dass die Geschäfte in Deutschland ausreichend Lebensmittel haben, dass sie sogar ihr eigenes Geld verdienen kann.

Dass Marburg zu ihrer Wahlheimat wurde, ist für die einen ein Wunder, für die anderen eine Verkettung von vielen kuriosen, teils mutigen, teils klug durchdachten Plänen. Helena und Hans haben zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Als sie die Geschichte erzählen und Fotos zeigen, fällt ihnen wieder ein, dass sie in der Vorweihnachtszeit geheiratet hatten. Das war ihnen entfallen. Denn das Paar feiert stets den kirchlichen Hochzeitstag im Juli. Der Tag, an dem keine

Behördenvertreter, keine Anwälte und keine Ländergrenzen zwischen ihnen sind. Helena zieht ihren Ring ab, tatsächlich steht dort 14. Dezember 1968. Der Ring, der im Kakaopulver die Grenzen überschritt.

von Anna Ntemiris

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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