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Grab-Expertin erzählt Geschichten

Rundgang über Friedhof Grab-Expertin erzählt Geschichten

Viele sind im Lauf der letzten Jahrhunderte verschwunden, verfallen oder zerstört worden. Nur wenige der alten Grab-male haben die Zeit auf dem Friedhof am Barfüßertor überdauert. Sie erzählen Kulturgeschichte.

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Fotos: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Spuren aus dem Barock und der Renaissance, prominente Marburger Familien und unbekannte Gelehrte, pompöse Steine und Eisenkunstguss-Kreuze: Es sind wahrscheinlich nicht einmal mehr hundert Grabmale, die sich heute noch auf dem Gelände des Friedhofs Barfüßertor in der Oberstadt befinden. In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1938 sind 176 Gräber notiert, der Stadtgärtner registrierte 15 Jahre später nur noch 155 und bei der letzten offiziellen Zählung 1990 waren es dann nur noch 103. Dr. Barbara Rumpf-Lehmann hat zu jedem eine Geschichte parat. Sie bietet Führungen und Vorträge an, war jüngst im Haus der Ketzerbachgesellschaft zu Gast.

Dort stieß sie auf eine aktuelle Forderung: Viele Anwohner rund um die Ketzerbach wünschen sich, dass an der St.-Michaels-Kapelle, dem sogenannten „Michelchen“ künftig auch Urnenbeisetzungen möglich sein sollen - so wie seit 2001 auf dem Friedhof Barfüßertor.

Dort war zuvor seit über 100 Jahren niemand mehr bestattet worden. Noch 1858 hatte man eine Erweiterung des Friedhofs geplant, erklärt Dr. Rumpf-Lehmann, 1865 aber wurde er geschlossen. Im Jahre 1575 war er angelegt worden - als Entlastung des Kirchhofs rund um die Pfarrkirche, der insbesondere in den Zeiten der Pest zu eng geworden war. Das Gelände - das damals vor den Toren Marburgs lag - hatte die Stadt von der Witwe des Kirchenreformers Adam Krafft gekauft.

Die ebenfalls 1575 errichtete Kapelle im Nordwesten sollte eine wechselhafte Geschichte hinter sich bringen. 1736 wurde das Gebäude umgebaut und später unter anderem als Brauhaus und Turnhalle genutzt, bevor die Selbständige Evangelische Lutherische Kirche (SELK) es 1956 erwarb und ein Jahr später zur „Auferstehungskirche“ weihte. Vielen der noch vorhandenen Grabmalen ist die Zeit anzusehen, die eben nicht spurlos vorübergegangen ist. Ein alter Stein inmitten des Geländes ist komplett von Ästen und Blattwerk überwuchert, andere Steine sind verwittert oder die Schrift lässt sich nur noch schwer entziffern.

Symbole: Ochsenköpfe, Engel und Schmetterlinge

Eines der frühesten heute noch vorhandenen Grabmale ist das von Conradus Pletsch (1550 - 1597) und seiner Familie; „typisch für die Renaissance“, sagt Barbara Rumpf-Lehmann. Der ehemalige Schultheiß Pletsch ist auf dem Stein in spanischer Hoftracht dargestellt. Das Grabmal von Conrad Lincker und seiner Familie, das aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt, verweist hingegen auf die Zeit des Barock. Das Symbol des Stundenglases und Akanthusblätter sind unter anderem darauf zu erkennen.

Wer genau hinsieht - oder darauf hingewiesen wird, der entdeckt auf anderen Steinen geflügelte Engel, Granatäpfel, Schmetterlinge, Mohnkapseln oder umgedrehte Fackeln. Und wer im Leben ein Metzger war, dessen Grabstein zeigt eben einen Ochsenkopf.

Geschichten erzählen viele der Grabmale übrigens nicht nur im übertragenen Sinne. Auf dem Stein von Johann Adam Franck (1653 bis 1705) ist der Leichentext nachzulesen, die Inschrift auf dem Stein Wilhelm Ludwig Kuinzels wiederum berichtet, wie dessen Schwester und Verlobte den Tod des erst 23-Jährigen 1818 betrauerten. Ein Stein ist dem Andenken an drei Knaben geweiht, die 1846 durch den Einsturz der Predigermauer am Lahntor zu Tode gekommen sind. Ein Würfelgrab aus dem Jahr 1824 erinnert an einen Gelehrten namens Bermachi aus Weißrussland, über den laut Dr. Barbara Rumpf-Lehmann bis heute nichts Näheres bekannt ist. Und es finden sich aber auch viele für Marburg berühmte Namen wie Jordan, Roser, von Sybel oder Justi.

Insgesamt gibt es auf dem Gebiet Marburgs 25 Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von rund 40 Hektar. Die meisten Friedhöfe, die eine Fläche von 368 300 Quadratmetern zählen, sind nahezu voll ausgelastet, teilt die Stadt auf OP-Nachfrage mit..

von Nadja Schwarzwäller

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