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Gnadentod contra ärztliche Hilfspflicht

Sterbehilfe Gnadentod contra ärztliche Hilfspflicht

Der Marburger Philosoph Dr. Joachim Kahl und Juristin Dr. Martina Rottmann haben mit Ärzten und Gästen über das Tabu-Thema Tod diskutiert.

Marburg. Plädoyer für Gnadentod, Abschied in Frieden, Würde und Selbstbestimmung: „Das Recht zu leben ist keine Pflicht zu leben, geschweige denn ein Zwang zu leben“, sagt Dr. Joachim Kahl, Philosoph. Wer nicht mehr leben wolle oder nicht mehr leben könne, dem solle - im Rahmen einer sich herausbildenden humanistischen Abschieds- und Sterbekultur - die Möglichkeit eingeräumt werden, „mit einer sanften Methode schmerzfrei und sozial verträglich aus dem Leben zu scheiden.“ Sozial verträglich - er nennt das „die letzte Wille-Pille“, die „asoziale Selbsttötungen“ verhindere und die individuelle Verantwortung würdige.

"Legitimier Wunsch, Leid zu beenden"

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt zu sterben? Man müsse rechtzeitig über die eigene Sterblichkeit nachdenken. „Selbsttötung kann auch den legitimen Wunsch ausdrücken, Leid zu beenden“, sagte Kahl.

Kritik, Sorgen, Ergänzungen: Rund zwei Dutzend Diskutanten schilderten ihre Sicht auf das Thema Sterbehilfe. „Ich weiß, was ich im Alter nicht möchte. Und so will ich zum Arzt gehen und bei der Diagnose Demenz meinen Cocktail bekommen können“, sagt Gabriele Luthardt. Hans Schauer (85) ergänzt: „Die Selbstbestimmung sollte im Rahmen von Klärungsversuchen mit anderen stattfinden: Wohl besprochen und überlegt und keine einsame Entscheidung. Man braucht nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine soziale Absicherung, um ein gutes Sterben möglich zu machen.“

Elke Rienhoff-Kühnl plädierte dafür, dass Begriffe wie „Lebensqualität“ und „Menschenwürde“ differenziert betrachtet werden, da es immer eine Sache des Standpunktes sei. „Soziale Richtlinien sind gut, aber wer gibt die Kriterien vor?“

Professor Harald Lange, Arzt für innere Medizin, sieht hingegen die Gefahr, dass Ärzte zu „Hilfsmännern dieser Selbstbestimmung werden“. Ärzte seien ihrem eigenen Beruf verpflichtet und veranlasst, zu heilen, nicht das Leben zu verkürzen.“

Juristin erklärt rechtliche Regelungen der Sterbehilfe

Die Marburger Rechtsanwältin Dr. Martina Rottmann erklärte rechtliche Aspekte. Sie lehnt aktive Sterbehilfe ab. Bei dieser Form der Sterbehilfe verabreicht jemand einem Patienten ein unmittelbar tödlich wirkendes Mittel. Der Patient nimmt es also nicht selbst zu sich - das ist der Unterschied zum assistierten Suizid. „Aktive Sterbehilfe ist eine Dienstleistung, die man nicht einkaufen darf.“ Selbstbestimmung, das bedeute auch selbst zu handeln. Rottmann stellte zudem das Schweizer Modell - etwa die Organisationen Exit oder Dignitas vor.

von Julia Krekel

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