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Glücksmomente in der Gemeinschaft

Public Viewing Glücksmomente in der Gemeinschaft

Seit einigen Tagen ist die Fußball-WM in Brasilien bereits im Gange und am Montag hat das Warten auch für die deutschen Fans endlich ein Ende. Zum Spiel gegen Portugal werden manche von ihnen zum sogenannten „Public-Viewing“ pilgern.

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Gemeinsam mitfiebern ist das Motto vieler Fußball-Fans beim Public-Viewing, so wie hier bei der Weltmeisterschaft 2010 am Niederweimarer See.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Der Mensch sehnt sich nach Gemeinschaftsmomenten“, sagt Jessica Wilde. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Soziologie der Philipps-Universität näherte sich für die OP dem Phänomen Public-Viewing.

„Eigentlich“, so Wilde, haben Menschen eine Berührungsfurcht“. Man wolle in der Öffentlichkeit möglichst nicht berührt werden und anonym bleiben. In der Masse gehe diese Angst jedoch plötzlich verloren und schlage um in eine „Gleichheitserfahrung“, die etwa das gemeinschaftliche Fußballgucken so attraktiv mache.

"Entladung" von Alltagssorgen

In der Soziologie, sagt die 32-jährige, die sich auf den Psychologen und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti beruft, sei der Begriff der Masse lange Zeit negativ konnotiert gewesen. Sie wirke auf den ersten Blick bedrohlich, irrational, leicht erregbar und gesetzlos. Dennoch stelle sich gerade bei jüngeren Phänomenen wie dem Public-Viewing heraus, dass es dort bei den Menschen zu einer „Entladung“ von alltäglichen Sorgen komme, die bei den Beteiligten für Glücksmomente sorge.

„Unterschiede existieren plötzlich nicht mehr“, erläutert die Doktorandin, denn innerhalb der Masse herrsche „absolute Gleichheit“. Ein Gefühl der Freiheit stelle sich dadurch ein, dass soziale oder ethnische Unterschiede für den Moment nicht zählten. Für eine gewisse Zeit seien jegliche Differenzen irrelevant. Die Masse wolle stetig wachsen und möglichst viele Menschen erreichen, um sie mit aufzunehmen. Im Gegensatz zum Alltag werde plötzlich die Enge gesucht, um gemeinsam eine starke Einheit zu bilden.

Gemeinschaftsmomente als Ersatz für die Familie

Das Streben nach diesem Gemeinschaftsgefühl, nach der Flucht aus dem grauen Alltag sei dabei eine „Grundillusion“. Denn die Gleichheit in der Masse könne immer nur momenthaft bleiben. Gerade deswegen aber sei der Mensch ständig auf der Suche nach Wiederholungen - sei es beim nächsten Fußballspiel oder bei anderen Events, wie beispielsweise Konzerten oder dem Euro­pean Songcontest. Doch warum sucht der Mensch nach diesen Gemeinschaftsmomenten?

„Emotionen spielen eine wichtige Rolle“, sagt Wilde und bezieht sich auf den Rostocker Professor Matthias Junge, der sich speziell mit der „kollektiven Erregung des Public-Viewing“ auseinandergesetzt hat. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft sei „gefühlsbasiert“, bilanziert auch dieser. Durch die zunehmende Anonymität der modernen Gesellschaft würden diese Gefühle umso stärker geweckt, erläutert Wilde.

Es werde als tragisch empfunden, dass frühere Horte des Zusammenhalts, wie etwa die Familie oder Dorfgemeinschaften häufig nicht mehr in der Form existieren, wie es zu früheren Zeiten der Fall war. Daher flüchte sich der Mensch gerne in „Augenblicksgemeinschaften“, in denen eine kollektive Euphorie entstehe.

Fußball als Anlass ist nebensächlich

Das Fußballspiel sei zwar der Anlass, doch nicht jeder Zuschauer müsse deswegen ein Fan sein. „Der Anlass ist eigentlich egal“, so Wilde. Was für viele zähle, sei das Event an sich. Public-Viewing als Sozialform könne somit als Reaktion auf die Sehnsucht nach emotionaler Gemeinschafterfahrung verstanden werden.

Zudem gebe es in dieser Hinsicht eine „Aufwärtsspirale“, denn die positiven Erfahrungen bei den Massenveranstaltungen ließen den Teilnehmer nach immer weiteren, ähnlichen Ansätzen suchen. Wenden könne sich ein solcher Trend aber, wenn negative Erlebnisse hinzukämen. Als Beispiel nennt Wilde dafür die Loveparade.

Darüber wie das Public-Viewing als Massenphänomen insgesamt zu bewerten ist, darüber möchte Wilde keine verbindliche Aussage treffen. Als Wissenschaftlerin solle man das Phänomen „möglichst nüchtern betrachten“, findet sie.

Das Thema sei komplex und es gebe auch in der Soziologie verschiedene Ansichten, unter anderem weil Gemeinschaft durch den Nationalsozialismus negativ konnotiert sei. Dennoch gebe es auch Kollegen, die eine positive Dynamik erkannten, sodass sich das einst negative Bild von der Masse ein wenig gewandelt habe.

von Peter Gassner

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