Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Gleich ein bisschen in die Uhr verliebt“

Historische Turmuhr restauriert „Gleich ein bisschen in die Uhr verliebt“

Über eine frisch restaurierte, auf Hochglanz polierte historische Kirchenuhr freuen sich Kirchgänger in Bortshausen.

Voriger Artikel
Neuer Lernstoff für Flüchtlinge
Nächster Artikel
„Zufällige Häufung“

Restaurator Helmut Halbritter (von links) sowie die Bortshäuser  Peter Birkenstock und Hans Menche sind stolz auf das frisch restaurierte Highlight der Bortshäuser Kirche.

Quelle: Ina Tannert

Bortshausen.. In der schmucken Bortshäuser Kirche aus dem 12. Jahrhundert läuten seit kurzem nicht mehr nur die Turmglocken – regelmäßig sorgt neuerdings ein weiterer heller Klang für Freude unter den Bewohnern. Nach einer aufwendigen Restaurierung konnte die ehemalige, mindestens 300 Jahre alte Turmuhr des Ortes wieder zum Laufen gebracht werden.

Die historische Uhr wurde im Jahr 1894 von der Dorfgemeinschaft angeschafft, nachdem das romanische Gemäuer mit einem umfangreichen Anbau um das Doppelte vergrößert worden war. „Aber die Uhr ist viel älter, etwa um 1700 gebaut“, erklärt Hobbyhistoriker Hans Menche, der das Vorhaben in Gang brachte.

Der Betrieb mit der alten Uhr war in der Vergangenheit „eine anstrengende Geschichte“, recherchierte der Dorfchronist. Alle paar Tage musste ein geschickter Bewohner damals noch auf den Turm klettern und die Uhr neu einstellen.
Ihren Dienst tat das gute Stück reibungslos bis zur Zeit des Ersten Weltkrieges, währenddessen eine der historischen Glocken aus dem Turm entfernt und zu Munition eingeschmolzen wurde. Diese zu Kriegszeiten verbreitete Zerstörung der Kirchenglocken wollten die Bortshäuser nach Kriegsende nicht auf sich sitzen lassen. Im Jahr 1926 wurde wieder eine zweite Glocke angeschafft, die jedoch wenige Jahre später zerbarst.

Wieder erstand die Gemeinde einige Zeit später drei neue Glocken und versuchte, die alte Uhr zum Laufen zu bringen. Vergeblich, die Technik des lange Zeit stillgelegten Stücks funktionierte nicht mehr. Somit landete das historische Kleinod ungenutzt in einer Ecke des Turms.  Bis zum Frühling diesea Jahres, als der historisch versierte Bewohner zufällig in einer TV-Dokumentation einen Uhrensammler sah, der als Hobby historische Kirchenuhren sanierte – Helmut Halbritter aus Gelnhausen von der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie. Menche nahm Kontakt auf, zeigte dem erfahrenen Restaurator die alte, halb vergessene und mittlerweile verrostete Uhr.

Der Experte zeigte sich hellauf begeistert von dem historischen Stück und erklärte sich bereit die Uhr zu restaurieren. „Es ist ein echtes Unikat, ich habe mich gleich ein bisschen in die Uhr verliebt“, lobt Halbritter. Das handgeschmiedete Werk aus massivem Eisen ist eine sogenannte Waaguhr, ein mechanisch betriebenes Konstrukt mit Spindelhemmung. Betrieben wird das alte Schlagwerk mit Hilfe von Gewichten. Unter der Uhr hängen an dicken Seilen zwei schwere Sandsteine, die Gewichte sind mit den Zahnrädern des Uhrwerks verbunden, sorgen so für Antrieb und Energie, erklärt Halbritter.

Uhr bringt kleine Glocke aus Messing zum Klingen

Der entstehende Zug wird wiederum durch Spindellappen gebremst, die abwechselnd in das Kronrad eingreifen und den Ablauf wie gewünscht verlangsamen.

Um die Funktionalität wiederherzustellen, zerlegte der Experte das Uhrwerk in sämtliche Einzelteile, sandstrahlte jedes Bauteil, entfernte jahrzehntealten Rost und Gebrauchsspuren und verpasste der Uhr eine neue Lackschicht. „Es war eine echte Herausforderung, aber die Freude war groß“, sagt der leidenschaftliche Sammler, der selbst zahllose historische Turmuhren sein Eigen nennt.

Die erforderlichen 1 000 Euro, um ihre Uhr auf Vordermann zu bringen, sammelten die Bortshäuser eigenständig, die Kirchengemeinde selbst musste nichts zahlen. „Wir sind so stolz, dass dies geklappt hat“, lobt Menche die erfolgreiche Spendensammlung.

Vor wenigen Wochen erst kehrte die alte Uhr wieder in ihre angestammte Kirche zurück, steht nun als glänzendes Stück Geschichte im Foyer. Ihren ursprünglichen Zweck erfüllt sie nicht mehr, die Glocken der Kirche werden heute elektrisch betrieben. Als klangvolles Highlight brachte Halbritter eine kleine Glocke aus Messing über dem Museumsstück an, die regelmäßig durch die Uhr geschlagen wird – ein hörbares Schmankerl bei jedem Gottesdienst. „Die Bortshäuser sind begeistert“, kann Menche schon jetzt berichten.

  • Am Sonntag, 13. Dezember, ab 14 Uhr wird die frisch restaurierte Uhr während eines Gottesdienstes feierlich eingeweiht.

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr