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Gipfelsturm, auch für Anfänger geeignet

Kletterhalle Gipfelsturm, auch für Anfänger geeignet

Seit knapp zwei Jahren betreibt der Deutsche Alpenverein die Kletterhalle auf dem Gelände der Waggonhalle. Der Vorstand spricht von einer Erfolgsgeschichte.

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Leichte und schwierige Kletterrouten sind in der Halle des Deutschen Alpenvereins möglich. Bis zum „Gipfel“ sind es stolze 14 Meter.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Dieses Gefühl, zwischen Himmel und Erde zu schweben: in der Kletterhalle überfällt es jeden, der einmal versucht, ein paar Griffe emporzusteigen - selbst dann, wenn wie im Selbstversuch nur wenige Zentimeter zwischen dem sicheren Boden und den Fußsohlen liegen.

„Klettern kann jeder“, sagt Armin Schwiderski, der Vorsitzende der Sektion Marburg des Deutschen Alpenvereins. In der Kletterhalle sind Routen jeden Schwierigkeitsgrades gebaut, „auch für Anfänger geeignet“, sagt Schwiderski, und: „Man ist nie zu alt, um mit dem Klettern zu beginnen.“

Erfolgserlebnis inbegriffen: Auch der blutigste Anfänger kann nicht scheitern, weil er das Gefühl hat, zumindest vorübergehend die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben.

Seit der Eröffnung der Kletterhalle vor knapp zwei Jahren hat der Deutsche Alpenverein seine Mitgliederzahl deutlich gesteigert.

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Einem der Vorurteile, mit denen dieser relativ neue Sport zu kämpfen hat, widerspricht Schwiderski sofort: „Echte Höhenangst hat so gut wie kein Mensch - meistens handelt es sich um Höhenschwindel, und der ist behandelbar.“ Für den, der den Sport vernünftig angeht und den Sicherheitshinweisen des Vereins folgt, ist Klettern nicht gefährlicher als andere Sportrten. Nur ein einziges Mal musste bisher ein Krankenwagen einen Verletzten holen, und das bei mehr als 39.000 Kletterern, die die Halle im Jahr 2014 besucht haben.

Neulinge werden behutsam an den Sport herangeführt, sagt Schwiderski: Der Deutsche Alpenverein bietet zunächst ein Schnupperklettern an, anschließend kann der Interessierte in einem Einstiegskurs von drei mal drei Stunden testen, ob er die Sportart weiter erlernen möchte. Insgesamt 50 ehrenamtliche Trainer unterweisen die Sportkletterer.

Die müssen ja nicht gleich mit der Königsdisziplin, dem „Bouldern“ anfangen: Beim „Bouldern“ klettern die Sportler ohne Sicherung durch Gurt und Seil in Absprunghöhe.

„Klettern hat sehr viel mit Verantwortung zu tun“

Im Obergeschoss der Kletterhalle probieren vier junge Sportler abwechselnd, vom Boden aus mit einem Sprung einen Griff zu erreichen und von dort aus weiterzuklettern. „Teamwork wird hier großgeschrieben“, erklärt Schwiderski. Und tatsächlich geben sich die jungen Leute, drei Männer und eine Frau, gegenseitig Tipps, korrigieren sich - und haben eine Menge Spaß dabei. Allerdings: Wer abrutscht oder nach unten abspringt, muss trotz des extrem weichen Bodenbelags beim Aufprall aufpassen. Anders formuliert: Fallen will gelernt sein.

Anfänger beginnen deswegen stattdessen mit dem „top-rope“-Klettern. Das Sicherungsseil ist am oberen Ende der Kletterwand in einer Umlenkung eingehängt. Der Partner am Boden hat das Seil in der Hand und sichert.

„Klettern hat sehr viel mit Verantwortung zu tun“, sagt Schwiderski. Dass in der Kletterhalle vielfach auch Schulen oder andere Jugendgruppen sind, hängt unter anderem mit dieser pädagogischen Erkenntnis zusammen.

100 Kletterer pro Tag

Den Wert des Kletterns in der Jugendarbeit haben aber auch Initiativen erkannt, die etwa mit Blinden oder Sehbehinderten arbeiten. „No limits“ - „keine Grenzen“ heißt das Angebot des DAV für Klettergruppen, die aus Menschen mit Handicap bestehen.

Wer schon ein wenig Erfahrung hat, wird sich am „Vorstiegsklettern“ versuchen. Das Seil wird unten vom Partner gesichert und in in der Wand befestigte Haken vom Kletterer eingehängt. Im Falle eines Sturzes fällt der Kletterer einige Meter tief - und der Partner am Boden hat eine hohe Verantwortung, das Seil zu blockieren.

Durchschnittlich mehr als 100 Kletterer nutzen die Volksbank-Halle jeden Tag. Das Angebot, sagt Schwiderski, hat den Verein verändert: Viele Mitglieder sehen ihn nicht, wie das früher vielfach der Fall war, als so etwas wie eine Familie, sondern vor allem als Dienstleister.

Buchhaltung zwischen Verein und Hallen laufen getrennt

„Das entspricht dem Trend der Zeit: Man bindet sich nicht mehr ein Leben lang, sondern für eine begrenzte Zeit.“ Die Zahl der Mitglieder ist jedenfalls seit Eröffnung der Kletterhalle sprunghaft angestiegen, von zunächst 2500 auf aktuell knapp 4000.

Wichtig dabei ist, dass die Kletterhalle als „wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb“ geführt und in der Buchhaltung komplett getrennt von den sonstigen Vereinsfinanzen geführt wird - „Mitgliedsbeiträge werden für die Kletterhalle nicht verbraucht“, sagt Daniel Brunner, der wesentlich die finanziellen Aspekte der Kletterhalle geplant hat. Das im Übrigen ist gut gelungen: Die Baukosten lagen um 2,2 Prozent über dem Ansatz - „fast eine Punktlandung“, kommentiert Brunner. Möglich sei dies durch „hartes Kostenmanagement“, so Brunner, und eine „harte Bauaufsicht“: „Wir waren jeden Tag auf der Baustelle.“

Der Deutsche Alpenverein wünscht sich, dass die Kletterhalle mittelfristig noch erweitert wird: Im hintersten Drittel des denkmalgeschützten Gebäudes wäre noch Platz, um einen weiteren Kletterparcours anzulegen.

von Till Conrad

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