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Getreide als moderner Krankmacher

Verordnung Getreide als moderner Krankmacher

Sie bringen ihre eigenen Soßen, ihr eigenes Brot und ihr eigenes mariniertes Fleisch zum Grillfest mit. Die Zahl der Menschen, die unter einer Gluten-Unverträglichkeit leiden, nimmt zu. Die Forschung hat reagiert - die Lebensmittelindustrie zieht nach.

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Glutenhaltiges Getreide ist in zahlreichen Lebensmitteln verarbeitet und kann zu Unverträglichkeit führen.

Quelle: Silke Heyer

Marburg. In ihrer Studenten-WG ist sie als Spießerin bekannt. Einfach, weil sie alle Lebensmittel mit ihrem Namen markiert. DENISE steht da in Großbuchstaben geschrieben. Auf das „Finger weg“ hat sie verzichtet. Sie verwendet sogar ihren eigenen Toaster. Denise leidet unter Zöliakie - einer Glutenunverträglichkeit. Nur kleinste Mengen von Gluten lösen bei ihr Übelkeit aus. So klein, dass schon ein Brotkrümel in der gemeinsam benutzten Butter ausreichen würde, sie mit Bauchkrämpfen zu strafen.

Seit drei Jahren lebt sie mit der Diagnose. Und seit drei Jahren lebt sie wieder gut. Denn die Therapie scheint im ersten Moment einfach: Wer Gluten nicht verträgt, der verzichtet darauf. Eine Herausforderung. Ist es doch in nahezu allen Teigwaren, Fertiggerichten, Soßen, Süßigkeiten etc. enthalten.

„Es gilt schon, die kleinsten Spuren von Gluten zu meiden. Das ist keine medikamentöse Behandlung, nur eine Diät“, sagt Professor Elke Roeb, Leiterin der Gastroenterologie am UKGM Gießen. „Eine extreme Nahrungsmittelumstellung - die eine komplette Lebensumstellung zur Folge hat. „Vererbt wird nur die Veranlagung. Die Erkrankung wird erworben“, so die Professorin weiter. Die Anzahl der Menschen, die diese Krankheit im Laufe ihres Lebens „erwerben“, steigt stetig an.

Laut Schätzungen von Professor Elke Roeb sind knapp ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Manche schon im Kindesalter, manche erst im späten Erwachsenenalter. „Je höher der Wohlstand in einer Gesellschaft, desto höher die Wahrscheinlichkeit, an Zöliakie zu erkranken“, erklärt die gastroenterologische Fachärztin. Sie hat in den vergangenen Monaten an der „ersten deutschen Leitlinie“ für Zöliakie mitgearbeitet. Deutschlandweit waren rund 30 Internisten, Pathologen, Kinderärzte, Endokrinologen, Ernährungsberater und Selbsthilfegruppen an der Ausarbeitung beteiligt. Unter anderem enthält die Leitlinie Empfehlungen für die Diagnostik und Behandlung.

„Bei der Zöliakie richten sich Antikörper gegen darmeigene Strukturen. Das ist eine Überreaktion des Immunsystems“, so die Professorin. Die Darmzotten werden angegriffen und verlieren an Substanz. Eine Aufnahme von Nährstoffen wie beispielsweise Eisen ist nicht mehr möglich. „Eine Biopsie ist die einzige Möglichkeit um das Ausmaß der Erkrankung festzustellen“, erklärt Roeb.

Die Ursachen für die Erkrankung, die häufig mit Magenkrämpfen, Übelkeit, Eisenmangel oder im Kindesalter sogar mit Wachstumsstörungen einhergeht, ist bisher weitestgehend unbekannt. „Bisher konnte man einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und der Stillzeit erkennen. Kinder, die sehr lange oder gar nicht gestillt wurden, leiden häufiger an der Autoimmunerkrankung. Der Mechanismus ist aber noch nicht komplett geklärt.“

Die Erkrankung fordert nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Lebensmittelindustrie und Gastronome. Bisher ist eine Kennzeichnung von glutenhaltigen Lebensmitteln nicht verpflichtend. „Aber mit dem Thema stoßen sie gerade in ein Wespennest“, so Andreas Buß, Vorsitzender der Vereinigung der Köche Marburgs. „Die EU fordert, dass die 14 Zusatzstoffe, die häufig zu Unverträglichkeit führen, ab dem 13. Dezember 2014 einheitlich gekennzeichnet werden“, so Buß. „Das ist ein Riesen-Aufwand.“ Derzeit sieht die Lebensmittelinformationsverordnung eine strengere Verpackungskennzeichnung von Inhaltsstoffen vor.

Ob auch die Gastronome in die Pflicht genommen werden, ihre Speisekarten zu deklarieren, ist noch unklar. „Der Bund der Köchevereinigung kann derzeit noch keine Richtlinie herausgeben. Es steht noch nicht einmal fest, welche Forderungen genau umgesetzt werden sollen“, erklärt Buß weiter. Er beobachtet schon seit längerer Zeit, dass sich die Industrie auf die Veränderungen des Marktes einzustellen versucht - die Gastronomie jedoch noch hinterher hinkt. „Viele Gastronome weisen schon etwas aus. Aber noch nicht richtig.

Die Industrie beginnt sich schon jetzt ein- und umzustellen. Knorr und Maggi haben ihre Produkte bereits deklariert.“ Die Informationspflicht haben sie schon längst als Chance erkannt. Schließlich geht es ihnen darum, genau die Menschen wieder an den Tisch zu bekommen, die sich derzeit zu Hause ihr eigenes Süppchen kochen (müssen).

von Marie Lisa Schulz

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