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Geteilter Genuss ist doppelter Genuss

"Suspended Coffee" Geteilter Genuss ist doppelter Genuss

Einen Kaffee trinken, zwei bezahlen. Was auf den ersten Blick wie eine schlechte Rechnung aussieht, soll bedürftigen Menschen die Teilhabe an der Normalität ermöglichen.

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Saskia Rüdiger (links), Organisatorin der Initiative „Suspended Coffee“ in Deutschland, mit der Marburger Sozialplanerin Monique Meier.

Quelle: Andreas Arlt 

Marburg. Es war das Bild eines Mannes, der - gezeichnet vom Leben - in einem Café sitzt und sich über eine Tasse beugt. Eine Freundin von Saskia Rüdiger postete es ihr im April vergangenen Jahres auf die Facebook-Pinnwand. Die Geschichte hinter dem Foto beeindruckte die damalige Schülerin aus Zwönitz im Erzgebirge. Denn der obdachlose Mann trinkt einen „aufgeschobenen“ (englisch: suspended) Kaffee.

Drei Lokale in Marburg beteiligen sich bisher

Die Idee von „Suspended Coffee“, die ursprünglich aus Neapel stammt, ist eigentlich simpel. Ein Gast bezahlt zwei Kaffees, trinkt aber nur einen. Der andere wird „aufgeschoben“ für jemanden, der nicht das nötige Kleingeld hat. „Ich fand die Idee interessant, weil sie einfach umzusetzen ist“, sagte Saskia Rüdiger.

Die 18-Jährige beschloss, die internationale Initiative in Deutschland zu etablieren, übersetzte Informationsmaterial, gründete eine Facebook-Seite und baute - mit Unterstützung von Bekannten, Freunden und Familie - eine Internetseite, um die Aktion bekannter zu machen. „Es geht bei der Initiative auch darum, den Menschen im Alltag die Augen zu öffnen, dass es nicht allen gleich gut und dass Genuss für einige ein nicht bezahlbarer Luxus ist“, sagte Saskia Rüdiger.

Die unzähligen gestellten Anfragen und geleistete Überzeugungsarbeit trägt mittlerweile Früchte. 110 Cafés, Bistros oder Bäckereien haben sich bisher in Deutschland „Suspended Coffee“ angeschlossen. Das erste war das Café Vetter, auch wenn die Umsetzung bisher „eher schleppend“ sei, wie Axel Vetter sagte.

„Die Bereitschaft von vielen Kunden ist da, einen zusätzlichen Kaffee zu bezahlen. Das Abrufen passiert aber unregelmäßig“, sagte Vetter. Anscheinen sei die Hemmschwelle noch zu hoch, obwohl der Kaffee auch mitgenommen werden kann, wie Vetter betonte.

Brief soll Lokale zur Teilnahme ermuntern

Ähnliche Erfahrungen hat auch Margret Verroen vom Café Aroma in der Schwanallee gemacht, in dem eine Tafel auf die Initiative hinweist. „Viele Kunden fragen, was dahintersteckt und beteiligen sich dann auch. Die Nachfrage ist aber deutlich geringer“, sagte Verroen.

Markus Wedekind vom Lokal „Die Pause“ in der Oberstadt will die Aktion in Zukunft verstärkter bekanntmachen. „Wir überlegen im Moment, wie wir noch mehr Menschen informieren können“, sagte er.

Saskia Rüdiger ist optimistisch, dass in Zukunft noch mehr Menschen die „aufgeschobenen“ Kaffees auch abrufen. „Es gibt bereits Stadtteile in Deutschland, wo dies bereits Normalität ist.“ Und das betrifft nicht nur Kaffees. „Es gibt natürlich auch andere Dinge wie ein Essen, die man aufschieben kann“, sagte Saskia Rüdiger.

Unterstützung erhält sie von der Marburger Stadtverwaltung. Oberbürgermeister Egon Vaupel ermuntert in einem Brief, der an 50 Bäckereien, Bistrosund Cafés verschickt wurde, sich an „Suspended Coffee“ zu beteiligen. Der Fachdienst Soziale Leistungen will vor allem Langzeitarbeitslose über das Angebot informieren.

von Andreas Arlt

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