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Gestrandet, aber nicht verzweifelt

Studenten-Notunterkünfte Gestrandet, aber nicht verzweifelt

Wer zu Semesterbeginn noch keine Wohnung ­gefunden hat, muss nicht auf der Straße nächtigen. Für Härtefälle gibt es in den Studentenwohnheimen sogenannte „Notunterkünfte“.

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Simon Prokscha (vorne) und Paul Willerscheid in ihrer derzeitigen Unterkunft im Dr. Carl-Duisberg-Haus.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Es ist finstere Nacht, als Simon Prokscha seine Tasche packt - Hosen, Pullis, T-Shirts und natürlich den Kulturbeutel. Die Entscheidung für das Psychologie-Studium kommt von Herzen, aber auch spontan. Jetzt bleibt nur noch wenig Zeit. Um pünktlich morgens um acht Uhr in der ersten Vorlesung zu sitzen, verlässt Prokscha um drei Uhr nachts seine fränkische Heimat in Richtung Marburg. Dass er in diesem Moment besser auch eine Winterjacke mit auf seine Reise genommen hätte, wird ihm eine Woche später bewusst.

Seine neue Heimat - das Dr. Carl-Duisberg-Haus - liegt idyllisch vor dem Landgrafenschloss. Seit dem 21. Oktober schläft Prokscha in einer sogenannten „Notunterkunft“ und teilt damit das Schicksal von 57 weiteren Studenten, die in den verschiedenen Studentenwohnheimen untergebracht sind. Einer seiner drei Zimmergenossen ist Paul Willerscheid. Der Romanistik-Student hat durch einen vorangegangenen England-Aufenthalt nicht rechtzeitig eine Wohnung gefunden. Besonders geknickt scheint er deshalb nicht zu sein - auch weil er trotz seiner derzeitigen Situation zum Großteil gute Erfahrungen in Marburg gesammelt hat. Nachdem Willerscheid seine Situation beim Studentenwerk erklärte, habe man ihm dort schnell geholfen.

„Die Studierenden müssen lediglich eine Kaution hinterlegen und bekommen danach den Schlüssel für das jeweilige Studentenwohnheim ausgehändigt“, erklärt Franziska Busch, Pressesprecherin des Studentenwerks in Marburg. Fünf Euro kostet eine Nacht in den „Notquartieren“. Für den Monat werden 75 Euro berechnet.

Gegenseitige Hilfe über Facebook-Gruppe

Für Paul Willerscheid führte der Weg in Marburg jedoch zunächst von Couch zu Couch. Über die Facebook-Gruppe „Wohnungsmarkt Marburg“ hatte er erste Kontakte geknüpft. Eine Mieterin bot ihm sogar an, während ihrer Abwesenheit in ihrer Wohnung zu schlafen. „Dieses Vertrauen war schon beeindruckend. Schließlich hätte ich da ja auch sonst was machen können.“ Ein negatives Erlebnis ist Willerscheid dann aber doch im Gedächtnis geblieben. Während der Wohnungssuche fiel ihm im Studentenwerk das Angebot einer Frau, in Form eines Zettels, in die Hände. Die Frau hatte sich auf den Aufruf des Studentenwerks gemeldet, um verzweifelten Studenten mit einer Übernachtungsmöglichkeit zu helfen.

Willerscheid wählte die Nummer auf dem Flyer und erkundigte sich nach der Wohnung. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Zimmer, das in der Woche 150 Euro kosten sollte. Für einen Monat verlangte die Frau dann 450 Euro - wohlgemerkt ohne Küche. „Ich finde es nicht gut, wenn Menschen die Notsituation der Studenten finanziell ausnutzen wollen“, sagt Willerscheid.

Im Dr. Carl-Duisberg-Haus fühlen sich die beiden „Gestrandeten“ zurzeit ziemlich wohl. Dennoch suchen sie weiterhin nach einer Unterkunft, die etwas mehr Privatsphäre bietet. Einig sind sich Willerscheid und Prokscha darin, dass das Lernen für die Uni in dem Gemeinschaftsraum kaum möglich ist. Ohne Ablagefläche stapeln sich die Lernbücher auf den Betten und dem Boden.

Heike Weintraut ist die „gute Seele“ des Hauses

„Es lässt sich hier auf jeden Fall aushalten, aber ich glaube, dass vier Personen für so einen Raum das absolute Maximum sind“, sagt Simon Prokscha, der sich von Anfang an gut aufgenommen gefühlt habe. Lobende Worte hat der Psychologie-Student für Hauswirtschafterin Heike Weintraut, „eine unglaublich herzlich entgegenkommende Person“, die sich bereits seit 1993 im Haus um die Fragen und Anliegen der Bewohner kümmert. „Es ist sogar schon vorgekommen, dass mich morgens jemand gefragt hat, ob er denn so auf die Straße gehen kann“, sagt Weintraut. Viele, die ins Haus ziehen, seien zum ersten Mal von zu Hause weg und müssten deshalb besonders „bemuttert“ werden.

Prokscha gibt zu, dass ihn die ersten Tage im Semester etwas überfordert hätten - neue Stadt, Leute, neues Studium und kein Dach über dem Kopf. Nun fährt Prokscha das erste Mal wieder in seine alte Heimat, er braucht seine Winterjacke - es wird kalt.

von Dennis Siepmann

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