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Geschenke für "vergessene Dörfer"

Hilfe für Ukraine Geschenke für "vergessene Dörfer"

Viele Menschen abseits der Hauptstadt Kiew kämpfen mit Armut und Hunger. Besonders Kinder und Jugendliche sind die Leidtragenden.

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Der Verein „Brücke der Hoffnung“ hilft armen Familien in der Ukraine. Hier holen Kinder Trinkwasser.

Quelle: Privatfoto

Marburg. „Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich jetzt in einem Hilfswerk für die Ukraine arbeite und bald sogar selber nach Osteuropa reise, ich hätte es nicht geglaubt.“ Eva Gierse (kleines Foto: Tobias Hirsch) aus Marburg arbeitet seit November für den gemeinnützigen Verein „Brücke der Hoffnung“. Der Verein unterstützt seit 1977 arme Familien und besonders Kinder in der Ukraine mit Hilfsgütern und betreut sie seelsorgerlich.

Jährlich schickt der Verein mit Sitz in Hüttenberg vier Lkw-Ladungen mit Geschenken und Hilfsgütern in das Hauptbüro in Swetlowodsk im Südosten der Ukraine. In erster Linie sind dies Kleidung, Schuhe, aber auch Kuscheltiere und Spiele. Ein Fahrrad oder eine Spülmaschine hat auch schon einmal die weite Reise angetreten. Das Material wird zunächst in einem Zwischenlager gesammelt und dann mit dem vereinseigenen 34-Tonner in die Ukraine gebracht. Dies sei teilweise ziemlich kompliziert, berichtet Gierse, die unter anderem für die Organisation der Hilfsgüter zuständig ist.

Die Ware müsse zunächst durch den Zoll, dann in eine versiegelte Lagerhalle und anschließend acht Ministerien durchlaufen. Bei einem politischen Wechsel hofft der Verein auf eine Lockerung der Bestimmungen für die Einführung der Hilfsgüter, denn dies würde vieles erleichtern. Die Hilfsgüter wären schneller zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Eva Gierse lebt seit 1983 in Marburg und ist, wie sie erzählt, durch eine „glückliche Fügung“ an ihre Arbeit in dem Verein gekommen. Als medizinisch-technische Assistentin hat sie zunächst ein paar Jahre an der Uniklinik gearbeitet. Nach einem beruflichen Wechsel war sie dann als Buchhändlerin in einem Buchladen in der Marburger Oberstadt tätig. Kurz bevor der Laden schließen musste, kam sie mit Burkhard Rudat ins Gespräch, der bei ihr Kunde war. Rudat ist Leiter des „Brücke der Hoffnung e.V.“ und meldete sich kurze Zeit später mit einem Jobangebot bei ihr. „Die Arbeit ist eine neue Herausforderung für mich. Ich kann viel lernen, und ich habe das Gefühl, etwas zu bewegen“, erzählt Gierse lächelnd. Erfahrung mit gemeinnütziger Arbeit hat sie bereits, sie baute für den Marburger Christus-Treff e.V. ein Gästehaus in Jerusalem auf und hat dreieinhalb Jahre dort gelebt.

Im Mai wird sie das erste Mal in die Ukraine fliegen und sich an Ort und Stelle die Situation und die Menschen ansehen. Sie ist „gespannt, Gesichter zu den Geschichten“ kennen zu lernen und Eindrücke von den unterschiedlichen Orten zu bekommen. Die „Brücke der Hoffnung“ hat 20 hauptamtliche und viele ehrenamtliche Mitarbeiter. In den Büros in der Ukraine arbeiten ausschließlich Einheimische.

Sie selbst kommuniziert von dem deutschen Büro aus in Englisch und steht in engem Kontakt mit den ukrainischen Mitarbeitern. Sie telefoniert, skypt oder mailt täglich.

Viele Eltern können nicht lesen und schreiben

Viel hat sich aktuell durch die politischen Unruhen auf dem Land noch nicht geändert, erklärt sie. Die Situation sei seit vielen Jahren sehr schwierig für viele Ukrainer. Besonders in den „vergessenen Dörfern“, die weit von Städten entfernt sind, in denen die Menschen ums Überleben kämpfen und in denen große Armut und Hunger herrschen.

Die Menschen dort bekämen von der politischen Lage oft nur sehr wenig mit. „Viele haben noch nie eine Tageszeitung gesehen, wenn es hoch kommt, haben ein paar ein Radio oder einen uralten Fernseher“, sagt Gierse.

Der Verein hat unterschiedliche Programme für Familien und Kinder verschiedener Altersgruppen. Er hilft 200 bis 300 Kindern am Tag. Angefangen bei Kindertagesheimen für die Kleinsten. Dort können die Kinder eine warme Mahlzeit und eine warme Dusche bekommen. „Sie lernen, wie man Zähne putzt, Pflanzen aufzieht oder bastelt, wir wollen den Kindern die einfachen Dinge des Alltags beibringen“, berichtet Gierse.

Viele Eltern können selbst nicht lesen und schreiben, versuchen ihren Kummer mit Alkohol und Drogen zu ersticken, verfallen in Depressionen. Auch Gewalt ist ein großes Problem, meint Gierse. Die Kinder und Jugendlichen sind die Leidtragenden. Und gerade sie sind wichtig, sie sind die Zukunft des Landes, sie müssen aus diesem „Teufelskreis“ geholt werden, sagt sie. Mit Schulen und Lehrwerkstätten möchte der Verein den Jugendlichen eine qualifizierte Ausbildung, eine Chance auf ein besseres Leben geben und eine Brücke zur Hoffnung bauen. „Wir möchten, dass aus armen vernachlässigten Kindern gefestigte Erwachsene werden, die emotional gesund, körperlich fit und geistig auf der Höhe sind“, beschreibt die Marburgerin die Arbeit des Vereins.

Aber auch mit kleineren Programmen möchte der Verein mehr Freude in das Leben und den Alltag der Kinder bringen. „Mein erstes Geschenk“ ist eines dieser Projekte. Kinder, die noch nie Geburtstag gefeiert haben, werden zu einer Feier eingeladen und erhalten ein Geburtstags-Päckchen, gepackt von Spendern aus Deutschland.

Besonders wichtig ist dem Verein auch die Aufklärungsarbeit in Deutschland, schildert Gierse. „Wir möchten zeigen, wie das Leben dieser Menschen wirklich ist, wie sie mit der derzeitigen Krise und den gewaltigen Umbrüchen umgehen und wie wir als Deutsche ihnen in ihrer Lage Hoffnung schenken und praktisch helfen können“.

von Claudia Ritzenhoff

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