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Geschäftsleute beklagen Strafzettel-Flut

Verkehr Geschäftsleute beklagen Strafzettel-Flut

Gewerbetreibende am Steinweg in Marburg kritisieren eine seit kurzem immer weiter zunehmende Strafzettel-Flut rund um ihre Geschäfte. Ihre Vermutung: Ordnungspolizisten sollen mit Knöllchen Haushaltslöcher stopfen.

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Kurz anhalten, um Ware auszuladen, Kartons einzuladen, zwischendurch Kundenkontakte: Gewerbetreibende am Steinweg beklagen, dass seitens der städtischen Ordnungshüter keine Rücksicht mehr auf ihr Tagesgeschäft genommen werde. Foto: Björn Wisker

Marburg. Michael Drees trägt Kartons aus dem Kofferraum seines Autos. Einen, zwei, drei. Er verstaut sie in seinem Geschäft, der Tintenstation am unteren Steinweg. Er bemerkt nicht, dass gerade ein blauer Zettel an die Windschutzscheibe seines Wagens, der auf dem schmalen, drei, vielleicht vier Autos fassenden Parkstreifen am Straßenrand steht, geklemmt wird. Es ist das dritte­ Knöllchen innerhalb weniger Tage - obwohl er nach eigenen Angaben nur wenige Minuten parkte. „Moderne Wegelagerei ist das. Be- und Entladen von Ware und Materialien ist nicht mal eben gemacht, schon gar nicht, wenn nebenbei Kundschaft bedient werden möchte“, sagt der Unternehmer.

„Gezielt und akkurater denn je werden Falschparker aufgeschrieben. Als ob auf der Lauer gelegen und dann ausgeschwärmt wird“, sagt Patrick Rapp, der seit 2003 ein Vertriebsbüro betreibt. Jahrelang habe es am Steinweg eine gewisse Kulanz gegeben, Ordnungshüter seien eine Weile umhergelaufen und hätten auf ihrer Runde genau hingeschaut, nicht bei „erstbester Gelegenheit einen Strafzettel verteilt“. Immer habe er seine paar Verwarnungen im Jahr klaglos bezahlt, „weil ich mich davor bewusst für dauerhafteres Falschparken entschieden habe, einfach aus Zeitersparnisgründen“. Auch das Auslegen von Visitenkarten mit Gewerbeanschrift um die Ecke, eine Info über geschätzte Parkdauer, die Handynummer und Parkscheibe hinter der Windschutzscheibe bringe nichts mehr. „Von Augenmaß oder­ einer Art Brötchentarif für Menschen aus dem Quartier ist auf einmal nichts mehr zu spüren.“

Es sei noch nie „so rigide, so rücksichtslos“ kontrolliert worden in den zehn Jahren seitdem er sein Geschäft eröffnete, sagt auch Drees, der mehrmals wöchentlich zu seinem Geschäft aus Siegen anreist. Kunden ­kämen bereits „nervös“ in die ­Geschäfte, fürchteten stets einen Strafzettel, da viele angesichts der knappen Parkflächen am und rund um den Steinweg „regelrecht gezwungen“ wären zum Halten im eingeschränkten Halteverbot. Der Verweis auf Parkhäuser sei „realitätsfern“, sowohl für Kunden als auch für Be- und Entlader.

Es gebe vermehrt Abschlepp-Drohungen und Einschüchterungen seitens der Kontrolleure. Die jahrelang übliche Kulanz, sagt Rapp, sei einer „Null-Toleranz-Politik gewichen“. Das Ganze sei plötzlich aufgetreten, weshalb er eine „politische Entscheidung als Hintergrund, als Auslöser“ vermutet.

Vergangenes Jahr wurden nach Angaben der Stadtverwaltung 33386 Strafzettel verteilt, die Einnahmen durch Verwarnungen im ruhenden Verkehr beliefen sich demnach auf 465730 Euro. In den Jahren 2010 bis 2015 schwankte die Zahl der Verwarnungen zwischen 32652 (2015) und 39712 (2012). Im Jahr 2011 wurden 30679 Strafzettel verteilt.

Von einer „Jagd“ spricht auch Hans Helmut Lesch vom alteingesessenen Tabakwaren-Geschäft am Steinweg. Die ohnehin schlechte Anbindung der Oberstadt, der Überlebenskampf vieler Geschäfte werde durch den „neuen Weg“ des Ordnungsamts erschwert, ergänzt Bianca Lesch. Unternehmer Drees geht noch einen Schritt weiter: „Das ist der Sargnagel für die Zukunft der Gewerbetreibenden vor Ort. Auf der grünen Wiese oder in Gießen ist alles so viel einfacher.“

Die Einführung von Fangquoten oder Dienstanweisungen, keine Nachsicht mehr walten zu lassen, verweist die Stadtverwaltung jedoch ins Reich der Fabel, nein, so etwas gebe es nicht, allen Haushaltsproblemen zum Trotz. Zwölf Ordnungspolizisten sind im Schichtbetrieb im Einsatz um Parksünder zu finden, Kontrollschwerpunkt sei die ­gesamte Innenstadt, Stadtrand und Ortsteile würden „unregelmäßig beziehungsweise anlassbezogen bestreift“, teilt die Stadt auf OP-Anfrage mit. Zettel auf dem Armaturenbrett zu hinterlegen, etwa mit Kontakt-Hinweisen des Halters, könnten im Einzelfall etwas bewirken. „Einer Verwarnung wird man hierdurch grundsätzlich nicht entgehen“, heißt es aus dem Ordnungsamt.

von Björn Wisker

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