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Geschädigter verstrickt sich in Widersprüche

Freispruch für Tätertrio Geschädigter verstrickt sich in Widersprüche

Wegen Drogenhandels und gemeinschaftlicher räuberischer Erpressung von Drogengeld mussten sich drei Heranwachsende vor dem Jugendschöffengericht verantworten.

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Das Gericht spricht mutmaßliches Tätertrio vom Vorwurf der räuberischen Erpressung und Körperverletzung  frei.

Quelle: Archiv

Marburg. Am Ende der Verhandlung stand lediglich noch der Handel mit Betäubungsmitteln im Raum. Der Hauptvorwurf des Prozesses, gemeinschaftliche räuberische Erpressung und Körperverletzung, konnte den zwei 19 und dem 20 Jahre alten Beschuldigten nicht nachgewiesen werden.

Laut Anklage sollen die Männer aus Marburg und Hannover Ende Januar vergangenen Jahres gemeinsam einen Bekannten erpresst und durch massive Drohungen zur Herausgabe seines Handys gezwungen haben. Einige Wochen zuvor hatte der Angeklagte aus Hannover dem Geschädigten 20 Gramm Marihuana für 200 Euro „auf Kommission“ verkauft. Weil der Käufer dem mutmaßlichen Erpresser weiterhin das Geld schuldig blieb, suchten ihn schließlich alle drei Angeklagten in der Nähe des Marburger Südbahnhofes auf.

Der 20-Jährige bedrängte das Opfer und forderte umgehend die 200 noch ausstehenden Euro ein. Als dieser sich mangels Bargeld weigerte, drohten die Täter, ihm „die Fresse einzuschlagen“, durchsuchten den verängstigten jungen Mann und nahmen ihm schließlich die Jacke ab. In dieser fanden sie eine leere Geldbörse und das Mobiltelefon des Opfers, welches sie „als Pfand“ behielten, so die Anklage.

20-Jähriger gibt Marihuana-Handel zu

Darüber hinaus stand einer der 19-jährigen Marburger ebenfalls wegen Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung vor Gericht. Mitte November 2011 soll er in der Marburger Innenstadt auf denselben Geschädigten getroffen sein und diesem unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben.

Der Grund: Das Opfer schuldete ihm 40 Euro. Der Bekannte erlitt durch die Schläge eine Platzwunde im Gesicht sowie langfristige Schäden am Gebiss. Kurze Zeit später soll ihm der Angeklagte über ein soziales Netzwerk weitere Schläge angedroht haben, wenn er seine Schulden nicht begleiche. Seine Drohung machte er laut Anklage wenige Tage später wahr, schlug dem Schuldner erneut brutal ins Gesicht, da dieser das Geld nicht aufbringen konnte.

Zu Beginn der Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht ließen die drei Angeklagten über ihre Verteidiger mitteilen, dass sie keine Aussage machen werden, bevor nicht der Geschädigte vor Gericht gehört worden war. Lediglich den angeklagten Marihuana-Handel gab der 20-jährige Beschuldigte vollständig zu.

Der Geschädigte, der nach anfänglicher Abwesenheit erst noch von der Polizei in den Gerichtssaal gebracht werden musste, legte eine umfangreiche Aussage ab, die jedoch wenig zur Klärung des Falls beitragen konnte. Er beschuldigte die Angeklagten, ihn mehrfach angegriffen, brutal geschlagen und mit dem Tode bedroht zu haben. Als Ursache für die Übergriffe nannte er Geldschulden. Getroffen habe er sich mit den Bekannten, um eine Ratenzahlung zu vereinbaren.

Zu dem Kauf des Marihuanas äußerte er sich nicht, machte in diesen Punkten von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Einen genauen Tathergang, zeitlichen Zusammenhang und eine Beschreibung der jeweiligen Täter konnte das mutmaßliche Opfer nicht überzeugend wiedergeben. Der 18-Jährige wirkte wiederholt verwirrt, abwesend und ratlos vor Gericht. „Genau weiß ich das alles nicht mehr“, versuchte er zu erklären.

„Wir haben hier sicher keine Unschuldslämmer“

Die Angaben wichen zum Teil von der polizeilichen Aussage des Geschädigten ab, seien eher ein „unvollständiges, fürchterliches Stückwerk, bei dem es nicht vorwärts geht“, als ein wirkungsvolles Beweismittel, fasste der Vorsitzende Richter Cai Adrian Boesken zusammen.

Auch eine weitere Zeugin, die während der Vorfalls am Südbahnhof zeitweise zugegen war, konnte keine weiteren Erkenntnisse beitragen. Sie habe nichts von einem Streit zwischen ihren drei Bekannten und dem mutmaßlichen Opfer mitbekommen. Lediglich ein Gespräch habe sie beobachtet, an eine Auseinandersetzung könne sie sich nicht erinnern. „Das glaube ich Ihnen nicht“, zweifelte Richter Boesken ihre Aussage mehrfach an. Es sei möglich, dass die Männer einen Streit hatten, geachtet habe sie nicht darauf, gab die Zeugin schließlich unbestimmt zu.

Staatsanwalt Jonathan Poppe sprach sich schließlich dafür aus, alle drei Angeklagten von dem Vorwurf der gemeinschaftlichen räuberischen Erpressung sowie nahezu allen weiteren Anklagepunkten freizusprechen. „Wir haben hier sicher keine Unschuldslämmer sitzen“, so der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Jedoch reiche die ungewisse Aussage des mutmaßlich Geschädigten nicht für einen zweifelsfreien Schuldspruch aus. Den illegalen Drogenhandel samt Besitz des dritten Beschuldigten sah der Staatsanwalt dagegen als erwiesen an.

Dem stimmte das Jugendschöffengericht zu und sprach die beiden 19-Jährigen schließlich frei. Der 20 Jahre alte Angeklagte wurde wegen Besitzes sowie unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Darüber hinaus hat er an drei Gesprächen der Suchtberatung sowie einem Freizeit-Frust-Seminar teilzunehmen.

von Ina Tannert

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