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Gerüchte über Flüchtlinge kursieren

OP-Check Gerüchte über Flüchtlinge kursieren

Prügeleien, Überfälle, Exhibitionismus, Alkohol-Exzesse: In Marburg gibt es immer mehr Gerüchte um die Erstaufnahme für Flüchtlinge. Wahrheit oder Lüge? Der OP-Faktencheck.

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Gewalt, Diebstähle, Schwarzfahren, Vermüllung: In Marburg kursieren einige Gerüchte rund um das Geschehen in der Flüchtlings-Erstaufnahme entlang der Umgehungsstraße. Die OP erklärt, was stimmt und was nicht.

Quelle: Sven Geske

Marburg. Gerücht eins: Asylbewerber haben bereits mehrfach den angrenzenden Getränkeladen überfallen. Steffen Burghardt, einer der Inhaber des Getränkehandels „Burghardt und Schneider“ im Lintzingsweg, sagt: „Wir haben viele Kunden, aber überhaupt gar keine Probleme mit den Flüchtlingen. Es gibt hier keine Klauerei, und überfallen worden sind wir schon gar nicht.

Gerücht zwei : Alkohol-Exzesse, Prostitution und Exhibitionismus rund um das Fachmarktzentrum: „Die Leute sitzen hier unter Bäumen, vertreiben sich die Zeit, aber Trinkgelage oder großartige andere Probleme gibt es hier nicht“, sagt Jochen Briel, Heimtex-Chef. Auch von angeblichen sexuellen Übergriffen kann er nicht berichten: „Zugetragen wurden mir das Gerücht zwar, dass sich Leute entblößt haben sollen, aber direkt mitbekommen habe ich so was nie.“

Gerücht drei: Die Diebstähle in Cappeler Supermärkten nehmen zu. „Es gibt bei uns keinerlei Probleme aufgrund der Nähe zu der Flüchtlingsunterkunft. Unsere Kundenzahl steigt, das freut uns“, sagt Stella Kircher, tegut-Sprecherin. Nach OP-Informationen, die sich auf einen verwaltungsinternen Bericht stützen, gab es seit Eröffnung der Erstaufnahme in den meisten Geschäften der Umgebung „keine feststellbaren Auffälligkeiten“. Lediglich einer der ansässigen Discounter soll laut Bericht eine leicht gestiegene Zahl an Warendiebstählen beklagen.

Gerücht vier: Es gibt eine Magistrats-Anweisung, wonach Ladenbesitzer Flüchtlinge, die in Geschäften stehlen, nicht anzeigen und bei Stillschweigen die Rechnung der Stadt schicken sollen. „Ich frage mich, welches Hirn auf so etwas kommt. Da ist überhaupt nichts dran“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). In den Erstaufnahme-Einrichtungen werden insbesondere Toiletten- und Hygieneartikel sowie Kleidung ausgegeben.

Gerücht fünf: Flüchtlinge in der Erstaufnahme vermüllen die Umgebung. „Bisher gab es keine Beschwerden. Mit der Ausnahme von dem Dreck, worüber die OP ja berichtet hat. So sauber, wie das jetzt da ist auf dem Fußballplatz, ist es vor Ankunft der Flüchtlinge da nie gewesen, sagen die Anrainer. Jeder, der da Fußball gespielt hat, hat mehr Dreck da gelassen als die Flüchtlinge“, sagt Karl-Otto Beckmann, Ombudsperson. Dass rund um den Kreisverkehr beim Fachmarktzentrum von den Flüchtlingen immer wieder Müll liegengelassen werde, stimme, sagt Heimtex-Chef Jochen Briel. „Das stört natürlich schon, weil es dann vor den Läden schlecht aussieht. Aber wenn es zu unmöglich wird, sammeln wir das eben auf. Das ist echt kein Skandal.“ Die Dienstleistungsbetriebe Marburg (DBM) erkennen in der Gegend „keine signifikante Vermüllung“.

Gerücht sechs: Regelmäßige Schlägereien im Zelt-Camp und Berichtsverbot für Polizei und Medien. Die Asylbewerber genießen in Bezug auf Strafverfolgung oder öffentliche Meldung von Straftaten „keine Sonderstellung“, sagt Martin Ahlich, Polizeisprecher, auf OP-Anfrage. Alle nennenswerten Vorkommnisse würden von den Behörden gemeldet – so wie die Auseinandersetzungen am Dienstag- und Mittwochabend vergangener Woche, als jeweils mehrere alkoholisierte, aggressive Männer in der Unterkunft randalierten, ein 27-Jähriger verletzt und Verdächtige verhaftet wurden (die OP berichtete jeweils). Seit Ende August soll es den Gerüchten zufolge immer wieder zu Prügeleien kommen, die Polizei im Dauereinsatz sein. Nach OP-Informationen aus Helferkreisen soll es sich bei einem der auffälligsten Vorfälle im September aber lediglich um eine Rangelei zwischen einigen Männern vor der Essensausgabe gehandelt haben. Im September gab es zudem Auseinandersetzungen, an denen vor allem Betrunkene beteiligt gewesen sein sollen, teilte die Polizei mit. Ombudsperson Beckmann bezeichnet die Stimmung im Camp als „sehr friedlich“.Allerdings: „Frauen beschwerten sich darüber, dass Männer ihnen zu nahe gekommen sind.“ Deshalb seien auf dem Boden Linien markiert worden, so dass ordentliche Warte-schlangen entstünden. Nach OP-Informationen musste zuletzt jedoch ein Provokateur aus dem Camp verlegt werden, der gezielt Streit zwischen Muslimen und Christen schürte.

Gerücht sieben : Das Schwarzfahren hat zugenommen, seit Flüchtlinge in Marburg wohnen. „Vom 12. Juli bis zum 30. September hatten wir 550 Fälle, darunter waren lediglich zehn Flüchtlinge“, sagt Pascal Barthel, Stadtwerke-Sprecher. Die Flüchtlinge würden sich als Fahrgäste bezüglich der Rechte und Pflichten „grundsätzlich nicht von anderen Kunden unterscheiden“. Die Busfahrer würden beobachten, dass es gerade die Asylbewerber seien, die den Kontakt zum Fahrpersonal suchen, um Tickets zu kaufe

Gerücht acht: Behörden schenken ankommenden Flüchtlingen Smartphones samt Guthaben-Karte. „Das stimmt nicht. Wir sorgen nur etwa in Wohngruppen dafür, dass dort moderne Kommunikationsmittel, PCs zum Kontakt in die Heimat der Menschen zur Verfügung stehen“, sagt Oberbürgermeister Vaupel. Zudem ist im Erstaufnahme-Camp in Cappel vom Marburger Verein Rechenkraft ein kostenloses WLAN-Netz eingerichtet worden, deren Hardware von den Stadtwerken bereitgestellt wurd

Gerücht neun: Flüchtlinge treiben die Stadt in den finanziellen Ruin. Für Marburg und den Landkreis gibt es einen Landeszuschuss von 601 Euro pro Flüchtling pro Monat – nach OP-Informationen kostet die Kommunen ein Flüchtling pro Monat in Mittelhessen mehr als 800 Euro. Die Stadt bleibt dementsprechend jeweils auf rund 200 Euro sitzen. „Die durchschnittliche Bedarfslücke zwischen tatsächlichen Kosten in der Kommune und den Hilfen des Landes ist auf der Basis der Vorjahre auf diesen Betrag zu schätzen“, bestätigt Peter Schmidt, Sozialamtsleiter, auf OP-Anfrage. Die genaue Höhe des Zuschusses ergebe sich aber erst aus der Abrechnung des tatsächlichen, individuellen Bedarfs für jeden einzelnen Flüchtling, zum Beispiel für die medizinische Behandlung. Sie erfolge immer am Jahresende. Der hessische Städte- und Gemeindetag fordert angesichts der Finanzierungslücke eine Erhöhung der Landeszuschüsse auf 1000 Euro

Gesamtbewertung der Polizei : Die Auswertung der gemeldeten Straftaten habe ergeben, dass es in den vergangenen Wochen nicht mal zwei Dutzend Einsätze in der unmittelbaren Umgebung des Flüchtlings-Camps entlang der Umgehungsstraße gegeben habe. „Die Zeltstadt ist kein krimineller Brennpunkt“, sagt Martin Ahlich, Polizei-Pressesprecher. „Natürlich ist dieser Ort kein weißer Fleck auf der Landkarte, es gibt ein paar Vorfälle, aber nichts Exorbitantes, schon gar nichts, was dauerhafte Polizeipräsenz erfordern würde.“ Die Streifendienste rund um die Umgehungsstraße seien zwar verstärkt worden, das sei jedoch – auch angesichts der bundesweiten Übergriffe auf Asylbewerber-Unterkünfte – vor allem dem Willen geschuldet, den Aslybewerbern ein Gefühl der Sicherheit zu geben. „Unter den Umständen, dass da Hunderte aus verschiedenen Kulturen auf begrenztem Raum in Zelten leben, passiert da vergleichsweise sehr wenig“, sagt Ahlich. Mit Gießen, wo mehr als 6000 Asylbewerber in der Erstaufnahme leben, sei die Marburger Situation nicht vergleichbar. „Viele Gerüchte entsprechen einfach nicht den Tatsachen“, sagt Ahlich.

von Björn Wisker

Standpunkt
Giftige Post

von Björn Wisker

Es ist bedenklich, dass im bezogen auf die Flüchtlings-Hilfe herzensguten Marburg einige Leute Geschichten erfinden, um dem Ruf von Asylbewerbern zu schaden. Im Internet, in der Nachbarschaft wird über dubiose Vorfälle rund um das Zelt-Camp in Cappel berichtet.

Stets hat irgendjemand von einem anderen gehört, dass dies, das und jenes passiert sei. Es entwickelt sich, ob gestreut, gewollt oder nicht, eine giftige stille Post. Die Flüchtlings-Kritiker werden  die fast alle Gerüchte dementierenden Aussagen derjenigen, die von den angeblichen Problemen direkt betroffen wären, als Schönfärberei, als Verschleierung  abtun. Offiziell ist schließlich gelogen, diese Haltung ist dank Pegida und „besorgter Bürger“ ja salonfähig, geradezu schick geworden. Subjektive Gefühle sind Fakten überlegen – ein Weg, um das eigene Weltbild zu retten. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Klar ist: Dort, wo 650 Menschen ohne Privatsphäre, mit einem Rucksack voller düsterer Erinnerungen im Gepäck leben, wird es zu Problemen, ja, auch zu Gewalt kommen. Wovon ist das Ausdruck? Doch nicht von der Ungezogenheit der Flüchtlinge, sondern davon, dass es Behörden, Nachbarn und Gesellschaft noch nicht gelingt, den Menschen ein Leben zu ermöglichen, das den Namen verdient. Daran sollte sich mancher abarbeiten.

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