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Gericht weist auf Mordmerkmale hin

Prozess gegen Messerstecher Gericht weist auf Mordmerkmale hin

Mord statt Totschlag? Im Prozess gegen einen ­Messerstecher (24), der im Mai 2014 seine Schwiegermutter erstochen sowie Ehefrau und Schwager verletzt hat, verdichten sich die Anzeichen für eine gezielte Tatplanung.

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Im Landgericht ist der Prozess gegen den geständigen Messerstecher fortgesetzt worden.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Schritt, der das Strafmaß verschärfen könnte: Der Vorsitzende Richter am Landgericht, Dr. Carsten Paul, hat während des dritten Verhandlungstages am Freitag einen richterlichen Hinweis erteilt, wonach der Angeklagte auch wegen Mordes verurteilt werden könnte. „Es kommt in Betracht, dass er das Opfer zur Ermöglichung einer weiteren Straftat getötet hat“, sagte Paul.

Hintergrund: Offenbar geht die Kammer davon aus, dass der geständige Messerstecher seine Schwiegermutter (51) tötete, um seiner seit wenigen Tagen offiziell geschiedenen Ehefrau (23) Gewalt antun zu können (siehe Infokasten rechts).

Auch möglich ist Pauls Hinweis zufolge eine Verurteilung wegen vollendeten Totschlags sowie zweifach versuchten Totschlags. Ebenso wies der Vorsitzende Richter darauf hin, dass eine Tatmehrheit vorliegen könnte. Das würde bedeuten, dass für alle drei Angriffe – sowohl der tödliche auf die 51-Jährige als auch die von der Staatsanwaltschaft angeklagten gefährlichen Körperverletzungen auf die Ehefrau und den Schwager (20) – Einzelstrafen gebildet werden könnten. Resultat: Die Gesamtstrafe wäre höher als wenn das Landgericht bei dem Geschehen von einer sogenannten Tateinheitlichkeit ausgeht.

Grund für den richterlichen Hinweis dürfte sein, dass sich die Anzeichen für einen gezielten Angriff auf die Familie nach Einschätzung des Gerichts verdichtet haben. Wie ein Freund (23) des Angeklagten am Freitag aussagte, habe er in den Tagen vor der Tat viel Kontakt mit seinem Internet-Chatpartner gehabt. Dort kündigte der Metallbauer gegenüber dem Zeugen die Tat samt Zeitpunkt (Anm.  d. Red: der 30. Mai 2014 war ein Freitag) an: „Ich kill‘ die Bitch am Freitag. Wenn sie mir dann das Ehebett nicht gibt, geht es zu Ende. Ich halte es nicht aus, dass sie mit ihrem Neuen darin poppt“, schrieb der 24-Jährige im Chat. Dieser und ähnlich lautender Nachrichten vorausgegangen war die vollzogenen Trennung der Ehefrau und ein Familienrechtsstreit.

Verteidigung stellt Schuldfähigkeit in Frage

Die Verteidigung fordert indes die Erstellung eines neuen forensisch-toxikologischen Gutachtens des Bluts ihres Mandanten. Dieser habe vor den Messerangriffen acht Tabletten Antidepressiva geschluckt, sei nicht mehr steuerungsfähig gewesen und somit eventuell nur vermindert schuldfähig. Der 24-Jährige sprach zuletzt von einem „Blackout“, er sei „wie von Sinnen“ gewesen und erinnere sich an den Tathergang selbst nicht mehr.

Die zuständige Gutachterin Dr. Petra Bauer hält derartige Auswirkungen der Medikamente für unwahrscheinlich. Noch vor der im März folgenden Einbringung ihrer psychologischen Analyse schilderte sie: „Schalter an, Schalter aus – danach sieht es bei dieser Dosis nicht aus.“ Der Angreifer habe vor und nach dem Angriff „ein geordnetes Verhalten an den Tag gelegt“, indem er etwa Abschieds-SMS schrieb und einen Anwalt kontaktierte.

Hintergrund: Der geständige 24-Jährige tötete in einem Wohnhaus in der Moischter Straße seine Schwiegermutter. Kurz zuvor verletzte er mit einem Stich seinen Schwager. Nach der Attacke auf die ihren Verletzungen erlegene 51-Jährige, jagte er seine damalige Ehefrau durch die Wohnung und stach in einem Nachbar­apartment, in welches die 23-Jährige geflüchtet war, ein. Tatwaffe war ein Keramikmesser, dessen Klinge aus ungeklärten Ursachen bei der Attacke auf die Ex-Ehefrau – Mutter der beiden gemeinsamen Kinder – abbrach.

von Björn Wisker

  • Fortsetzung: 5. März, 9 Uhr, Saal 101.
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