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Gericht spricht Familienvater frei

Sexueller Missbrauch Gericht spricht Familienvater frei

Eine zweifelsfreie Schuld des wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Vaters konnte das Gericht nicht feststellen.

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In einem Missbrauchsprozess hat die Strafkammer nach dem Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ geurteilt.

Quelle: Archiv

Marburg. Nach geltenden juristischen Grundsätzen war demnach kein anderer Abschluss des Verfahrens möglich, begründete der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf den Freispruch.

Rückblick: Angeklagt waren drei sexuelle Übergriffe seitens des Vaters in den Jahren 1999, 2004 und 2005, bei denen der Mann seine damals minderjährige Tochter am ganzen Körper berührt und zum Oralverkehr aufgefordert haben soll.

Vor Gericht brachte die heute 25 Jahre alte Tochter den Fall aus Angst vor neuerlichen Übergriffen des Vaters gegen ihre minderjährige Schwester (die OP berichtete).

Drei frühere Nachbarn der Familie sagten am letzten Verhandlungstag als Zeugen vor dem Landgericht aus. Sie bestätigten zwar, dass die Mutter im Jahr 2003 mit ihnen gemeinsam eine Fahrt nach Bonn unternahm – ein zentraler Punkt der Beweisaufnahme. Weitere belastende Erkenntnisse gewann die Kammer jedoch nicht während der mehrstündigen Verhandlung. Auf Nachfrage des Gerichtes gab die mutmaßlich Geschädigte während einer erneuten Vernehmung an, dass sich der zweite angeklagte Übergriff auch im Jahr 2003 ereignet haben könnte, anstatt im darauffolgenden Jahr, wie eigentlich angeklagt. Konkrete Erinnerungen habe sie nicht mehr, wiederholte die Zeugin.

„Es hängt alles an der Frage, ob der Nebenklägerin geglaubt werden kann“, fasste Staatsanwältin Annemarie Petri schließlich die Beweisaufnahme zusammen.

Die 25-Jährige habe glaubhaft dargestellt, dass es über zehn Jahre lang zu regelmäßigen Annäherungsversuchen des Vaters gekommen war, betonte die Vertreterin der Anklage. Zwar konnte der zweite Fall nicht ausreichend bewiesen werden, die genaue zeitliche Einordnung sowie nachvollziehbare Schilderung der anderen beiden angeklagten Übergriffe bewiesen dagegen die Glaubwürdigkeit der jungen Frau, sagte Petri.

Gerade die teils mangelhafte Erinnerung und ungenaue Zeiteinordnung der Zeugin sei ein Zeichen, dass die psychisch stark belastete Frau es über Jahre geschafft habe, das Erlebte zu verdrängen und auszublenden, ergänzte Rechtsanwältin Diana Cosic als Vertreterin der Nebenklage. Ihre Mandantin habe keinen Grund, falsche Behauptungen aufzustellen, als „Triebfeder“ stehe für sie der Schutz der minderjährigen Schwester vor dem Vater im Vordergrund.

Angeklagter: „Ich habe nichts getan“

Dem widersprach die Verteidigung. Der juristische Grundsatz der Unschuldsvermutung konnte in diesem Fall nicht zweifelsfrei widerlegt werden, betonte Verteidiger Dr. Dietmar Ricke. Die vermeintlich Geschädigte habe keine aussagekräftigen Erinnerungen darlegen können, „wir haben hier drei konkrete Vorfälle und müssen uns fragen, ob sie diese nicht erfunden hat“, machte der Rechtsanwalt deutlich. Auch die Zeugenaussagen deckten sich teilweise nicht mit den Angaben der Nebenklägerin – übrig blieben  deutliche Zweifel, „das ist der Knackpunkt“, fasste Ricke zusammen und beantragte einen Freispruch. „Ich habe nichts getan und es ist nichts passiert“, erklärte der Angeklagte erneut.

Das Gericht folgte der Verteidigung und sprach den 44-Jährigen frei. Eine andere Entscheidung konnte es aufgrund von verbleibenden Zweifeln nicht treffen, sagte Richter Wolf. Das lange Verfahren habe weder objektive Beweise, sachliche Nachweise oder Tatzeugen noch eine hohe Aussagequalität hervorgebracht, wurde von einer Aussage-gegen-Aussage-Situation geprägt, die nicht eindeutig behoben werden konnte.

Unter anderem konnte die zwar logische, jedoch auffallend „beschränkte, enge Schilderung“ der Nebenklägerin die Skepsis nicht ausräumen. „Ein Gericht kann nur verurteilen, wenn es keinerlei Zweifel hat“, sagte Wolf. Dies bedeute nicht, dass die Anklageschrift oder die getätigten Aussagen falsch seien, sondern dass nach herrschendem Gesetz bei Zweifeln nicht geurteilt werden könne.

von Ina Tannert

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