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Geplättet von Richter-Plettenberg

Kandidat tritt zurück Geplättet von Richter-Plettenberg

Die SPD ist im Stress, der zurückgetretene Kandidat steckt in seinem Gefühls-Chaos fest. Für die heimische SPD traten gestern unerwartete Schwierigkeiten auf, die binnen vier Wochen gelöst werden müssen.

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Ihr „Hauptmann für den Landkreis“ sollte er werden – doch der Traum der heimischen SPD, Michael Richter-Plettenberg als nächsten Landrat zu stellen, ist seit gestern ausgeträumt.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Er hüllt sich in Schweigen, was die Gründe angeht. Die Nachricht vom Rücktritt Michael Richter-Plettenbergs von seiner Landratskandidatur traf die Sozialdemokraten im Landkreis gestern wie ein Hammerschlag - und eine handfeste Begründung blieb aus. Richter-Plettenberg ließ sich von der OP nur so viel entlocken: Seine Situation sei kompliziert. Und besonders schwer wiege für ihn jetzt das Gefühl, jene Menschen zu enttäuschen, die ihn bei seiner Landratskandidatur unterstützt haben und im Wahlkampf unterstützen wollten. Zugleich stellte er klar, dass er an seinem Amt als Bürgermeister von Amöneburg festhalten werde. Was sein Kreistagsmandat angeht, so kündigte er an, diese Funktion zumindest vorerst nicht mehr ausüben zu wollen.

In der Nacht zu Mittwoch hat Michael Richter-Plettenberg auch seine Facebook-Gemeinde darüber informiert, dass er nun doch nicht für die SPD als Landrat kandidieren will. Er nennt familiäre Gründe und bittet, nicht weiter zu bohren. Ein Facebook-Post aus der letzten Woche deutet allerdings darauf hin, dass sein Bürgermeisteramt in Amöneburg sich nicht mit dem Projekt Landrat vertragen hat. Doch zunächst zu den Reaktionen seiner Genossen und Konkurrenten:

Für den SPD-Unterbezirksvorsitzenden Sören Bartol war gestern klar, dass es für die Partei jetzt um Schadensbegrenzung geht. „Meine Aufgabe als Unterbezirksvorsitzender ist es, eine Lösung zu finden, die uns nicht rauswirft aus dem Wahlkampf.“ Für die Nominierung eines neuen Kandidaten durch die Parteigremien bleibt jedenfalls nur noch wenig Zeit - die Frist endet am 4. Juli, 18 Uhr. Womöglich schon heute wird der Unterbezirksvorstand entscheiden, wen er jetzt noch als „Ersatzkandidat“ vorstellen kann. Jedenfalls will die Parteispitze am Mittwoch über ihr weiteres Vorgehen informieren.

Sozialdemokrat als parteiloser Bewerber?

Werner Hesse, Fraktionschef der SPD im Kreistag, fühlt sich nun gefordert, die Sozialdemokraten schnell mit der neuen Situation vertraut zu machen, um heute Abend nach der Sitzung einen neuen Kurs vorgeben zu können. Die Fristen zur Wahl eines neuen Kandidaten könnten jedenfalls noch eingehalten werden, sagt er gegenüber der OP. Wie alle anderen auch, wurde SPD-Mann Andreas Schulz, Bürgermeister von Ebsdorfergrund und ehemals Konkurrent von Richter-Plettenberg in der SPD-Kandidatendiskussion, gestern von der Rücktrittsnachricht überrascht. Für ihn war klar: „Ein Kandidat der SPD wird es jetzt schwer haben.“ Eine Lösung könnte sein, nannte Schulz eine Variante, einen Sozialdemokraten als parteilosen Bewerber in den Ring zu schicken.

Ob er nach seiner Verzichtserklärung im Herbst vergangenen Jahres nun doch noch Interesse an dieser Aufgabe bekunden will, ließ Schulz offen. „Ich werde mir das jetzt durch den Kopf gehen lassen.“

Von einem „politischen Gau für die SPD“ sprach Dr. Karsten McGovern, Erster Kreis­beigeordneter und Landratskandidat der Grünen: „Vor sechs Jahren sprang der SPD schon einmal ein heiß gehandelter Bewerber im Vorfeld der Kandidatenkür ab, so dass sie eigentlich mit der zweiten Wahl antreten musste. Dieses Mal verlieren sie ihren gekürten Kandidaten, da wird es jetzt wohl sehr schwer.“ Ob sich der Wahlkampf durch den Rückzug Richter-Plettenbergs für ihn nun einfacher gestalten werde, dazu wollte McGovern keine Einschätzung abgeben. „Man wird sehen, was die SPD jetzt macht.“

Stadtverordnetenvorsteher zeigt sich irritiert

CDU-Kandidat Marian Zachow blieb zurückhaltend: „Ich weiß nicht, ob das positiv ist, wenn ein Mitbewerber verzichtet, man muss erst abwarten, was die Gründe sind“, sagte er. Noch am 24. Mai schrieb Richter-Plettenberg auf seiner Seite im sozialen Netzwerk Facebook zu einem Foto: „Der Wahlkampf macht sehr viel Spaß, mit den Jusos am Infostand auf dem Marktplatz in Marburg.“

Am 30. Mai klang er deutlich gedämpfter: „Manchmal denke ich: Schade, dass ich kein Pfarrer bin! Pfarrer wäre auch ein toller Beruf gewesen. Als Jugendlicher war ich in der Kirche engagiert und habe im Sommer den Küster vertreten und die Kirchenglocken geläutet. Doch beruflich hat es sich für mich ganz anders ergeben. So bin ich seit mehr als 25 Jahren für die sogenannte kommunale Familie tätig und will das Erlernte auch weiterhin gewinnbringend einsetzen. Wenn ich jedoch tatsächlich Pfarrer geworden wäre, dann hätte ich jetzt als Kandidat für die Landratswahl sehr viel Zeit. Denn Pfarrer werden von ihrem Dienstherrn vor einer solchen Wahl vom Dienst freigestellt. So bin ich Bürgermeister einer kleinen und aufrechten Stadt und damit doch in einer etwas anderen Situation. Ich habe Arbeit ohne Ende - ich weiß manchmal nicht, wo und wann ich aufhören kann/muss. Es gibt so viele Termine, und ich kann einfach nicht NEIN sagen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man mich in Amöneburg vom Wahlkampf abhalten will. Warum bloß?“

Zu diesen Einlassungen Richter-Plettenbergs befragt, war Amöneburgs Stadtverordnetenvorsteher Stefan Heck (CDU) gestern ratlos: „Wir hatten den Eindruck, dass er sich eher auf die Landratswahl konzentriert“, sagte er über Richter-Plettenbergs Arbeit in der Stadtverordneten-Versammlung.

von Carina Becker, Götz Schaub und Florian Lerchbacher

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