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Georg Büchner: Revoluzzer oder Romancier?

200. Geburtstag Georg Büchner: Revoluzzer oder Romancier?

Heute vor 200 Jahren kam Georg Büchner in Südhessen zur Welt. Trotz seines schmalen Werks gilt er als literarisches Genie. Seine Themen, soziale Gerechtigkeit oder der Umgang mit psychisch Kranken sind heute aktuell, zu Büchners Zeiten waren sie revolutionär.

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Quelle: Montage: Nikola Ohlen; Fotos: Helene Souza, Rolf Handke / pixelio.de; dpa

Marburg. Als er stirbt, hat Georg Büchner drei Bühnenstücke geschrieben und ein weiteres fast fertig. Er hat ein Lustspiel veröffentlicht, eine Flugschrift publiziert, er ist geflohen und hat als Naturwissenschaftler aufhorchen lassen. Dabei rafft ihn der Typhus bereits im Alter von nur 23 Jahren hin.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“

Die Georg-Büchner-Gesamtschule in Stadtallendorf wird sich in diesem Schuljahr in Projekten intensiv mit ihrem Namensgeber beschäftigen. „Mir imponiert an Büchner, dass ein Mensch in diesen historischen Voraussetzungen den Mund aufgemacht hat“, sagte Urban Sersch. Den sozial-gerechten Umgang miteinander sieht der Schulleiter als einen der wichtigsten Leitsätze der Stadtallendorfer Gesamtschule. Am Ende soll es dann eine Ausstellung geben. Trotz des kurzen Lebens wird Büchner heute als Freiheitsheld der Literaturgeschichte und als bahnbrechender Autor des 19. Jahrhunderts gefeiert.

Als sozialrevolutionäres Idol attraktiv ist Büchner noch heute, 200 Jahre nach seiner Geburt im kleinen hessischen Städtchen Goddelau. „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“, das ist sein wohl bekanntester Aufruf aus der Flugschrift „Hessischer Landbote“, die er 1834 veröffentlicht und an der er gescheitert ist. Die zweite Auflage der Flugschrift ist in Marburg gedruckt worden.Auch zwei Jahrhunderte später findet sich der Spruch als Graffiti auf Wänden und gedruckt auf Flugblättern. Es sind Worte wie diese, die Büchners Ruf eines Revolutionärs gefestigt haben – auch wenn das die Experten nicht alle so gerne sehen.

"Marburger Ausgabe" umfasst 8000 Seiten

„Büchner ist ein kontroverser Autor“, schränkt zum Beispiel Burghard Dedner ein, der Leiter der Büchner-Forschungsstelle an der Universität Marburg. Dedner ist überzeugt, dass Büchners aufrührerischer Geist Zeit seines kurzen Lebens hellwach war: „Er war kein Revolutionär wie Lenin, der eine Weile in Zürich sitzt, Schach spielt und wartet, bis er wieder zurück zur Revolution kommen kann“, sagt Dedner. Der Leiter der Forschungsstelle hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Büchner auseinandergesetzt. Seit 2000 arbeitet das Team mit insgesamt sieben Wissenschaftlern an einer kritischen und kommentierten Gesamtausgabe.

Die „Marburger Ausgabe“ wurde in 17 Teilbänden veröffentlicht und dokumentiert die Forschungsergebnisse auf mehr als 8 000 Seiten. Der letzte Band erschien pünktlich zu Büchners Geburtstag vor einem Monat.Ob die Forschungsstelle in Marburg ihr nächstes Projekt, die Digitalisierung und Veröffentlichung im Internet sowie eine Website über das Leben und Werk Büchners, umsetzen kann, ist derzeit noch offen. Über die Bewilligung der beantragten Forschungsmittel wird voraussichtlich erst Mitte kommenden Jahres entschieden. In den vergangenen Monaten hat die Forschungsstelle intensiv an der Hessischen Landesschau in Darmstadt mitgearbeitet, die das Motto „Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell“ trägt. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie in der Kultur.

Experten über bedeutende Büchner-Passagen:

Burghard Dedner, Leiter der Forschungsstelle Georg Büchner:

„Selbst das Geld geht in Verwesung über.“ (aus „Woyzeck“) Das sagt im „Woyzeck“ ein predigender und übrigens betrunkener Handwerksbursche. Gegenstand seiner Predigt ist der biblische Satz „alles ist eitel“, ein sehr allgemeiner und deshalb langweiliger Satz. Aber wenn selbst das Geld, das höchste aller Güter, in Gefahr gerät, dann ist auf nichts mehr Verlass – übrigens auch nicht auf diesen Satz. Würde der Handwerksbursche sagen: „Das Geld wird wertlos“, wüsste ich, was er meint. Auch der Satz: „Das Geld verfault“, wäre zwar merkwürdig, aber doch klar. Dagegen hat die Aussage „geht in Verwesung über“ einen merkwürdig schwankenden Sinn. Ich denke oft über ihn nach, und manchmal scheint es mir, dass auch unsere Politiker versuchen, den Satz auszuloten. Eine Antwort scheinen sie bis heute nicht zu haben.

Felicitas Hoppe, Schriftstellerin, Büchner-Preisträgerin:
„Und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“ (aus „Leonce und Lena“)Unmöglich, eine „schönste Stelle“ zu finden in einem Werk, das, ganz egal, wo man’s aufschlägt, überall Stelle und Stolperstein ist, immer Dichtung und Wahrheit zugleich: „Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“, heißt es zum Beispiel in „Dantons Tod“ über die Unzuverlässigkeit menschlicher Sprache, die ihrem Wesen nach immer beides hervorbringt: schönste und schrecklichste Stellen zugleich, den Verlust unseres Kopfes nicht weniger als unsere unstillbare Sehnsucht nach Paradiesen. Doch die schönsten schrecklichsten Stellen, weil sie nun mal die deutlichsten sind, enthält nicht das Werk, sondern Büchners Post an die Braut, wie die aus Gießen im Februar: „Ich dürste nach einem Briefe. Ich bin allein, wie im Grabe.“ Auch tote Dichter träumen von Stellen.

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Georg Büchner Ausstellung in Darmstadt
Die Ausstellung „Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell“ in Darmstadt spürt allen Facetten des Universalgenies Georg Büchner nach. Fotos: dpa

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