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"Generation Porno" plagt Versagensängste

Sexualberatung "Generation Porno" plagt Versagensängste

Pornovideos, Sex-Bilder, Nackt-Werbung: All das schürt laut Sozialpädagogen vor allem bei pubertären Jungs für falsche Vorstellungen von Intimität. Das SKF-Projekt "Herzklopfen" hilft beim Gegensteuern.

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Das Projekt „Herzklopfen“ des Sozialdienstes Katholischer Frauen widmet sich der Aufklärung von Jungen und Mädchen in der Pubertät. Pornokonsum ist in diesem Alter bereits ein Massenphänomen, sagt Sozialpädagogin Andrea Hessberger. Fotos: Björn Wisker / SKF

Marburg. Die Liste umfasst 39 Punkte. Es sind die Fragen, die Andrea Hessberger und Viktor Münter von Jugendlichen vergangenes Jahr am häufigsten gestellt wurden. Eine Aufreihung der Themen, die Teenager am meisten umtreiben. „Wie lang hat man Geschlechtsverkehr?“ „Wann ist ein Penis zu klein?“ „Tut Sex weh?“

Die Berater des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) spüren, dass sich in den vergangenen Jahren der sexuelle Leistungsdruck auf Jugendliche, speziell auf Jungs, verstärkt hat. „Sexualität springt jeden heute förmlich an, auf dem Schulhof werden über Smartphones die ersten Pornos geteilt. Aber schon die zur Schau gestellte Perfektion der Instagram-Fotowelt macht etwas mit den jungen Leuten: Es sorgt für totale Verunsicherung“, sagt Hessberger. „Was sie sehen, ist ihre Realität beziehungsweise soll es werden: Oralsex, Analsex, der spezielle Sprachgebrauch“, ergänzt Münter. Diese Bilder im Kopf, die permanenten Vergleiche zwischen muskelbepackten, gutgebauten Darstellern und dem eigenen nicht ausgereiften, als unzulänglich empfundenen Körper, würden die Pubertierenden nicht mehr loslassen. „Schnell wird das Gesehene zu dem, was Frauen angeblich wollen und vom Mann erwarten“, sagt Münter.

Generell sei es für Jungen in den vergangenen Jahren viel schwerer geworden, ihre Rolle zu finden - auch in Bezug auf Liebe, Sex und Zärtlichkeit. „Sixpack haben und Spülmaschine bedienen, gleichsam Macho und liebevoller Partner sein. Die riesigen Erwartungen kann niemand erfüllen.“ Und müsse es auch nicht - das ist ein Hauptpunkt, den die SKF-Pädagogen pubertären Gesprächspartnern etwa in Schulen in Marburg und dem Landkreis vermitteln.

Hessberger setzt sich mit der Lebenswirklichkeit der Jugend auseinander, vom moralischen Zeigefinger hält sie wenig, viel hingegen von Lehren des richtigen Umgangs. „Pornos sollte man nicht verteufeln, tatsächlich holen sich viele darüber Infos, wie Sex prinzipiell geht“, sagt sie. Jedoch sei es wichtig zu lernen, dass Sexfilme ebenso Fiktion seien wie Spielfilme. „Superhelden mit Superkräften gibt es nicht“, sagt Hessberger.

In der Theorie wisse die Jugend heute mehr über Sex denn je - in der Praxis überhaupt nicht. Der Trend gehe bei aller zur Schau gestellten Offenheit und Toleranz gar zur Wiederbelebung konservativer, beinahe spießiger Werte und Verhaltensweisen. „Hinter allen nach außen getragenen derben Sprüchen über dicke Titten und dieser taffen, harten Halbwissen-Coolness steckt größtmögliche Verunsicherung - und selten Erfahrung oder gar hohe sexuelle Aktivität“, sagt Münter. Im Gegenteil: Wenn sie im Projekt „Herzklopfen“ mit 14-, 15- und 16-Jährigen sprechen, zeige sich sofort, wer tatsächlich sein „erstes Mal“ schon hatte. „Die, die am meisten und lautesten über Sex reden, sind das nicht. Es ist sogar so, dass die Erleichterung im Raum riesig ist, wenn sie von uns erfahren, dass die allermeisten erst mit 17 Jahren, nicht mit 13, 14, 15 erstmals Geschlechtsverkehr haben.“ Jeder Schüler glaube vom anderen, dass er oder sie schon Erfahrungen habe - fast immer ein Trugschluss. Gerade Jungs interessieren sich in diesem Alter „weitaus mehr für Star-Wars-T-Shirts als für Mädchen“.

Vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf wurden zuletzt 160 Großstadtjugendliche zwischen 16 und 19 Jahren intensiv nach deren Pornokonsum-Erfahrungen befragt. Ergebnis: Sexfilme gehören für Jungen aller Schichten zum Alltag wie Computerspiele, Cola und Fußball. Bereits jeder zweite 13-Jährige konsumiere sie regelmäßig und mit altersgerecht hohem Interesse, 19-Jährige sind fast flächendeckend Porno-erfahren. Im Gegensatz zu Mädchen - mit 15 Jahren haben demnach mehr als 40 Prozent zwar solche Filme gesehen - die meisten finden die Inhalte entweder abstoßend oder albern, wenige sind, anders als Jungs, dadurch erregt. Das Resultat daraus: Beim ersten Mal seien die Sexualpartner heute „nicht jünger als in der Zeit vor dem Internet“ - und auch hätten sie nicht mehr Sexualpartner oder seien experimentierfreudiger wie vor 40 Jahren. Das deckt sich mit weltweiten Studien, etwa einer niederländischen, die 4600 junge Leute zwischen 15 und 25 Jahren in Fokus hatte. Fragestellung: Sorgt hoher Pornokonsum zu vermehrten sexuellen Abenteuern? Antwort: Nein.

Viele Marburger Jugendliche plagen eher Versagensängste: „Wie mache ich es gut?“, „Wie spreche ich sie an, wie erkenne ich den richtigen Ausziehmoment und was mache ich dann?“ sind weitere jener Kernfragen. „Im Internet googelt man sich irgendetwas zurecht, zieht sich in Gesprächen mit den Kumpels immer weiter hoch. Das hilft nicht, sorgt sogar eher für weitere Verunsicherung“, sagt Münter. Die SKF-Aufklärung geht in die Richtung, dass Sex nichts Mechanisches sei, es nicht ums Funktionieren gehe. „Ehrlich und authentisch, mit Empathie statt Übercoolness rangehen“, rät Münter. Unterschiede zwischen den Bildungsschichten - der SKF ist mit „Herzklopfen“ regelmäßig in Martin-Luther-, Richtsberg-Gesamt- und Käthe-Kollwitz-Schule sowie Schulen in Neustadt und Amöneburg tätig - gebe es kaum. Hauptschüler seien beim Thema Sex zwar „ungehemmter und offener“, aber nicht aktiver als Altersgleiche in anderen Schulformen. In Gymnasien herrsche dagegen beinahe immer „Verklemmung und Scham“.

Eine besondere Bedeutung wird auch in Marburg künftig der Aufklärung von Migranten, speziell arabischer Jungs, zukommen. Die SKF-Berater bilden sich dahingehend in Lehrgängen fort. „Es stimmt schon, dass die flegelhafter, sexistischer sind. Aber wenn es konkret wird, ist da auch wenig Wissen und Erfahrung vorhanden“, sagt Münter. Deutsche Mädchen „finden deren Gehabe furchtbar“ und hätten früh ein Gespür dafür, dass mit ihnen „meist nur zum Vergnügen gespielt“ werden solle, bevor die jungen Männer irgendwann aufgrund der kulturellen Hintergründe die Ehe mit einer Muslima schließen.

Hessbergers Gefühl zufolge werden die Infos und Tipps der Fachleute jedenfalls „aufgesaugt, weil das Bienchen-und-Blümchengespräch mit den Eltern im Alltag ebenso wenig stattfindet, wie in der Schule Sexualkunde mal eben effektiv nach dem Matheunterricht eingestreut werden kann“.

von Björn Wisker

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