Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Gelebte Partnerschaft beim Einheitsfest

Eisenach und Marburg feiern Gelebte Partnerschaft beim Einheitsfest

Strahlendes Wetter und gute Laune: Alles passte zusammen bei der Feier "25 Jahre Deutsche Einheit" in Marburgs Partnerstadt Eisenach.

Voriger Artikel
Stimmungsvolles Richtfest für Moscheebau
Nächster Artikel
Video-Überwachung hilft Epilepsiekranken

Herzlichen Glückwunsch: Eisenachs Rathauschefin Katja Wolf verleiht Eisenachs Ehrenmedaille an Marburgs OB Egon Vaupel. Foto: Manfred Hitzeroth

Eisenach. Der sandige Kiesboden auf dem Platz vor dem Eisenacher Theater erinnerte genauso wie die heiße Mittagssonne und ein liebevoll gedeckter Tisch mit Rotwein, Oliven, Baguette, Käse und Wurst eher an eine südfranzösische Stadt. Und ums Boulespielen, den französischen Nationalsport, ging es auch bei dieser besonderen Aktivität der beiden Partnerstädte Marburg und Eisenach:

Denn die Mitglieder des erst vor einem Jahr gegründeten Eisenacher Boulevereins hatten den schon etwas länger existierenden Bouleclub „Carreau“ aus Marburg eingeladen. „Wir treffen uns hier immer freitags um 17 Uhr“, erklärte Hartmut Werner, der Chef des Eisenacher Clubs, den Besuchern aus Marburg. Den Kontakt hatte er im Internet angebahnt. „Wir wollen ein bisschen von euch lernen“, sagte der Eisenacher.

Zu diesem Zweck wurden dann unter den anwesenden 18 Boulespielern je drei Spielgruppen gebildet, die jeweils gemischt aus Marburgern und Eisenachern bestanden. Nach Sonnenuntergang mussten die Marburger wieder zurück mit dem von der Stadt Marburg gecharterten Bus, mit dem auch Mitglieder von Stadtteilgemeinden, Vereinen und Kommunalpolitiker nach Eisenach gekommen waren. „Das ist gelebte Partnerschaft“, freute sich Christiane Leischner, die persönliche Referentin von Eise­nachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Die Linke) über das gelungene Sport-Event. Wolf betonte bei der Begrüßung der Gäste der Partnerschaftsfeier auf dem Marktplatz, dass sie beim „Bürgerfest“ aus Anlass von 25 Jahre Deutsche Einheit aus der „Feier-­Routine“ ausbrechen und nicht nur ­eine steife offizielle Zeremonie ablaufen lassen wollte.

Und so fand das gemeinsame Fest von Eisenach und Marburg in einem sonst für ein kommerzielles Oktoberfest genutztem Festzelt am Marktplatz statt, zu dem auch alle Eisenacher Bürger Zutritt hatten.

„Wir vergessen wahnsinnig schnell und können uns nicht mehr vorstellen, wie es vor mehr als 25 Jahren war und was uns die Einheit Positives gebracht hat“ sagte Marburgs OB Egon Vaupel. Neben einem Plädoyer für die Werte Nächstenliebe und Solidarität machte Vaupel auch deutlich, dass Hessen und Thüringen zusammengehören.

Seine Eisenacher Amtskollegin Katja Wolf sagte, dass der Kampf für elementare Freiheitsrechte ein wichtiger Grund dafür gewesen sei, dass die Menschen in der DDR 1989 auf die Straße gegangen seien. Dennoch sei der 3. Oktober 1990, der Tag der Vereinigung, ein ambivalenter Tag gewesen. Ene Reihe von Hoffnungen hätten sich nicht erfüllt.

Nach den Reden sorgten für den Marburger Kulturbeitrag Sängerin Leticia Bougouem und ihr Mitmusiker . Zudem gab es viele Vorführungen Eisenacher Vereine.

Vor allem aber rockten die jungen Tänzerinnen und Tänzer vom Eisenacher Rock’n’Roll-Club das Zelt mit ihrem rasanten Auftritt.

Selbst ein bekennender Nicht-Tänzer, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), ließ sich von den Tanzsportlern inspirieren und übte zusammen mit Katja Wolf und Moderator Erhard Walther gemeinsam einen leichten Tanzschritt ein. Ramelow hatte als Überraschungsgast auf dem Weg von der zentralen Einheitsfeier aus Frankfurt zur Thüringer Feier in Erfurt Zwischenstation in Eisenach gemacht. Schnell wurde klar, dass es für Ramelow als ehemaligen Marburger Gewerkschaftssekretär vor allem wegen der innigen Verbindung der Städtepartner etwas Besonderes war. „Es ist schön zu sehen, was an Freundschaft gewachsen ist“, freute sich Ramelow. Bereits im Dezember 1989  hatte er für den Deutschen Gewerkschaftsbund zusammen mit der mittlerweile verstorbenen Käte Dinnebier Eisenach besucht. Bald darauf ging er endgültig nach Thüringen. Im vergangenen Jahr wurde er dann zum ersten Ministerpräsident der Partei „Die Linke“ gewählt. „Danke, dass ihr mich nach Thüringen geschickt habt“, rief er den Marburgern zu. Der Überraschungsgast war auch bei der „Überraschung des Tages“ anwesend, als der scheidende Marburger OB Egon Vaupel von seiner Eisenacher Amtskollegin mit der Eisenacher Ehrenmedaille ausgezeichnet wurde. „Wir haben dafür extra die Eisenacher Hauptsatzung geändert“, verriet Katja Wolf. So können jetzt auch Nicht-Eisenacher mit der hohen Auszeichnung geehrt werden. Egon Vaupel habe sich bei den Eisenachern Respekt, Freundschaft und Anerkennung erworben, weil er die Städtepartnerschaft mit Leben erfüllt habe.

Freundschaftliche Gemeinsamkeit demonstrierten die beiden Stadtoberhäupter auch bei einem besonderen Kunst-­Ereignis am Abend im Eise­nacher Stadtschloss. Dort wurde die gemeinsame Ausstellung von Richard Stumm (Marburg) und Julia Kneise (Eisenach) eröffnet, die jeweils 14 Tage lang Stadtgast in der Partnerstadt waren. Julia Kneise ließ sich durch den Aufenthalt in Marburg zu zehn Porträts von Marburgern inspirieren. Mit Gesprächen und Foto-Shootings hatte sie sich den von ihr Porträtierten angenähert. Besonders beeindruckt und „auf dem Grund ihrer Seele berührt“ hätten sie diese Begegnungen. Vor allem die Leichtigkeit, Offenheit und Lebendigkeit all ihrer Modelle habe sie begeistert, sagte die Künstlerin.

Einen ganz anderen Zugang zu „seiner“ Partnerstadt gewann Richard Stumm. Er näherte sich Eisenach über Skizzen von Gebäuden. Die reichhaltige Architektur in Eisenach wie zum Beispiel im einmaligen Villenviertel, dem Südviertel, habe ihn sehr beeindruckt, sagte Stumm. Über Gespräche mit Eisenachern kam er zu seinem künstlerischen Hauptthema: Der Aufarbeitung der mehr als 100-jährigen Geschichte des Fürstenhofes. Das ehemalige Hotel steht seit Mitte der 90er Jahre leer und ist jetzt abrissreif. Es wurde von einem Investor erworben, der dort ein neues Wohnhaus errichten will. In Stumms „Fürstenhof“-Collagen aus Gemälden und Originalfotografien entdeckt man teils nachdenkliche und teils wehmütig-melancholische aber auch freudige Reminiszenzen an Feiern und Treffen im Fürstenhof von der Kaiserzeit über die Nazi-Zeit bis zur DDR-Zeit.

von Manfred Hitzeroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr