Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
"Geldverbrennerei" für leere Busse

Nahverkehr "Geldverbrennerei" für leere Busse

"Heiße Luft" ist ein Ausdruck unter Busfahrern, wenn sie wenige oder gar keine Fahrgäste transportieren. Der MVG Betriebsrat befürchtet, dass es davon mit Einführung weiterer Schnellbuslinien eine ganze Menge geben wird.

Voriger Artikel
Flüchtlingskinder warten noch immer
Nächster Artikel
Große Welle auf der Lahn

Die Marburger Verkehrsgesellschaft (MVG) kritisiert die von der SPD geplanten Schnellbuslinien.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wer vom Marburger Hauptbahnhof mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Schröck möchte, muss seit Einführung der Buslinie 12 mehr Zeit in Anspruch nehmen. Statt wie früher 20 Minuten braucht man dafür nun bis zu 45 Minuten. Der Grund: Warte- und Umstiegzeiten haben sich verlängert, weil die Linie 12 nur vom Südbahnhof ab fährt. Die Folge: „heiße Luft“ in den Bussen.

„Die Fahrgastzahlen sinken, weil die Fahrgäste stattdessen öfter auf das eigene Auto umsteigen“, beobachten Thorsten Beliza, Betriebsratvorsitzender der MVG und der stellvertretende Vorsitzende Harald Lehnert. Sie kritisieren das Vorhaben der SPD, die sich im Rahmen der Fortschreibung des Nahverkehrsplans unter anderem dafür ausgesprochen hatte, Schnellbuslinien einzuführen und somit die abendliche Anbindung der Außenstadtteile zu verbessern (die OP berichtete).

"Anbindungen werden ausgedünnt"

Darüber können Lehnert und Beliza nur den Kopf schütteln: „Die Anbindung der Vororte wird nicht verbessert, sondern ausgedünnt - das Wohnen auf dem Dorf wird unattraktiver, auch für Studenten.“ Grund dafür seien die langen Warte- und Umstiegszeiten. Lehnert, der seit 15 Jahren Fahrer beim Anruf-Sammel-Taxi (AST) ist, erzählt: „Ich hatte neulich einen Fahrgast, der es vorgezogen hat, von Schröck bis zum Elisabethbrunnen zu laufen und dort ins AST zu steigen, als den Bus zu nehmen, der über Moischt, Cappel, die Runde bis zum Südbahnhof fährt und von dort weiter mit einer anderen Linie bis in die Stadt.“

Die längeren Warte- und Umstiegszeiten sorge auch viele Eltern, die sich bisher auf einen kurzen und sicheren Heimweg ihrer Kinder von überall in der Stadtmitte verlassen konnten. Für Beliza, selbst Familienvater, ist dies nachvollziehbar: „Ich wünsche mir, dass mein Kind so sicher und so direkt wie möglich nach Hause kommt.“ Zudem habe es Beschwerden von Anwohnern im Neubaugebiet Cappel über den stündlichen Lärm und Abgase gegeben.

Statt Schnellbuslinien einzuführen fordert der MVG-Betriebsrat nun eine „echte“ AST-Reform und appelliert an die rot-grüne Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung, das Projekt AST-Reform „gründlich zu prüfen“: „Aus unserer Sicht ist es deutlich günstiger, als die Einführung eines Busses, der nach den Rückmeldungen unserer Busfahrer nur heiße Luft spazieren fährt“, so Beliza.

Kritik an telefonischen Annahmestellen

Um das AST zu reformieren, sei eine Verbesserung der telefonischen Annahmestelle notwendig. Durch zwei Annahmestellen sei es in der Vergangenheit häufig zu Konflikten gekommen. „Wir wollen alles aus einer Hand: Eine Zentrale, von der aus alles gestaltet wird“, so Beliza. Damit auch der AST dem Personenbeförderungsgesetz eines möglichst barrierefreien ÖPNV bis 2022 nachkommen kann, sollten zudem behindertengerechte Fahrzeuge eingesetzt werden. „Es gibt inzwischen Fahrzeuge, die Rollstuhlfahrer mitnehmen können. Unser Landkreis macht es uns derzeit vor. So ein Fahrzeug können wir im Anrufsammeltaxi-Verkehr hier in Marburg auch anschaffen.“ Um die Versorgungslücken besonders am Sonntagvormittag zu schließen, müsse zudem das Angebot zeitlich erweitert werden.

Umstellung kostet

„Die Umstellung auf die Linie 12 nach Schröck und Moischt abends hat gegenüber dem AST dem Vernehmen nach bereits nicht unerhebliche Gelder gekostet - und das nur für zwei Stadtteile. Wie viel soll es dann für alle Stadtteile kosten?“ heißt es in der Pressemitteilung. Doch ist das AST wirklich günstiger? Beliza und Lehnert sind davon überzeugt. Die Verkehrsleistung sei, entgegen vergangener Darstellungen, nicht besonders kostenintensiv. Das Gegenteil sei der Fall: „Das AST fährt nur bei Bedarf, der Kilometerpreis liegt laut Magistrat bei 2,17 Euro statt bei 4,33 Euro beim Bus.“ Nicht nur der Spritverbrauch, auch wegen der Wartung koste der Bus mehr. Außerdem sei die Belastung durch Abgase bei einem Bus, der jede Stunde fährt, höher, als bei einem AST, das nur bei Bedarf fährt. „Dafür bekommen die Bürger die Versorgung aller Vororte an 364 Tagen des Jahres“, wirbt Lehnert.

Generell, so loben Baliza und Lehnert, hatte das AST ein gutes System, welches sich aber im Laufe der Jahre so verändert habe, dass es an Attraktivität verloren habe. „Dass man AST-Haltestellen reduziert hat, ist für die Kunden sicher nicht vorteilhaft gewesen“, kritisiert Lehnert. Die Fahrgastzahlen hätten beim AST jedoch schon immer geschwankt. „Es überrascht mich, dass gerade jetzt ein Bus eingeführt wurde, wo doch die Fahrgastzahlen besonders in Schröck und Moischt schon wieder zurückgegangen sind“, sagt Lehnert. „Wir merken, dass einer Abschaffung in den letzten Jahren bewusst hingearbeitet wurde und auch immer noch wird.“ Ein großer Teil der Fahrgäste des AST hat die Schülerkarte „Clever Cards“. Es sind also nicht vorwiegend Studenten, sondern Schüler, die den AST nutzen. Dadurch wurden zu viele Fahrgäste angenommen wurden und Fahrzeuge überbelegt, worüber sich manche Kunden geärgert haben.

von Ruth Korte

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr