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Geiz ist nicht mehr geil

Konsum Geiz ist nicht mehr geil

Das Kaufverhalten hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Der niedrigste Preis ist nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium.

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Marburg. Immer mehr Menschen achten laut einer Studie beim Einkauf auf ökologische und soziale Kriterien. Die Verbraucher interessieren sich zunehmend dafür, ob Produkte biologisch hergestellt, fair gehandelt, klimafreundlich und regional produziert wurden, ermittelte das Trendbüro. „Ethischer Konsum ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagte Trendbüro-Gründer Professor Peter Wippermann. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) gab an, häufig Produkte zu kaufen, die ethisch korrekt hergestellt werden, also Umwelt- und Sozialstandards beachten. Bei der Vorläuferstudie 2011 waren es noch 41 Prozent, 2009 nur 26 Prozent.

Umsätze steigen auch in Marburg

Die Zahlen seien als Indikatoren zu werten, räumen die Macher der Studie ein. Denn „in Umfragen präsentieren sich die Befragten oftmals in einem positiven Bild, das nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmt: Was sie denken und sagen, muss nicht deckungsgleich mit ihrem tatsächlichen Handeln sein“.

Trotzdem spiegelt sich der Trend auch in Marburg wider. „Es herrscht hier eine andere Einstellung zu dem Thema“, sagte Klaus Hartmann, Filialleiter von „Denn‘s Biomarkt“, der die Entwicklung auch an kontinuierlich steigenden Umsatzzahlen festmachen kann. Viel mehr Menschen setzten sich mit der Situation auseinander und änderten entsprechend ihr Konsumverhalten.

Sport war der eigentliche Startschuss

Einer von ihnen ist André Siebert. „Ich habe eigentlich wegen des Sports angefangen, mich mit dem Thema Ernährung auseinanderzusetzen“, sagte der Student. Für ihn war es der Startschuss, genauer auf die Verpackungen zu schauen und zu recherchieren, was sich hinter den einzelnen Bezeichnungen verbirgt. „Ich habe mir immer häufiger die Frage gestellt, wo etwas herkommt, wie es hergestellt wird und ob ich das wirklich brauche“, sagte der 26-Jährige. Schritt für Schritt habe er sein Konsumverhalten umgestellt.

Dass dies keine ungewöhnliche Entwicklung ist, zeigt auch die Studie. 60 Prozent kaufen ethisch korrekte Produkte, weil sie damit nach eigener Einschätzung ihre Lebensqualität erhöhen. Sogar 83 Prozent wollen damit die Lebensqualität anderer Menschen (und Tiere) steigern. Ein Knackpunkt bleiben die Kosten, schließlich sind Bio- oder fair gehandelte Produkte oft teurer als konventionell hergestellte. „Ethische Produkte muss man nicht nur wollen, man muss sie sich auch leisten können“, heißt es in der Studie. 40 Prozent der Befragten finden sie demnach zu teuer. Die Bereitschaft, für Bio-Produkte mehr Geld zu bezahlen, sei sogar zurückgegangen.

Für Detlef Schreder ist der Kostenfaktor das ausschlaggebende Argument, was er einkauft. „Ich vergleiche die Preise. Je nach dem, wie groß die Unterschiede sind, entscheide ich mich“, sagte der Rentner. Nachhaltig ja, aber nicht zu jedem Preis, heißt das für ihn unter dem Strich. „Ich bin schon bereit, für ökologisch hergestellte Lebensmittel mehr auszugeben. Aber manchmal sind die Bio-Produkte im Vergleich so teuer, dass ich es nicht einsehe, so viel mehr zu bezahlen.“

Siebert sieht das anders, obwohl der Student von Bafög lebt. „Bio heißt nicht unbedingt teuer. Wenn man auf Fertigprodukte verzichtet und vieles selber macht, ist es unter dem Strich vermutlich günstiger. Außerdem bedenken viele nicht, dass Lebensmittel außerhalb der Saison, in der sie eigentlich geerntet werden, deutlich teurer sind.“

Steuerungsgruppe informiert über Fair Trade

Auch die Kunden von Stefanie Wack, Filialleiterin der Kaffeerösterei Contigo, achten auf die Herkunft der Produkte, zumindest meistens. „Einige merken aber auch erst an der Kasse, wenn sie einen Info-Flyer bekommen, dass sie einen fair gehandelten Kaffee gekauft haben“, sagte Wack. Trotzdem sei das Thema in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus gerückt, auch dank einer Steuerungsgruppe, die nach der Verleihung des Titels „Hauptstadt des fairen Handels“ 2009 entstanden ist.

Für den Einzelhandel ist das veränderte Kaufverhalten Herausforderung und Chance zugleich, so die Macher der Studie. Während früher allein die Qualität und Preis der Ware im Vordergrund gestanden hätten, sei in den 80er- und 90er-Jahren das Einkaufserlebnis und das Glücksversprechen durch Konsum dazugekommen. Heute gehe es dagegen zunehmend um Werte. „Immaterielle Werte werden in einer materiell geprägten Lebenswelt immer wichtiger“, sagte Wippermann.

von Andreas Arlt

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