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Geier - Hygienepatrouille von oben

Sommergäste am Himmel Geier - Hygienepatrouille von oben

Kreisende Geier über dem Landkreis - das schreit förmlich nach einem Witz über die Finanzsituation der darunterliegenden Gemeinden. Dabei ist der Anblick eines Geiers über uns gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

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Oben: Ein Gänsegeier putzt im bayerischen Jagdfalkenhof Schloss Tambach sein Gefieder. Kleines Foto: Gänsegeier in der Luft. Das Foto stammt aus der spanischen Extremadura.Fotos: David Ebener, Mario Modesto Mata

Quelle: David Ebener

Marburg. Seit 2006 werden verstärkt Geiereinflüge nach Deutschland dokumentiert. Beheimatet sind die Aasfresser mit einer imposanten Spannweite von bis zu 2,70 Meter in Europa vor allem in Spanien und Südfrankreich. Doch die geschickten Segelflieger lassen sich in großer Höhe von günstigen Winden viele hundert Kilometer weit tragen und landen zunehmend auch in unseren Gefilden.

Im Landkreis wurden seit 2005 18mal Geier gesichtet; zumindest laut der Sammlung von Beobachtungen, die das Naturschutzbüro Zollernalb bundesweit im Internet zusammenfasst. Die meisten Beobachtungen gelangen über der Gemeinde Weimar und über Marburg, zuletzt am 8. und 17. Juni.

In Lahntal gab es im vergangenen Jahr eine Sichtung, von der der Marburger Vogelschutzbeauftragte Dr. Martin Kraft fast schwärmend erzählt. Über dem Modellflugplatz bei Sterzhausen reihten sich neben anderen Greifvögeln auch zwei Gänsegeier ein, offenbar angelockt durch die ebenfalls kreisenden Flugzeuge der Modellpiloten. Die Geier kamen recht nah, berichtet Kraft, leider war keine Kamera rechtzeitig zur Hand. Nach kurzer Zeit schraubten sich die majestätischen Vögel im Aufwind in die Höhe und verschwanden in nordöstlicher Richtung.

Keine Gefahr für Menschen

Obwohl sie aus der Nähe bedrohlich wirken, sind Geier für den Menschen völlig ungefährlich, versichert Dr. Kraft. Sie ernähren sich ausschließlich von Aas und greifen somit auch nicht an. Dennoch gibt es Menschen, die ihnen Böses wollen. Das bekam im vergangenen Jahr ein Gänsegeier im Hinterland zu spüren. Er bezahlte seinen Ausflug nach Deutschland mit seiner Unabhängigkeit. Ein Schuss eines Unbekannten zerfetzte ihm einen Flügel so, dass er nie wieder fliegen kann. Immerhin wurde er rechtzeitig gefunden, eingefangen und im Vogelpark Herborn aufgepäppelt.

Inzwischen lebt er im Tierpark am Edersee. Ohne Fesseln und Volierengitter zwar, aber auch ohne die Chance, sich je wieder in die Lüfte erheben zu können. Wer das Tier wo und wann mit einer Schusswaffe angegriffen hat und aus welchem Grund, ließ sich bis heute nicht klären.

Doch zurück zu den Beobachtungen am Himmel. Dass die vorwiegend in Marburg, Niederweimar und Niederwalgern dokumentiert sind, hat sicher auch damit zu tun, dass im Lahntal und an den Seen traditionell viele Ornithologen unterwegs sind. Dass die Geier sich nur dort sehen lassen, glaubt Martin Kraft folglich auch nicht. Wenn man ein Tier sehe, sei es dennoch wahrscheinlich, dass noch mehr in der Luft sind, denn Geier sind nicht unbedingt Einzelgänger.

Geier schwer zu erkennen

Häufig sei es aber schwer, die Tiere in Flughöhen von mehreren hundert oder tausend Metern überhaupt auszumachen und von anderen Greifvögeln zu unterscheiden, die zumindest für Laien ganz ähnliche Silhouetten haben. Sehen könnte man sie aber auch beim Rasten in einem Baum, auf Strommasten oder am Boden (Feld, Straßenrand).

Nach Krafts Angaben können Geier noch aus tausend Meter Höhe Aas ausmachen, und aus noch viel größerer Entfernung erkennen sie, wo andere Greifer oder Störche auf Nahrungssuche über dem Boden kreisen. Häufig gesellen sie sich dazu und ziehen ebenfalls ihre Runden, um zu prüfen, ob sich eine Landung lohnt. Im Extremfall auch dann, wenn es sich bei den kreisenden Objekten nur um Modellflugzeuge handelt.

Warum aber kommen die Geier wieder in unsere Gefilde? Martin Kraft hat dafür im wesentlichen zwei Erklärungen. Die Schließung von offenen Müllplätzen in Spanien habe die Nahrungsquellen verknappt, genauso wie die Anordnung, nach der verendetes Vieh schnell von den Weiden entfernt werden muss - und Geiern und anderen Aasfressern somit nicht zur Verfügung steht. Kraft denkt aber auch, dass der Klimawandel eine Rolle spielt. Viele andere Vogelarten, die eigentlich im Mittelmeerraum heimisch sind, erobern nördlich der Alpen ebenfalls nach und nach Lebensräume. Als Beispiele nennt der Wissenschaftler den Alpensegler oder den Bunten Bienenfresser.

Kein Verdrängungskampf

Auch Greifvögel wie der Schlangenadler oder Rotfußfalken würden in unseren Breiten häufiger beobachtet, sagt Dr. Kraft. An eine Konkurrenz oder gar die Verdrängung heimischer Arten durch die Geier und andere Gäste aus dem Süden glaubt der Diplom-Biologe dagegen nicht. Das Nahrungsangebot für Aasfresser sei ausreichend, nicht zuletzt durch die vielen tierischen „Verkehrsopfer“ am Straßenrand. In der Frage, ob sich Geier bei uns auch wieder ansiedeln, ist Kraft zurückhaltender. Denn für die Brut brauchten sie große Felswände, von denen sie an und abfliegen können. Daher wäre aus seiner Sicht als Lebensraum in Deutschland weniger unsere Gegend geeignet als die Alpen oder manche Mittelgebirge, so der Marburger Vogelkundler.

Wer glaubt, einen Geier beobachtet oder fotografiert zu haben, kann sich per Mail an Dr. Martin Kraft kraftm@mailer.uni-marburg.de oder auch an die OP (landkreis@op-marburg.de) wenden. Die Sammlung von Geierbeobachtungen in Deutschland findet man hier: www.naturschutzbuero-zollernalb.de/geier/datensammlung.htm. Weitere Informationen finden sich unter anderem auch unter www.nabu.de/tiereundpflanzen/voegel/news/greifvoegel/05068.html

von Michael Agricola

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