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Gehörntes Vieh kann gefährlich werden

Enthornungs-Vereinbarung Gehörntes Vieh kann gefährlich werden

Die Zahl der Rindvieh-Hornstoßunfälle nimmt kontinuierlich ab. Doch hatten 22 davon in den Jahren 1991 bis 2013 tödliche Folgen. Enthornen gilt deshalb als wichtige Arbeitsschutzmaßnahme in der Landwirtschaft.

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Darf ihre Hörner aufgrund der anthroposophischen Überzeugung in der Demeter-Landwirschaft behalten: eine Kuh auf Hof Fleckenbühl in Schönstadt.

Quelle: Nadine Weigel

Niederwald. Damit die Enthornung für die Tiere in Hessen schmerz- und stressfrei erfolgt, gibt es jetzt eine freiwillige Vereinbarung. Den Landwirtschaftsbetrieb Schweinsberger-Dersch hatten sich die Beteiligten ausgesucht, um dort auf eine Initiative des Beratungskuratoriums Landwirtschaft in Hessen und der hessischen Veterinäre hinzuweisen: Gemeinsam haben die Akteure eine Vereinbarung zur schmerz- und stressfreien Enthornung von Kälbern entwickelt.

Im Kern sieht die Vereinbarung vor, dass Kälber künftig nur noch enthornt werden sollen, wenn ihnen vorher Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreicht wurden.

13 Vertreter verschiedener Ins-titutionen und Verbände vom Hessischen Landwirtschaftsministerium über den Hessischen Bauernverband und die Landestierärztekammer bis zur Hessischen Landjugend unterzeichneten die Vereinbarung, die seit Oktober in mehreren Sitzungen im Fachausschuss Tierproduktion beim Beratungskuratorium Landwirtschaft in Hessen vorbereitet worden war.

Der Unterzeichnung voraus ging eine Besichtigung der Melkanlage und der Stallungen des, wie Betriebsleiter Jörg Dersch erklärte, letzten aktiven Bauernhofs in Niederwald. 155 Kühe produzieren dort fast zwei Millionen Liter Milch pro Jahr. Eine möglichst schmerz- und stressfreie Enthornung sei richtig, diese sei aus Gründen des Arbeits- aber auch des Tierschutzes wichtig, damit weder Stöße gegen Menschen noch gegen Tiere vorkommen.

Günther Friedrich, Vorsitzender des Fachausschusses Tierproduktion und stellvertretender Vorsitzender der Zucht- und Besamungsunion Hessen, wies darauf hin, dass man frühestens in zwei Jahrzehnten mit der Zucht hornloser Rinder weit genug sein werde, sofern diese überhaupt gewünscht würden.

Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauernverbands, betonte, das Tierwohl stehe beim Landwirt an vorderster Stelle, oft vor dem des Menschen. Er selbst sei vor 25 Jahren einmal von einem Bullen „behandelt“ worden und habe ein halbes Jahr auf der Intensivstation gelegen. „Ich weiß, was ein Horn anrichten kann“, sagte er.

Markus Knapp von der Sozialversicherung für Landwirtschaft hatte statistische Daten über die Entwicklung der Rindvieh-Hornstoßunfälle parat. Deren Gesamtzahl sank bundesweit von 1991 bis 2013 kontinuierlich von 1427 auf 316, aber über den Zeitraum verteilt hatten 22 Hornstöße tödliche Folgen, also fast jedes Jahr einer. „Jede Maßnahme, die Tieren Schmerzen erspart und damit den Tierschutz weiterentwickelt, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer artgerechten Haltung von Nutztieren in der Landwirtschaft“, unterstrich Landwirtschaftsministerin Priska Hinz die Bedeutung der Vereinbarung und begrüßte die Bereitschaft der Landwirte, diese zu unterstützen.

Die neue Methode bietet die Vorteile, dass der Vorgang des Verödens schneller und für das Kalb stressfreier erfolgen kann, wenn es zuvor medikamentös ruhiggestellt wird - es müsse dann nicht mehr festgebunden werden. Die Verwendung eines Schmerzmittels und von Eisspray vor dem Eingriff führten zu weniger Schmerzen bei den Kälbern. Sowohl die hessischen Landwirte als auch die Veterinäre werden in Hessen in der Anwendung der neuen Methode zur Kälberenthornung beraten und geschult. „Ich appelliere ausdrücklich an alle Landwirte, sich in Zukunft an dieses Verfahren zu halten. Das Land wird dafür jede Unterstützung leisten. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Enthornung von Kälbern gerne ganz abgeschafft sehen würde. Ich verstehe aber auch die Forderung der Landwirte nach einem funktionierenden Arbeitsschutz“, unterstrich Hinz.

Bei der Enthornung von Kälbern ist die Verwendung eines Brenneisens eine klassische Methode. Damit werden die Hornanlagen ausgebrannt. Durch das heiße Brenneisen wird gleichzeitig die dabei entstehende Wunde kauterisiert, wodurch Blutungen gestillt und desinfiziert werden. Üblicherweise verwachsen diese Wunden relativ problemlos und vernarben schnell. Neben dieser Methode, die nur bei Kälbern Anwendung finden, kann es nötig sein, auch bereits ausgewachsene Tiere zu enthornen, etwa bei Verletzungen oder wenn ein Rind in eine Gruppe enthornter Rinder eingegliedert werden soll. Die Enthornung älterer Rinder, bei denen die Entwicklung der Hörner schon abgeschlossen ist, wird mit einem Sägedraht vorgenommen. Während die Zerstörung der Hornanlagen bei Kälbern auch von den Landwirten selbst vorgenommen wird, muss die Enthornung älterer Tiere von einem Tierarzt vorgenommen werden – nach dem Tierschutzgesetzt müssen die Rinder dabei sediert werden.

Der anthroposophische Verband Demeter, der die Enthornung untersagt, vertritt die Ansicht, die Hörner seien unabdingbar für die Verdauung und den Stoffwechsel der Tiere. Erste Versuche einer Hornloszucht werden von dem Verband ebenfalls als Einmischung in das Ökosystem verurteilt. Außerdem soll die Milch behornter Kühe weniger Allergene beinhalten, was besonders für Menschen mit Milchallergie wichtig sein könne; dies ist allerdings wissenschaftlich nicht bewiesen. Grundsätzlich verboten ist die Enthornung außer bei Demeter nur noch bei Neuland. Der Verband Gäa sowie einige weitere Verbände und Marken (Bioland, Naturland u. a., teilweise auch Eigenmarken von Supermärkten) gestatten sie ausschließlich in Einzelfällen und nur nach ausdrücklicher Genehmigung (Stand 2015), von der allerdings unterschiedlich häufig Gebrauch gemacht wird. Teilweise wächst jedoch auch in manchen Bio-Betrieben das Interesse für eine Zucht auf Hornlosigkeit. Quelle: Wikipedia / Demeter

von Manfred Schubert

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