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Gegen den Strom in den Osten

25 Jahre Mauerfall Gegen den Strom in den Osten

Am 10. November 1989 fährt alle Welt aus der DDR in Richtung Westen. Nur ein Reisebus fährt in die entgegengesetzte Richtung. Das Lehrerkollegium der Emil-von-Behring-Schule macht einen Ausflug in die Marburger Partnerstadt Eisenach.

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Am Tag nach dem Mauerfall fahren viele aus der DDR in Richtung Westen - nur ein Reisebus der Emil-von-Behring-Schule fährt in die entgegengesetzte Richtung.

Quelle: privat

Marburg/Eisenach. Als am Abend des 9. November 1989 die sensationelle Nachricht des Mauerfalls über die Bildschirme flimmerte, gingen innerhalb des Lehrerkollegiums der Emil-von-Behring-Schule die Diskussionen los: Sollte man den Ausflug absagen, oder aber doch wie geplant in Richtung Eisenach aufbrechen? Das Ergebnis der vielen Telefonate: „Wir wagen es“, erinnert sich Hans Amling. Jahr für Jahr unternahm das Kollegium einen Lehrerausflug und in der Marburger Umgebung „war alles abgegrast“. So kam es zu der Idee, einmal die Partnerstadt im Osten zu besuchen, denn „DDR – das war ja spannend“, so Amling. Viele der Lehrer waren zuvor noch nie dort gewesen. Schon ein halbes Jahr zuvor musste das Vorhaben geplant werden – schließlich war ein Einreiseantrag für den östlichen Teil Deutschlands nötig.

Also ging es auf in die Wartburgstadt. Auf dem Weg dorthin bietet sich den Marburger Lehrern ein beeindruckendes Bild. „Der erste Eindruck war eine riesige Trabi-Schar“, berichtet Amling. Während sich der Verkehr auf der Gegenfahrbahn ins Unermessliche staute, war die Fahrbahn in östliche Richtung komplett frei. Und auch an der Grenze ist es menschenleer. „Da stand keiner“, erzählt Amlings früherer Kollege Walter Mulot, bei dem sich vor allem die ungewöhnliche Kontrolle eingebrannt hat. „Der Grenzer stieg zu uns in den Bus sagte einfach nur ,Einen wunderschönen guten Morgen‘. Einen so freundlichen Ton kannte man sonst an der Grenze überhaupt nicht. Für die Pässe hat er sich gar nicht interessiert“, sagt er.

In Eisenach selbst war ebenfalls „keine Menschenseele zu sehen“, so Amling. „Es war wie eine Geisterstadt“. Das Wahrzeichen der Stadt – die Wartburg „hatten wir ganz für uns alleine“. Vermutlich, so glaubt Amling, „hat uns unser Reiseführer verflucht, weil er wegen uns nicht rüber konnte“.

Auch am Abend hatte der Strom an Menschen, die in den Westen wollten, noch nicht abgenommen. „Da haben wir uns allmählich gefragt: Wie kommen wir hier wieder raus?“, berichtet Amling. Auf der Autobahn zurück nach Marburg „rollten die Trabis immer noch in Dreier-Reihen“ über den Grenzübergang bei Herleshausen. Nur im Stop-and-Go-Tempo bewegte sich der Bus daher wieder gen Heimat. Viel Zeit also, um während der Fahrt den historischen Momentauszukosten.

Ost-West-Verbrüderung  auf der Autobahn

„Das war eine richtige Verbrüderung“, sagt Mulot. In den Phasen, als der Bus zum Stehen kam, seien immer wieder einige der Lehrer ausgestiegen und hätten sich mit den DDR-Bürgern unterhalten. „Man war mit jedem per Du“. Die Leute „wollten einfach nur mal raus und den Westen sehen“, so Mulot. Menschen, die eine ständige Übersiedlung in den Westen planten habe man hingegen nicht getroffen. Bewegend sei vor allem die Freude der Kinder gewesen, denen die Marburger ihren Reiseproviant wie Bananen oder Schokolade schenkten. „Sonst erlebt man Geschichte ja nur im Fernsehen oder in der Zeitung. Wenn man dann plötzlich mittendrin ist, dann geht das unter die Haut.“

Weil der Busfahrer schließlich die Autobahn verließ und über Landstraßen fuhr, schaffte es das Kollegium rechtzeitig am nächsten Morgen in der Schule zu sein. Zwar kamen sie mit einigen Stunden Verspätung an, doch gestört habe dies niemand, sagt Amling. „Die Stimmung war sehr euphorisch.“ Unter den vielen Lehrerausflügen, die die beiden Pensionäre während ihrer Zeit als Lehrer mitgemacht haben, „war das der Tag, der  uns immer in Erinnerung bleiben wird“.

von Peter Gassner

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