Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Gedenkstein beschäftigt das Gericht

Rechtsstreit Gedenkstein beschäftigt das Gericht

Im juristischen Streit ­zwischen der Stadt Marburg und der Kameradschaft Marburger Jäger deutet sich ein Ende des Rechtsstreits an.

Voriger Artikel
Tränen auf dem Dach Afrikas
Nächster Artikel
Politisches Gefängnis und Ort der Spiele

Der Gedenkstein Marburger Jäger in Bortshausen.

Quelle: Thorsten Richter

Bortshausen. Die Leiterin des Rechtsservices der Stadt Marburg, Dr. Nicole Pöttgen, bestätigte OP-Informationen, nach denen das Gießener Verwaltungsgericht in einem nicht ­öffentlichen Erörterungstermin die Haltungen der Stadt und der Kameradschaft Marburger Jäger in dem Streit um die Aufstellung eines etwa drei Meter hohen Kriegsdenkmals in einem privaten Vorgarten in Bortshausen erörtern will. Die Stadt fordert die Entfernung des seit 2011 in Bortshausen aufgestellten Steins, die Kameradschaft Marburger Jäger hat gegen den entsprechenden Bescheid Beschwerde vor dem Verwaltungsgericht Gießen eingelegt.

Der Sprecher des Verwaltungsgerichts, Vorsitzender Richter Reinhard Ruthsatz, wollte den Erörterungstermin weder bestätigen noch dementieren, bestätigte aber, dass es Fortschritte in dem Verfahren gebe.

Das Denkmal war 2011 von der Kameradschaft Marburger Jäger erworben und in einem Privatgrundstück in Bortshausen aufgestellt worden. Es sorgt seitdem immer wieder für heftige politische Diskussion. Die Aufstellung des Gedenksteins für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 sowie des Ersten Weltkriegs war zunächst vom hessischen Wirtschaftsministerium für unrechtmäßig erklärt worden, danach war dieser Beschluss aber revidiert worden. Die Stadtverordnetenversammlung hatte gefordert, dass der Stein zu entfernen sei. Der Magistrat hatte dem Verein eine Abrissverfügung zugestellt, die Marburger Jäger hatten widersprochen und gegen die Verfügung geklagt.

Vergleichsvorschlag völlig offen

Ob das Gericht in dem Erörterungstermin im Juni einen Vergleichsvorschlag macht oder beiden Verfahrensbeteiligten im Interesse eines kürzeren Verfahrens seine Rechtsauffassung klar macht, ist völlig offen. Die Stadt Marburg hatte ihre Abrissverfügung an die Jäger damit begründet, die Beseitigung des Denkmals in Bortshausen diene der Wahrung öffentlicher Belange. Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) begründete dies mit den Ergebnissen einer Studie, welche die Marburger Geschichtswerkstatt im Auftrag des Stadtparlaments erarbeitet hatte. Darin war unter anderem die Verstrickung der Marburger Jäger in Kriegsverbrechen nachgewiesen worden. Eine unkommentierte und unkritische Aufstellung des Kriegsdenkmals, das ursprünglich in der Knutzbach, im heutigen Waldtal, stand, werde „der zum Teil fatalen und mörderischen Rolle der Marburger Jäger in keiner Weise gerecht“.

Auch international hatte es Proteste gegen das Denkmal gegeben, so war die Menschenrechtlerin Olga Karumuao aus Namibia in Marburg zu Gast, um namens der Herero und anderer namibischer Völker den Rückbau des Denkmals zu fordern. Hintergrund ist die Beteiligung von 23 Marburger Jägern am Völkermord an den Herero und den Nama in der Kolonie Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia 1904 bis 1908.

Marburger Jäger waren, so die Ergebnisse der Studie, auch im August 1914 in der belgischen Stadt Dinant an der Ermordung von etwa 700 Zivilpersonen durch deutsche Soldaten beteiligt. Marburgs damaliger Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) wertete diese Tat im Zuge der Auseinandersetzung um das Bortshäuser Denkmal als Kriegsverbrechen. Die Stadt legte im Sommer 2014 zum 100. Jahrestag einen Kranz zum Gedenken an die Opfer nieder.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr