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Gedanken über Formen des Gedenkens

75.Jahrestag der Pogromnacht Gedanken über Formen des Gedenkens

75 Jahre nach den Pogromen, die auf brutale Weise den Übergang von der Diskriminierung der Juden zur systematischen Verfolgung einläuteten, versammeln sich Menschen an den damaligen Orten des Grauens, um an die Opfer zu gedenken.

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Gedenken bedeutet für viele junge Menschen heute, sich erstmals mit dem traurigen Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen. Acht Schülerinnen der Elisabethschule stellten sich in den vergangenen Wochen dieser Aufgabe, wie sie während der gestrigen Gedenkfeier vor rund 300 Besuchern berichteten. Ziel der Oberstufenschüler war es, unter der Leitung der Lehrerinnen Inga Theiß und Jutta Soltendieck-Plenge, die Zettelkästen in dem vor einem Jahr eröffneten „Garten des Gedenkens“ neu zu gestalten. Die Künstler Oliver Gather und Christian Ahlborn sprechen von subjektiven Denkzetteln. Die Schülerinnen sammelten und notierten zehn Gedanken von Gleichaltrigen, die nun ein Jahr lang – bis zur nächsten Gedenkfeier – ausgestellt werden. Ein Gedanke lautet: „Ich will nicht als Nazi abgestempelt werden, nur weil ich Deutsche bin“. Eine andere Schüleraussage: „Man kann nichts rückgängig machen, aber man kann es in Zukunft besser machen“. Und: „Ich habe nicht das Gefühl, dass das unser Leben noch beeinflusst. Ich habe jedenfalls noch nichts davon gemerkt.“

"Wir als junge Deutsche können nicht so tun, als ob es den Holocaust nicht gegeben hätte"

Die Schülerin Selina Hinkelmann erklärte in ihrer Rede: „Wir sind nicht schuld, aber die Opfer noch weniger.“ „Wir als junge Deutsche können nicht so tun, als ob es den Holocaust nicht gegeben hätte“, so die Schülerin. Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburgs, sagte: „Unser gemeinsames Gedenken soll dazu führen, dass sich eine solche Shoah, in deren Verlauf mehr als ein Drittel des jüdischen Volkes vernichtet wurde, zu keiner Zeit und an keinem Ort dieser Welt wiederholt.“ Er appellierte an die Marburger, Gäste zum Garten des Gedenkens zu führen, „erzählt ihnen, was an diesem Ort vor 75 Jahren passiert ist. Euer Verweilen hier, an diesem Ort, das ist die Erinnerung, die wir brauchen.“

Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) wies darauf hin, dass sich heute viele Juden in Deutschland bedroht fühlen. „Das ist beschämend.“ Es gelte insbesondere, die Jugend dafür zu begeistern, dass jüdisches Leben „für unsere Stadt eine Bereicherung ist“. Dr. Klaus Dorn, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, erklärte, dass vor 1938 nicht nur eine Synagoge abgebrannt wurde, „sondern auch der jüdischen Kultur die Lunte gelegt wurde“.  Gelehrte, Mediziner, Physiker,  Kulturschaffende seien ermordet worden. Der katholische Theologe richtete seinen Blick auch nach vorn: Er wünsche sich an der Uni einen Lehrstuhl für Altes Testament und Judaistik, der mit einem jüdischen Professor besetzt ist. Dass laut
bundesweiten Studien 13 Prozent meinen, die Juden seien an ihrem Schicksal mitschuldig, zeige, dass es noch Aufklärungsbedarf gibt. „Man muss einfach feststellen, dass es offensichtlich doch eine Menge Leute in unserem Land gibt, die noch immer nichts verstanden haben.“

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