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Gedanken an Schmerz überwinden

Forschung Marburg Gedanken an Schmerz überwinden

Für Patienten mit Rückenschmerzen beginnt häufig ein Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Vermeidung. In einer Studie von Marburger Psychologen erzielt eine Kurzzeittherapie gute Ergebnisse, in der Patienten die Schonhaltung aufgeben.

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Rückenschmerz ist eine der Hauptursachen für krankheitsbedingte Ausfälle bei Arbeitnehmern.

Quelle: Archivfoto, lichtkunst.73 / pixelio.de

Marburg. Julia Glombiewski steigt mit ihren Patienten aufs Fahrrad, verbringt mit ihnen sechs Stunden sitzend in einem Raum oder kommt auch schon mal zum Ausräumen der Spülmaschine vorbei. Die Psychologin und Leiterin des Teams, das an der Philipps-Universität die RAN-Studie „Rückenschmerz ANpacken“ durchführt, leidet aber keinesfalls unter einem Helfersyndrom. Die Unterstützung ihrer Patienten bei verloren geglaubten Aktivitäten gehört zum Design der Studientherapie.

In der jetzt beendeten RAN-Studie mit 104 Probanden, die unter chronischen Rückenschmerzen leiden, ging es nicht darum, die Patienten komplett vom Schmerz zu befreien. „Das ist in vielen Fällen selbst mit einer starken Medikation auch nicht möglich“, so Glombiewski. Den Erfolg ihrer Therapie haben die Forscher vielmehr in Lebensqualität und Zufriedenheit gemessen. „Dabei konnten wir einen deutlichen Erfolg unserer Intervention feststellen.

Vor allem die kurze, sechswöchige Aktivitätstherapie hat bei den Patienten sehr gut angeschlagen“, sagt die Forscherin. Aber nicht nur das: Auch wenn das nicht das Primärziel der Studie war: Die Patienten hatten weniger Schmerzen. Das schildert Julia Glombiewski im Interview mit der OP, bevor sie ihre Studienergebnisse in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlichen will. Die Wissenschaftlerin wartet noch auf aussagekräftige Langzeitergebnisse.

Chronischer Schmerz ist in den meisten Fällen ein „falsches Schonsignal“, sagt Glombiewski. Verletzt man sich etwa beim Fußballspielen am Knie, dann sind die Schmerzen ein Zeichen dafür, dass man das Knie jetzt nicht weiter belasten soll. Wichtig, um weiteren Schaden im Gelenk zu verhindern. Der Patient legt das Bein hoch, kühlt die Schwellung und lässt dem Körper Zeit, sich zu regenerieren. „Bei chronischem Schmerz verliert der Schmerz diese Signalfunktion. Auch wenn es weh tut, bedeutet das eben nicht, dass der Patient durch Bewegung mehr kaputt macht “, sagt Glombiewski.

Wer sich gut fühlt, merkt den Schmerz nicht

Problematisch ist auch das Schmerzgedächtnis. Die Erinnerung daran, wie sehr die Schmerzen gequält haben und vielleicht wieder quälen werden. „Viele Patienten, die zu mir als Psychotherapeutin kommen, vermeiden alle Aktivitäten, die ihnen früher Spaß gemacht haben. Sie mussten ihren Job aufgeben, ihre Hobbys und vieles, was ihnen ein positives Gefühl gibt“, sagt Glombiewski. Psychologen nennen den entstehenden Teufelskreis: Verstärkung.

Psychologie als bloße Mathematik: Menschen geht es dann gut, wenn sie viele Momente erleben, die ihr Selbstwertgefühl stärken. Kleine Erfolge auf der Arbeit, ein Hobby, der Urlaub. „Jeder kennt das Phänomen“, so die Forscherin, „wenn man sich gerade richtig gut fühlt und einen tollen Erfolg hatte, dann merkt man seine Wehwehchen nicht so stark.“ Schmerzhemmende Stoffe schüttet der Körper bei Glücksgefühlen aus.

Um Aktivität und Glücksgefühle zurück in das Leben der Patienten zu bringen, setzen die Studienpsychologen in ihrer Behandlung ähnlich an wie bei einer Konfrontationstherapie gegen Spinnen- oder Höhenangst. „Wir setzen zunächst unsere gesamte Therapiekunst ein, um die Denkmuster und Ängste der Patienten aufzubrechen“, so Glombiewski. Eine Therapieform, die die Hälfte der Probanden durchlief, konzentrierte sich ganz darauf, diese schädlichen Gedankenstrukturen zu hinterfragen. Zusätzlich erhielten die Patienten Tipps und Rezepte zur Vermeidung von Stress.

Aberglaube und Pseudowissen halten sich hartnäckig

Die andere Hälfte der Probanden wurde mit einer sechswöchigen Aktivitätstherapie behandelt. „Hier folgt einer Phase der Bewältigung und Aufarbeitung schädlicher Gedankenmuster die Konfrontation mit vermiedenen Aktivitäten“, so Glombiewski. Die Therapie ist ganz individuell: „Ein Patient wollte seine Tochter besuchen, traute sich den Flug über den Atlantik aber nicht zu, weil er so lange sitzen musste. „Dann haben wir das hier trainiert, und er ist geflogen“, erzählt die Therapeutin.

Bei anderen sei es aber einfach der Wunsch, den Haushalt wieder selbstständig führen zu können, und die Übung bestehe aus dem Ein- und Ausräumen der Spülmaschine oder dem Tragen von Kisten. Die Psychologen unternehmen diese Aktivitäten gemeinsam mit den Patienten und stellen häufig fest, so Julia Glombiewski, dass sich „Aberglauben und Pseudowissen“ über Rückenschmerzen bei vielen Patienten hartnäckig halten.

Unser Rücken sei sehr stabil. Mal abgesehen vom akuten Bandscheibenvorfall gäbe es „die falsche Haltung oder Bewegung“ nicht so dogmatisch. „Im Prinzip gilt eigentlich nur, keine Bewegung ist viel schlimmer als eine falsche Bewegung.“

von Tim Gabel

 
Zur Person

Dr. Julia Glombiewski (Privatfoto) ist die Leiterin des Teams, das an der Phillips-Universität die Studien „Rückenschmerzen ANpacken 1+2“ durchführt. Sie selbst übt als Wissenschaftlerin am Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie der Uni Marburg auch viele sitzende Tätigkeiten aus.

Von Rückenschmerzen ist sie bisher zum Glück trotzdem verschont geblieben. Seit elf Jahren erforscht sie chronische Schmerzen und bietet Behandlungsprogramme für Betroffene an. Bei einem Praktikum an der Rehaklinik am Hahnberg, im hessischen Bad Wildungen, wurde das Interesse der Marburger Studentin für Schmerztherapie und Verhaltensmedizin geweckt. Welche große Rolle psychologische Faktoren bei körperlichen Erkrankungen spielen, weiß sie als behandelnde Psychotherapeutin aus eigener beruflicher Erfahrung.

Die wissenschaftliche Arbeit gibt ihr die Möglichkeit, neue Strategien für den Umgang mit Schmerzen zu entwickeln. Ihre Arbeiten zum Thema chronische Schmerzen wurden in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Zusammen mit dem Anästhesisten Dr. Winfried Hofmann aus Wehrda, war das Team zudem 2011 und 2012 unter den Preisträgern der Integrierten Versorgung Rückenschmerz.

 

„Integrierte Versorgung kommt viel zu kurz“

Rückenschmerzen sind verantwortlich für die meisten krankheitsbedingten Fehltage in Deutschland. Teuer für die Volkswirtschaft und ein großes Leid für die Betroffenen. Es könnte anders sein.
In Deutschland leiden Angaben von Sozialverbänden zufolge rund zwei Millionen Menschen an Rückenschmerzen. Bei Männern sind Rückenschmerzen die Hauptursache für krankheitsbedingte Fehltage, bei Frauen liegt die Diagnose Rückenschmerz in dieser Kategorie auf Platz drei.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Spitzenverbände im deutschen Gesundheitswesen beschloss Ende 2014, für die Therapie von chronischen Rückenschmerzen „strukturierte Behandlungsprogramme“ zu entwickeln, die neben der Gabe von Medikamenten auch weitere Behandlungsformen und Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung vorsehen.

Die Marburger Psychologin und Psychotherapeuin, Dr. Julia Glombiewski, hält die Entscheidung der G-BA für lange überfällig. „Eine der Erklärungen für dieses Phänomen ist, dass ein wichtiger Baustein der modernen Rückenschmerzbehandlung, nämlich Psychotherapie, weniger als zehn Prozent der Patientinnen und Patienten erreicht“, sagt Glombiewski.

Oft erst mal Depressionen behandeln

Je früher die Patienten diese Therapie erhielten, desto höher sei die Chance, die Chronifizierung der Schmerzen aufzuhalten und zu einem erfüllten, aktiven Leben zurückkehren zu können. „Was wir erleben, ist aber genau das Gegenteil“, schildert Glombiewski, „die meisten Patienten kommen erst nach zehn oder 15 Jahren chronischen Schmerzen zu uns, und dann erwartet man, dass wir in kurzer Zeit Wunder bewirken“.

Oft seien dann aber erst mal depressive Verstimmungen oder gar eine ausgewachsene Depression zu behandeln, weiß die Therapeutin aus eigener Erfahrung. „Katastrophisierung“ und „Vermeidung“ sind die beiden Schlagworte, die bei Psychotherapeuten die Alarmglocken läuten lassen. Viele Menschen neigen bei häufiger auftretenden Schmerzen zum sogenannten „Katastrophisieren“, also unter der Angst, dass der akut empfundene Schmerz das Leben in Zukunft beherrschen wird.

Die Menschen haben Angst vor Jobverlust, Bettlägerigkeit oder finanziellen Problemen. Wenn die betreffende Person dann noch eine ausgeprägte Veranlagung zur Schmerzvermeidung aufweist, können Experten mit relativer Sicherheit eine Chronifizierung der Schmerzen prognostizieren.

Therapie noch stigmatisiert

„Das ist nachgewiesenermaßen aussagekräftiger, als wenn man vom Befund körperlicher Schäden auf eine Chronifizierung schließen will“, so Glombiewski. Bislang würde von Haus- oder Fachärzten zur psychologischen Mitbehandlung der Schmerzen erst dann geraten, wenn sie schon seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten bestehen und alle anderen Therapien versagt haben. „Es geht mir als Psychotherapeutin nicht darum, die körperlichen Ursachen des Rückenschmerzes zu verleugnen.

Ganz im Gegenteil glaube ich sogar, dass der rein psychisch verursachte Rückenschmerz sehr selten ist“, so Glombiewski. Aber die psychologische Schmerztherapie gehöre zu den wenigen von Experten überhaupt als wirksam eingestuften Verfahren zur Behandlung von Rückenschmerzen.

Neben der fehlenden Ab- und Fürsprache unter Medizinern sei ein weiteres Problem aber auch, dass die Anzahl der Therapieplätze rar ist, und dass die Psychotherapie noch immer stigmatisiert wird. Verstehen kann sie das nicht. Spitzensport sei heute ohne Psychologen unvorstellbar. „Wenn Fußballer oder Skispringer Psychotherapeuten nutzen, um das Beste aus sich herauszuholen, warum tun sich dann viele Menschen, die wirklich leiden, so schwer damit?“

von Tim Gabel

 
Probanden für Studie gesucht
Die Philipps-Universität Marburg sucht für eine Fortsetzung der RAN-Studie „Rückenschmerz ANpacken“ noch Probanden. Insgesamt gibt es 15 Plätze. Nach dem Erfolg der Therapie in der ersten Studie ist das Ziel der Forscher nun, die Stress- und Wirkfaktoren noch genauer zu identifizieren. Dazu werden die Patienten während der Therapiephase mit Technik ausgestattet, die es ihnen ermöglicht, mehrmals den Pegel des Stresshormons Cortisol zu messen und ihren Alltag zu dokumentieren. Teilnehmer der ersten Studie können die Wissenschaftler nicht mehr zulassen.
Die Psychologen um Dr. Julia Glombiewski haben aber zugesagt, alle Patienten, die sich melden, auch zu beraten. Patientinnen und Patienten, die für die Studie in Frage kommen, müssen seit mindestens sechs Monaten unter chronischen Schmerzen im mittleren oder unteren Rücken leiden, die den Alltag einschränken. Das Projekt ist für die Patienten kostenlos. Ansprechpartnerin ist: Dipl. Psych. Lea Schemer. Telefonnummer: 06421 / 2824 028 / E-Mail:
schmerzstudie@uni-marburg.de
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