Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Geben festigt die Gemeinschaft

Forschung Marburg: Gabetheorie Geben festigt die Gemeinschaft

Gaben und Gegengaben, Geschenke und Almosen: Damit hat sich die Marburger Theologie-Professorin Alexandra Grund-Wittenberg befasst.

Voriger Artikel
Über Erlebtes schreiben hilft, die Angst zu lindern
Nächster Artikel
Islamische Armensteuer und buddhistische Gaben

Ein Bettler hockt auf  einem Bürgersteig: Die Bedeutung von Gaben erforscht eine Marburger Theologin.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Mit fast 19 Millionen Euro wurde vor einigen Tagen ein neuer Spendenrekord bei der Fernsehgala „Ein Herz für Kinder“ erreicht. Gleichzeitig spenden die Deutschen in diesen Wochen vor Weihnachten für zahlreiche andere wohltätige Zwecke ebenfalls viele Millionen Euro. Geben ist in, auch trotz der anderslautenden Maxime „Geiz ist geil“.

Steht die Spendenbegeisterung  in Verbindung mit dem von Christen überall auf der Welt gefeierten Weihnachtsfest? „Weihnachten ist ein Fest, das gegenwärtig besonders mit dem Gedanken des Schenkens und Spendens verbunden ist“, meint Alexandra Grund-Wittenberg, Professorin für Evangelische Theologie an der Marburger Universität.

Größere bindende Kraft

Wenn Menschen für viel Geld Geschenke im privaten Kreis kaufen, neigen sie laut der Theologin eher dazu, beim Spenden von Geldbeträgen auch diejenigen zu bedenken, denen es so schlecht gehe, dass sie sich kaum etwas selber kaufen könnten. Zwar sei es noch zu Zeiten des Reformators Martin Luther das Christkind gewesen, das an Weihnachten die Geschenke überbracht habe – als Symbol  dafür, dass Gott die Menschen mit Geburt Jesu Christi beschenkt.

Stattdessen übernehme heutzutage  der Weihnachtsmann in seinem von der amerikanischen Coca-Cola-Werbung inspirierten roten Mantel diese Funktion. Dennoch gebe es auch heute noch viele aktive Wohltätigkeits-Organisationen der Kirche wie „Brot für die Welt“.

Wenn man sich einer religiösen Orientierung gemeinschaftlich vergewissere, dann habe das eine größere bindende Kraft. „Aber viele der humanitären Grundimpulse des Christentums leben heute säkularisiert weiter“, erklärt Alexandra Grund-Wittenberg im Gespräch mit der OP.

Forschungen zum Alten Testament

Bereits in ihrer Antrittsvorlesung im Jahr 2010 hat sich die  Marburger Professorin auf die Spur der Bedeutung und Funktion von Gaben – Geschenken, Almosen und Opfern – begeben. Dabei geht sie zwar von ihrem Spezialgebiet aus –  den Forschungen zum Alten Testament.

Gaben an die Götter, Huldigungsgeschenke an Könige, „Bestechungs“- und Besänftigungsgeschenke oder gegenseitige Geschenke von Angehörigen der Braut und des Bräutigams bei Hochzeit: Vielfältig waren Art und Motivation von im Alten Testament beschriebenen Gaben, erläutert die Theologin.

Als übergreifend  sieht sie jedoch die Funktion, „freundschaftliche Gefühle zwischen den beteiligten Parteien zu wecken“ oder jenseits des reinen Warenaustauschs  Fremdheit und Feindschaft zu überwinden.  Ausdrücklich betont Grund-Wittenberg, dass sie über den „Tellerrand des Alten Testaments“ hinausschauen wolle.

So regte sie an der Uni Marburg  eine interdisziplinäre Ringvorlesung an, deren Ergebnisse in einem Sammelband erschienen sind.

Die neueren Diskussionen zur „Gabetheorie“ fußen auf einem Buch des Ethnologen  Marcel Mauss aus dem Jahr 1925 (siehe „HINTERGRUND“). Darin stellt er fest. dass der Austausch von Gaben in vielen Kulturen zwar theoretisch freiwillig geschieht. In Wirklichkeit müssten Gaben jedoch gegeben und erwidert werden.

Für die Marburger Theologin ist der Austausch von Gaben ein „übergreifendes Phänomen“ von menschlichen Gesellschaften. Wie bereits in früheren Zeiten stehe dabei  auch heutzutage nicht der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund, vielmehr symbolisierten sie Anerkennung und Zuwendung.

Nur das  Ideal der reinen und absichtslosen und nicht auf Gegenleistung abzielenden Gabe für das christliche Ethos zu reklamieren, hält Grund-Wittenberg für zu kurz gegriffen.  Vielmehr sei der „Gabentausch“ für die sozialen Beziehungen unverzichtbar. Man dürfe die Bedeutung des Gebens für das Leben in Gemeinschaft nicht unterschätzen. Problematisch könne es jedoch werden, wenn eine Gabe nur als „Almosen“ empfunden werde, weil der Empfänger – beispielsweise ein Bettler oder Bedürftiger – wegen seiner geringen materiellen Möglichkeiten gar nicht in der Lage sei, diese zu erwidern. So zeige das s dann auch den sozial niedrigeren Status des „Gabenem­pfängers“.

Deswegen müsse zumindest die Möglichkeit offengehalten werden, dass sich ein Empfänger von Gaben im Gegenzug in irgendeiner Form erkenntlich zeigen könne.

Über dieses Dilemma helfe aber zumindest bei großen Spendenorganisationen die Anonymität von Geber und Empfänger hinweg.

von Manfred Hitzeroth

  • Hintergrund: 1925 legte der französische Ethnologe und Soziologe Marcel Mauss seinen „Essai sur le don“ vor (Titel der deutschen Übersetzung: „Die Gabe. Die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“), der nach wie vor als Grundlagenwerk der Gabenforschung gilt. Dabei ging es vor allem um den Gabentausch in traditionellen und antiken Gesellschaften. Die in dem Tausch von Gaben enthaltene Logik sei der des Kaufs oder des einfachen Tausches von Waren entgegengesetzt, meint Professorin Alexandra Grund-Wittenberg. In seinen gabetheoretischen Schriften sei es Mauss nicht nur um diese „bindende Kraft“ des Gabentauschs in traditionellen Gesellschaften gegangen. Vielmehr habe er auch Grundlagen einer allgemeinen Sozialtheorie formuliert. Ihm sei  eine zeitgenössische Erneuerung des Sozialvertrags wichtig gewesen. Und so übe der von Mauss beschriebene „nichtwirtschaftliche Charakter“ der Gabe im Gegensatz zur von der Geldökomonie geprägten Mentalität unserer Gegenwart auch heute noch eine Faszination auf Sozialwissenschaftler und Philosophen aus.
  • Zur Person: Professorin Alexandra Grund-Wittenberg (44) wurde in Duisburg geboren. Sie studierte von 1990 bis 1998 Evangelische Theologie mit dem zeitweiligen Nebenfach Jüdische Studien in Wuppertal, Bochum, Naumburg an der Saale und an den Universitäten Heidelberg und Tübingen.  An der Uni Tübingen war sie von 1998 bis 2002 angestellt und von 2002 bis 2010 an der Universität Siegen. 2003 promovierte sie in Tübingen mit einer Arbeit über Tora-Ppsalmen. In Tübingen habilitierte sie auch 2008 im Fach Altes Testament mit einer Studie zum Thema Sabbat und zum Zeitkonzept des alten Israel. Seit 2010 ist Alexandra Grund-Wittenberg Professorin für Altes Testament am Fachbereich Evangelische Theologie der Marburger Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte im Fach Altes Testament sind Psalmen und Feste.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Forschung Marburg: Gabetheorie
Geben ist seliger denn nehmen: Nicht nur der Teddy freut sich über eine milde Gabe. Foto: Richter

„Opfer, Geschenke, Almosen. Die Gabe in Religion und Gesellschaft“: Das ist der Titel eines von Professorin Alexandra Grund-Wittenberg herausgegebenen Sammelbandes.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr