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Ganz ohne Esoterik geht es nicht

Yoga-Kurs Ganz ohne Esoterik geht es nicht

Yoga polarisiert. Die einen kommen ohne nicht mehr klar. Den anderen ist der Sport suspekt, der aus der Esoterik-Ecke in die Wellnessgesellschaft geschwappt ist. Ein Selbstversuch im Marburger Studio „Yoga Balance“.

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Werner Hölling hat im Garten neben seinem Yogastudio am Schwanhof ein Yoga-Podest aufgebaut. Bei gutem Wetter können die Kurse also auch draußen stattfinden.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Verklärt lächelnde Yogalehrer, Räucherstäbchen und Verrenkungen mit seltsamen Namen wie “Herabschauender Hund” schrecken die Yoga-Skeptiker ab. Entsprechend fielen die Reaktionen aus, als ich ankündigte, es einmal auszuprobieren. Die einen fanden es super und erzählten, dass sie jeden Morgen vor Kaffee und Emails den Sonnengruß machen. Die anderen lachten sich kaputt und fragten, ob es auch ein Video geben würde.

Auf einem Bein stehen die Arme in die Höhe - und nicht wackeln. Solange ich Ulrikes Ohr anstarre, geht das ganz gut. Es ist nicht so, dass ich besonders ohrfixiert bin, aber sobald ich die Augen schließe, gerät mein Körper aus irgendeinem Grunde in Schwingung. Ich muss mich zumindest mit den Augen festhalten. Und Ulrike steht halt vor mir

Erkenntnis: Jeder ist auf sich konzentriert

Ich könnte direkt aus dem Baum (so heißt die Übung, bei der man mit einem Bein im Boden verwurzelt dasteht) auf die Nase fallen und trotzdem würde keiner lachen. Wahrscheinlich würde es kaum einer wahrnehmen.

Ich bin scheinbar der Einzige, der andere anstarrt und guckt, wie sie die Übungen machen. Eine beruhigende Erkenntnis. Dann fühlt es sich nämlich auch nicht mehr ganz so komisch an, den Po in den gut besuchten Raum zu strecken. Insgesamt ist die Konzentration auf die eigene Matte, auf den eigenen Körper und die eigene Atmung eine gute Sache. Ein echter Unterschied zu den meisten Sportarten, in denen Konkurrenz den Reiz ausmacht.

Yogalehrer Werner Hölling führt mit ruhiger tiefer Stimme von einer Übung zur nächsten, bis alle Körperareale einmal belastet und gedehnt wurden. Manche Übungen rufen in mir Erinnerungen ans Kinderturnen vor mehr als 20 Jahren hervor. Aber irgendwie verbinde ich die Erinnerungen mit größerer Anstrengung. Das Programm, das der Gründer des Yogastudios am Schwanhof vorgibt, ist nicht wirklich anstrengend. Ich schwitze kaum, komme nicht außer Atem und es gibt auch immer eine Option für weniger Bewegliche.

Keine Heilversprechen

Yoga ist nicht gleich Yoga. Es gibt zig verschiedene Schulen, Formen und Anwendungsbereiche. „Wir machen stilübergreifendes und dogmenfreies Yoga, das der Tradition verpflichtet ist - aber wir lehnen Gurukulte ab”, sagt Hölling. Der Satz ist sorgfältig komponiert und klingt als ob er ihn schon einmal geschrieben hätte. Yoga sei längst aus der „Eso-Schmuddelecke” raus, in der es vor knapp dreißig Jahren praktiziert wurde, als er es kennengelernt habe.

Das bedeutet nicht, dass es im Studio des Marburgers keine meditativen Elemente mehr gibt oder dass nicht mehr barfuß geturnt wird. Aber Hölling macht keine Heilsversprechen, die nicht wissenschaftlich begründet sind. In einer Yogaschule würde zum Beispiel gesagt, dass der Kopfstand vor Schilddrüsenkrebs schütze. Der Kopfstand sei vor allem für Ungeübte aber auch eher ungesund.

Hölling bietet für die Krankenkasse AOK „Yoga zur Prüfungsvorbereitung” an. Während es in diesem Kurs darum geht, im Prüfungsstress einen kühlen Kopf zu bewahren, macht der Yogalehrer mit Triathleten ein sehr viel sportlicheres Programm.

Werner Hölling kann gut damit umgehen, dass sein Sport nicht Jedermanns Sache ist. Er will nicht bekehren, aber er ist mit Leib und Seele dabei, wenn er in seinem Studio lehrt: „Das ist eine wunderschöne Dienstleistung. Wo bekommen Menschen schon so viele schöne Sachen gesagt, wie in der Yogastunde?”, fragt Hölling.

Muskelkater trotz Einsteigerprogramm

„Wertschätze und genieße diesen kurzen Moment des Innehaltens”, sagt Hölling kurz bevor er die Klangschale in Schwingung versetzt und die dösenden Kursteilnehmer zurück nach Marburg holt. Meine erste Yogastunde ist verflogen.

Geh ich laufen, oder lass ichs lieber sein? Geh ich ins Training oder wird mir das zu viel? Wer kennt solche Fragen nicht? Dahinter steht in der Regel Faulheit oder Angst - vor Schmerz oder überlegener Konkurrenz. Als Yoga-Novize wage ich zu behaupten, dass das beim Yoga anders ist. Ich finde es jedenfalls einfacher, mich auf eine Yogamatte zu legen und tief durchzuatmen, als die ersten Schritte auf der Laufstrecke zu machen.

P.S.: Für alle, die jetzt denken „das ist mir zu lahm”. Ich hätte es zwar weder dem Baum, noch dem herabschauenden Hund zugetraut, aber ich hatte einen ernstzunehmenden Muskelkater. Und das war ein Einsteigerprogramm.

Hintergrund
Die Kurse in Höllings Yoga-Studio „Yoga Balance“ finden die ganze Woche über statt. Genaue Termine und Preise stehen unter www.yoga-balance.de. Wer bei der AOK krankenversichert ist, bekommt dort bestimmte Kurse zur Gesundheitserhaltung finanziert. Nach Absprache erkennen auch andere Krankenkassen Yogakurse unter Umständen an.

von Thomas Strothjohann

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