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G8-Debatte: Im Turbo aufs Abstellgleis

Schulreform G8-Debatte: Im Turbo aufs Abstellgleis

Pulverfass Schule. Die deutliche Mehrheit der Eltern läuft Sturm gegen das Turbo-Abi, empfinden G8 als Strafe. Viele Schüler, so berichtet der Schulelternbeirat der Stadt, sind am Ende ihrer Kräfte.

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In acht Jahren zum Abitur: G8 hat auf dem Papier – oder wie hier auf der Tafel – durchaus gute Ansätze, sagt der Marburger Stadtelternbeirat. In der Realität jedoch kämpfen die Schüler mit Stress und viel zu hoher Belastung.

Quelle: Armin Weigel

Marburg. Die Marburger Gymnasien kehren zum neuen Schuljahr zum alten System zurück. Abitur nach neun Jahren. Für die aktuellen Jahrgänge kommt die Entscheidung zu spät. Die Hoffnung, die Kerstin Cramer und Bernd Mönnich vom Schulelternbeirat der Stadt haben: auch die jetzigen Fünft- und Sechstklässler sollen die Möglichkeit bekommen, zum Abitur in neun Jahren zurückzukehren.

Umfragen an den drei Marburger Gymnasien haben überwältigende Ergebnisse gebracht. Allein an der Elisabethschule stimmten 94 Prozent der Fünfer und Sechser pro G9. „Die betroffenen Eltern sind sehr frustriert. Sie können nicht verstehen, warum ihre Kinder in diesem quälenden System bleiben müssen“, sagt Bernd Mönnich.

Von Beginn an sei das System G8 falsch angegangen worden. Die geforderten Bildungsstandards existieren nur auf dem Papier, würden nicht mit Leben gefüllt. Die Verdichtung des Lernstoffs äußert sich, indem der Stundenplan bis in den Nachmittag einfach verlängert worden sei. Mehr Stoff in mehr Zeit. Kein Förderunterricht für Lernschwächere, keine Einbeziehung von Hausaufgabenhilfe, keine Zeit mehr für Freizeitaktivitäten. „G8 ist nichts anderes als eine Zeitverkürzung, um Geld einzusparen.“ Vorbei an den Wünschen der Eltern. Vorbei an den Bedürfnissen der Kinder. Vorbei an den Meinungen der Experten.

Der Gesetzgeber überlässt es mittlerweile zumindest den Schulen selbst, ob sie sich für oder gegen das Turbo-Abi entscheiden. Gleiches gilt für die jetzigen Fünft- und Sechstklässler. Die Schulleitung hat zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder sie versucht, im Modellprojekt G8 und G9 parallel anzubieten oder es bleibt bei den jetzigen G8-Standards.

„Schulträger und Schulamt befürworten den Modellversuch. Das Kollegium hat sich offen dagegen entschieden.“ Heißt im Endeffekt: Die Fünfer und Sechser müssen in acht Jahren zum Abitur. Ob sie wollen oder nicht. Manche Eltern würden daher sogar überlegen, ihr Kind die fünfte Klasse wiederholen zu lassen, um wieder in die alte Form zu kommen. Sitzenbleiben für G9. Kann das die Alternative sein? „Die Eltern sind in der Zwickmühle. Sie merken, wie ihre Kinder unter dem Druck leiden und können nichts machen“, sagt Kerstin Cramer.

Stadtelternbeirat fürchtet Abitur zweiter Klasse

Die Klasse zu wiederholen würde nach Meinung des Schulelternbeirats nur weitere Schwierigkeiten mit sich bringen. Kinder würden aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. So wäre es auch, wenn der Modellversuch - also G8 und G9 an einer Schule - umgesetzt würde. Gruppenbildung wäre die Folge. Die Guten bilden die elitäre Spitze, die Lernschwächeren bekämen nicht die Förderung, die notwendig wäre. G9 als Stigma, als ein Abitur zweiter Klasse.

Dabei, so sagt Kerstin Cramer, würden die Kinder vor allem in die Schule gehen, um ihre Freunde zu treffen. Jetzt aber sei der Druck enorm. Als sechsfache Mutter kennt sie die Probleme von Schülern und Schule aus intensiver eigener Erfahrung. Zur sozialen Bildung gehöre es dazu, auf diejenigen einzugehen, die nicht so schnell lernen. Im Umkehrschluss, so sagt es Bernd Mönnich, dienen die Klassenbesten als Motivationshilfe. „Natürlich gibt es faule Schüler. Meistens liegen die Ursachen aber woanders. Darauf muss von den Lehrern eingegangen werden. Zum erfolgreichen Unterricht gehört eine Durchmischung.“ Fördern statt nur fordern. Wobei: Überdurchschnittlich starke Schüler, das betont auch Marburgs Stadträtin Kerstin Weinbach, haben auch bei G9 besondere Möglichkeiten. So könnten Klassen übersprungen werden. Diese Chance habe es schon immer gegeben.

Wie aber soll es nun weitergehen mit den Fünfern und Sechsern? Der Schulelternbeirat will Druck auf die Landespolitik ausüben. Mittlerweile sind 27000 Unterschriften zusammen. Eine Reaktion vom Landtag steht noch aus. Der Elternbeirat setzt auf die anstehenden Wahlen. So bleibt das Thema zumindest in der Öffentlichkeit, bekommt Plattformen für die emotionale Debatte und die Sorgen der Eltern und Schüler.

Wobei: „Schulpolitik ist ein Tummelplatz von Profilierern. Wenn sich Politiker raushalten könnten, dann würde es der Schullandschaft deutlich besser gehen“, sagt Bernd Mönnich. Gerade in Zeiten, in denen Bildung und schulische Leistung für das spätere Leben immer wichtiger werde, sollten Fachleute den Weg vorgeben. Sich als Landesregierung auf einer Quote auszuruhen, die besagt, nie zuvor habe es mehr Lehrer in Hessen gegeben, reiche nicht. „Warum fällt dann so viel Unterricht aus?“, sagt Kerstin Cramer fragend. „Wo die schwächsten Schüler sind, da müssen die besten Lehrer hin.“

Der Schulelternbeirat tagt das nächste Mal am Dienstag, 19. März. Zu der öffentlichen Sitzung in der Cafeteria der Theodor-Heuss-Schule (Willy-Mock-Straße 12) sind alle Interessierten herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Das Ganze beginnt um 19.20 Uhr mit einem Durchgang durch die THS, ab 20 Uhr wird die Sitzung eröffnet.

Ein Standpunkt von OP-Redakteur Carsten Bergmann (kostenpflichtig).

Im Blickpunkt

Bernd Mönnich und Kerstin Cramer sind im Vorstand des Stadtelternbeirats Marburg. Der 52-jährige Marburger ist zweifacher Familienvater und gehört dem Vorstand des Schulelternbeirats der Elisabethschule an. Die 47-jährige Kerstin Cramer ist sechsfache Mutter, sitzt für die Grundschulen im Stadtelternbeirat und ist Vorsitzende des Schulelternbeirats der Astrid-Lindgren-Grundschule auf dem Richtsberg. 

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