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Fußball-Fan wird zu Möchtegern-Cowboy

Abenteuer-Sport Fußball-Fan wird zu Möchtegern-Cowboy

Über das Reiten kann man viele Vorurteile haben – und die hatte auch ich. Aber manchmal muss man über seinen Schatten springen und es einfach mal ausprobieren.

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Wenn mein Opa über unsere Familie erzählt, spricht er gerne über die zwei Linien der Familie Arlt. Die eine hat sich begeistert dem Reitsport verschrieben, nicht zuletzt dank einer zeitweise sehr erfolgreichen Trakehnerzucht im Siegerland. Die andere Linie fiebert seit Jahrzehnten mit Borussia Dortmund, erst im Stadion Rote Erde, später auf der Südtribüne – aber ebenso begeistert. Ich gehöre zur letzteren Linie. Mit Pferden hatte ich nie wirklich etwas am Hut. Und Pferde„sport“? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

 

Zugegeben, mit diesen durchaus vorhandenen Vorurteilen ist es mitunter witzig, eine Pferdenärrin zu heiraten. Das fängt harmlos an bei „versuch es doch wenigstens mal“. Lustig werden dann Sprüche wie: „Am Anfang ist es ganz einfach. Der Reitlehrer führt das Pferd dann an den Zügeln und steht direkt neben dem Kopf des Pferdes. Also vorne.“ Ähm, ja. Danke für die Nachhilfe in Anatomie. Wirklich ermutigend sind die kleinen Anekdoten aus dem Leben einer Reiterin meistens auch nicht. Als Beispiel: „Es ist doch normal, dass ein Pferd im Sommer die Abkühlung in einem Teich sucht. War halt blöd, dass ich oben auf ihm saß und nicht mehr rechtzeitig abspringen konnte.“ Da bekommt man doch so richtig Lust, oder?

"Eingach machen und ausprobieren"

Spätestens mit dem Gutschein über Reitstunden fehlten aber auch mir die Argumente. Selbst das Länderspiel der DFB-Elf als Argument zog nicht mehr. Zugegeben: Es waren ja auch nur die Färöer-Inseln. Also Reitsattel statt Couch. Helm, Military-Weste und Reithose. Schutztechnisch nachvollziehbar, schließlich ist mir mittlerweile die eigentliche Bedeutung des verniedlichenden Begriffs „Pferdekuss“ zumindestens in der Theorie bekannt. Aber die Hose? Gut, sie war geliehen und zu klein. Ein bisschen wie „Helden in Strumpfhosen“ wirkte es bestimmt und Wohlfühlen ist etwas anderes.
Aber Helmut Lölkes, Geschäftsführer des gleichnamigen Reitstalls in Oberasphe, nimmt auf solche Oberflächlichkeiten keine Rücksicht. „Reiten lernen kann jeder“, sagt er, „aber nicht jeder wird ein guter Reiter.“
Lölkes hat in seinem Stall Schulpferde für jeden Anspruch. „Egal ob Kind oder Erwachsener, ­Anfänger oder Profi, für kleine und große Schisser“, sagt er. Worunter ich mich einordne, überlege ich nicht. „Einfach machen und ausprobieren“, so die Devise des Abends. Das funktioniert, auch wenn das Pferd für meine erste Reitstunde Ivan heißt und mir kurz der Beiname „der Schreckliche“ in den Sinn kommt – das Gegenteil sollte sich zeigen.

"Da habe ich schon Schlimmeres gesehen"

Das Belgische Warmblut ist die Ruhe selbst, als ich etwas unbeholfen in den Sattel steige und die ersten Kennenlernrunden im Schritt an der Longe um Lölkes drehe. Funktioniert ganz gut, denke ich mir. Ivan geht ruhigen Schrittes seines Weges. „Wichtig ist am Anfang, dass man den Rhythmus findet“, sagt Lölkes. Das kommt auch an, obwohl in den ersten Runden eher meine Verkrampfung für sich spricht. Aber auch das legt sich mit der Zeit. Nicht zuletzt, weil der erfahrene Reitlehrer, der sich nicht nur in der ­Region mit den Jahren ­einen  exzellenten Ruf erarbeitet hat. Und die ruhige Art des Reitlehrers wirkt, sogar bei mir. Vielleicht aber auch mehr bei Ivan.

Zumindest habe ich nach ein paar Runden das Gefühl, dass ich den Rhythmus gefunden habe. Es funktioniert, dass ich die Hände vom Sattel nehmen soll und auch, dass ich mich mit ausgestreckten Armen nach links und rechts drehe. Das Gleichgewichtsgefühl stimmt.
Das ändert sich erst, als Ivan mehr Tempo aufnimmt und auf Anweisung von Lölkes – und auch der begleitenden Video-Redakteurin, natürlich eine Reiterin – das erste Mal in den leichten Trab geht. Wer schon einmal mit dem Fahrrad eine Downhill-Strecke heruntergefahren oder mit dem Mofa über einen Feldweg gepest ist, der weiß, wovon ich spreche. Es rüttelt und schüttelt und um gewisse Körperregionen habe ich plötzlich Angst. Lölkes und damit auch Ivan nimmt schnell wieder das Tempo heraus. Und sagt mir, was ich falsch gemacht habe. Eigentlich alles. Aber der Kaltstart hatte auch etwas Gutes.

Vorurteil beseitigt: es ist anstrengend!

Nach den ersten Anweisungen, wie man es eigentlich machen soll und ein paar weiteren Runden, sieht das ganze nicht mehr ganz so holperig aus – hoffe ich zumindest. Aber Lölkes ist zufrieden. „Für die erste Reitstunde macht er es nicht schlecht, da habe ich schon Schlimmeres gesehen“, sagt er. Anstrengende, und damit wäre eines von vielen Vorurteilen revidiert, die ich vorher hatte, war es auf jeden Fall. Und die letzte Reitstunde wird es auch nicht gewesen sein, denn jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt. Anstrengend ist es übrigens auch auf der Südtribüne. Über das aktive Fans-sein herrschen schließlich auch genug Vorurteile. Diese Anstrengung wird vielleicht bald ein neuer Teil der Serie „Abenteuer Sport“. Dann geschrieben von meiner Frau...

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