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Fürs Seepferdchen ist niemand zu alt

Schwimmen lernen Fürs Seepferdchen ist niemand zu alt

Für Schwimmflügel sind sie zu alt. Für das Eingeständnis „Ich kann nicht schwimmen“ oftmals zu stolz. Bei einem Schwimmkurs für Erwachsene lernen die Teilnehmer nicht nur, den Kopf über Wasser zu halten, sondern auch Ängste zu überwinden.

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Quelle: Alexander Pavlenko

Marburg. Es ist ein kleiner Aufnäher, der die Brust stolz anschwellen, der den Gang aufrecht, die Schritte größer werden lässt. Ein Aufnäher, der die Grenze zwischen Nichtschwimmer- und Schwimmerbecken mir nichts dir nichts zunichte macht. Der bescheinigt: „Seht her, hier kommt ein Schwimmer.“ Ein Anfänger zwar, aber einer, der sich über Wasser halten kann. Irgendwie.

Normalerweise sind es Kinder, denen Thomas Wallat das Schwimmabzeichen „Seepferdchen“ verleiht. Fünfjährige, die noch nicht mal ihren Namen schreiben, dafür aber schon 25 Meter schwimmen und nach einem Ring tauchen können. Aber immer häufiger sind es auch Erwachsene, denen der DLRG-Ausbilder den kleinen Aufnäher überreicht. Und die sind nicht weniger stolz. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule bietet die DLRG Marburg Schwimmkurse für Erwachsene an.

Und immer sind sie ausgebucht. Mit Menschen aus aller Herren Länder. Menschen, die zu alt sind für Schwimmflügel und Rettungsreifen. Menschen, die über Jahre vermieden haben, ins Wasser zu steigen. 15 Abende hat Thomas Wallat, um aus den Nichtschwimmern Schwimmer zu machen. Das Klassenziel ist aber deutlich höher gesteckt: „Ich möchte nicht nur, dass sie 25 Meter sicher schwimmen können, sondern dass sie dabei auch mal ein Lächeln auf die Lippen bekommen.“ Ambitioniert. Denn manch ein Erwachsener, der sich zum Schwimmkurs angemeldet hat, schwimmt im Wasser gegen seine Urängste an. „Manche machen den Kopf ein bisschen unter Wasser und bekommen Panik“, so der 49-Jährige. Bei anderen geht es erst einmal darum, die Bewegungsblockade zu lösen.

„Erwachsene denken zu viel nach. Man muss immer gegen den Kopf arbeiten.“ Die Angst – sie schwimmt bei manch einem eben immer eine Nasenlänge voraus. 

Geübt wird im flachen Gewässer. „Um Sicherheit zu vermitteln“, erklärt Thomas Wallat. Er selbst zieht sich für die Schwimmstunden die Badehose an, steigt mit ins Becken, gibt Anweisungen, korrigiert. Manchmal auch auf Englisch. Denn häufig kommen seine erwachsenen Schwimmschüler nicht aus Deutschland. Es sind Studierende und Zugezogene aus aller Welt. Menschen, die in ihrem Heimatland nie schwimmen lernten. Oftmals haben sie noch nie ein Schwimmbad von innen gesehen. Sind in ihrer Heimat nur einer unter vielen, die nicht schwimmen können. „Solche Kursteilnehmer nutzen die Infrastruktur in Deutschland“, erklärt Wallat. Bei dem „Wort“ Infrastruktur stockt der DLRG-Ausbilder kurz. In Marburg sei sie noch ganz gut.

Normalerweise komme auf 80 000 Einwohner in einer Stadt lediglich ein Schwimmbad. In Marburg seien es sogar zwei. Dass die Eintrittspreise im vergangenen Jahr angezogen haben, sieht Wallat nicht als Universalausrede dafür, dass mehr und mehr Menschen auch im Erwachsenenalter nicht schwimmen können. „Die, die Spaß am Schwimmen haben, die werden auch 20 Cent mehr zahlen.“ Schlimmer findet er die Tatsache, dass Schwimmunterricht in Schulen mittlerweile eher die Ausnahme, nicht die Regel ist. Kommt ein Kind zudem aus einer Familie, in der auch die Erwachsenen keinen Spaß am Spiel im Wasser haben, wird er zwangsläufig Nichtschwimmer bleiben. „Wir begen uns wieder auf die Zeit der Nachkriegsjahre zu. Damals konnten nur 50 bis 60 Prozent der Menschen schwimmen.“ Heute sind es etwa 80 Prozent.

Bei Erwachsenen spiele häufig nicht nur die Angst vor dem Wasser, sondern auch eine gewisse Portion Scham eine Rolle. „Viele fahren seit Jahren eine Vermeidungstaktik. Für sie ist es ein Problem, sich mit einer Sache outen zu müssen, die für andere selbstverständlich ist.“ Die Erwachsenen die bei Thomas Wallat einen Schwimmkurs belegen, haben den ersten Schritt schon gewagt. Sie stehen hüfttief im Wasser. Sobald Wallat zu ihnen ins Nass steigt, wird er zum Psychologen, Mutmacher und Krisenmanager. Irgendwo dazwischen auch zum Schwimmlehrer mit einem festen Leitsatz: „Bloß keine Hemmungen.“

Bei Erwachsenen spiele häufig nicht nur die Angst vor dem Wasser, sondern auch eine gewisse Portion Scham eine Rolle. „Viele fahren seit Jahren eine Vermeidungstaktik. Für sie ist es ein Problem, sich mit einer Sache outen zu müssen, die für andere selbstverständlich ist.“
Die Erwachsenen die bei Thomas Wallat einen Schwimmkurs belegen, haben den ersten Schritt schon gewagt. Sie stehen hüfttief im Wasser. Sobald Wallat zu ihnen ins Nass steigt, wird er zum Psychologen, Mutmacher und Krisenmanager. Irgendwo dazwischen auch zum Schwimmlehrer mit einem festen Leitsatz: „Bloß keine Hemmungen.“

Hintergrund:

  •  Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa stufen sich 20 Prozent der befragten Bundesbürger selbst als Nichtschwimmer oder schlechter Schwimmer ein. Bei den Kindern bis 14  Jahren sind es 66 Prozent.
  • Auf die Frage, wann sie schwimmen gelernt haben antworteten 30 Prozent vor dem sechsten Lebensjahr, 55 Prozent zwischen sechs und elf Jahren, 10 Prozent waren zwischen zwölf und 17 Jahren alt und nur 4 Prozent waren 18 Jahre oder älter.
  • Der nächste Schwimmkurs für Erwachsene beginnt am Donnerstag, 21. Februar, 20.15 Uhr im Hallenbad Wehrda. Anmeldung über die Volkshochschule.

von Marie Lisa Schulz

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