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Für mehr Sicherheit ist oft kein Platz

Radverkehr in der Nordstadt Für mehr Sicherheit ist oft kein Platz

Radfahrer können dank der geänderten Verkehrsführung in der Nordstadt Zeit und Kraft sparen. Dennoch empfinden viele Marburg als hartes Pflaster, erst recht, wenn der Nachwuchs mitfährt.

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Radfahrer Stefan Diefenbach-Trommer schlängelt sich in der Bahnhofstraße vorbei an stehenden Autos.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Bislang wurde die hitzige Debatte um den Verkehrsversuch in der Nordstadt hauptsächlich aus Sicht der Autofahrer geführt. Mit Stefan Diefenbach-Trommer und Monika Frisch traten zwei Fahrradfahrer in Kontakt zur OP, um sich zu Wort zu melden.

„Ich nutze die Abbiegemöglichkeit in die Robert-Koch-Straße gerne, weil die Strecke kürzer ist, als der Bogen entlang der Elisabethkirche“, sagt Diefenbach-Trommer. Außerdem spare man sich auf diesem Weg viele Ampeln. Für Radfahrer bietet die neue Verkehrsführung also gleich zwei Vorteile – denn alles was die Radfahrt bremst, bedeutet einen erhöhten Kraftaufwand für das erneute Beschleunigen.

Zum Abbiegen von der Bahnhofstraße aus wäre eine eigene Spur hilfreich, sagt der 45-Jährige. Sogleich räumt er ein, dass dafür wohl der Platz fehlt. „Im ruhenden Verkehr muss man sich irgendwie an den Autos vorbeischlängeln.“ Ein sogenannter erweiterter Aufstellstreifen für Radfahrer an der Ampel würde auch schon helfen und zumindest in der Breite keinen Raum wegnehmen, meint er. Einen solchen gibt es an der Kreuzung bereits für die Radfahrer, die aus der Robert-Koch-Straße kommen.

In der Platzfrage sieht Diefenbach-Trommer einen der Gründe dafür, warum Verkehrspolitik in Marburg oft für Diskussionen sorgt. „Da hatten die Autofahrer lange Vorrang und fühlen sich jetzt oft so, als würde ihnen etwas weggenommen.“ Oft wird der Vorwurf laut, man wolle die Autofahrer aus der Stadt vergraulen. „Das funktioniert überhaupt nicht. Dabei gibt es gute Gründe, andere Verkehrsmittel stärker zu fördern.“ Abgesehen von der Umweltbelastung nehmen Autos bezogen auf die Anzahl der transportierten Personen wesentlich mehr Fläche in Anspruch als Fahrräder oder öffentliche Verkehrsmittel, argumentiert Diefenbach-Trommer.

Schutzstreifen kommen an

Deswegen könne er die gefühlte Konkurrenz zwischen Auto- und Radfahrern nicht nachvollziehen. „Autostaus entstehen nicht wegen langsamer Radfahrer“, sagt er, vielmehr weil zu viele Autos in die Stadt fahren. Natürlich gebe es auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mit dem Rad fahren können. Dies sei jedoch nicht die Mehrheit der Autofahrer.

Die Schutzstreifen für Radfahrer in der Robert-Koch-Straße kommen unter Radfahrern gut an, berichtet Diefenbach-Trommer, sie bieten ein wenig Sicherheit. Den können Radfahrer in Marburg wohl gut gebrauchen. „Ich fahre täglich Rad und erlebe auf jeder Fahrt gefährliche Situationen.“

Die gebürtige Marburgerin Monika Frisch lebt seit zehn Jahren wieder in der Unistadt und hat sich mit ihrer Familie dafür entschieden, ohne Auto mobil zu sein. Im Vergleich zu Städten wie Offenburg, Freiburg oder Weimar bezeichnet sie Marburg als hartes Pflaster für Radfahrer. Ganz besonders schwer sei es, einen sicheren Weg zu finden, wenn Kinder auf eigenen Rädern mitfahren (siehe Kasten).

Nach dem Bürgerbeteiligungsprozess empfindet sie den Verkehrsversuch als halbherzig. „Ohne die Sperrung der Elisabethstraße fehlt der Anreiz, durch die Robert-Koch-Straße zu fahren“, sagt Frisch.

von Philipp Lauer

Mit Kindern auf dem Rad von der Wehrdaer Straße zum Schwanhof

Beispielhaft beschreibt Monika Frisch einen Weg, den sie mehrmals wöchentlich hinter sich bringt:

Es geht also los. Die Wehrdaer Straße. Zum Radweg auf der anderen Lahnseite kommen wir nicht, weil eine Brücke fehlt. Der Radweg wäre tagsüber schön zu befahren, im Dunkeln direkt neben der Autobahn eher unheimlich und unsicher. Also die Wehrdaer Straße entlang. Wir haben Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren dabei, die auf ihren Rädern selbst fahren, manchmal noch einen Fahrradanhänger für Einkäufe und Musikinstrument oder falls es für den 5-Jährigen zu viel wird. Die Kinder fahren auf dem Gehweg, der zum Teil nur 90 cm breit ist. Weil der Müll geleert worden ist, steht er voller Mülltonnen. Ich fahre als „Abstandhalter“ auf der Straße. Fußgänger weichen meist netterweise auf die Straße aus.

Auf halber Strecke steht ein Lieferwagen halb auf dem Gehweg, die Kinder passen mit ihren Rädern auf dem Bürgersteig nicht durch. Also auf die Straße. Formal gilt Tempo 30. Praktisch wird schneller gefahren, wenn auch schon langsamer als damals bei Tempo 50. Es reichen einige Raser, um die Straße unangenehm zu machen.Nachmittags im Berufsverkehr herrscht für die kleine Straße, der man die Beanspruchung ansieht, viel Betrieb, es fahren auch dicke LKW. Wir schieben um den Lieferwagen auf der Straße herum.

An der Einmündung des Wehrdaer Weges in die Elisabethstraße wird es schwierig. Die Kinder schieben auf dem frequentierten Gehweg, ich auf der Straße und wir treffen uns an der großen Kreuzung vor der Elisabethkirche an der Ampel wieder. Es ist nicht möglich, parallel zu den Kindern zu fahren, weil das offensichtlich den Verkehrsfluss stört, wenn ich Schritttempo fahre. Ich werde angehupt. Die Kinder auf dem Gehweg mit dem Fahrrad zu begleiten – wie neuerdings erlaubt – ist ein Wunschtraum, weil ich mit dem Anhänger nicht durchpasse. Jetzt gibt es die Möglichkeit, irgendwie auf den Lahnrad- und Fußweg an der Uferstraße zu kommen.

Zur Uferstraße kommt man nicht besonders gut, da müssten wir die Deutschhausstraße auf dem schmalen Gehweg entlangschieben bis zum neuangelegten Parkplatz neben der Elisabethkirche, von dort über die Firmaneistraße weiter zur Uferstraße. Oder nachdem wir die große Kreuzung vor der Elisabethkirche mit zweimal Warten überquert haben, den Gehweg der Elisabethstraße zurückschieben, dann den barrierefreien Zugang zum Kirchhof nutzen und direkt über diesen zur Firmaneistraße und zur Uferstraße fahren. Wir entscheiden uns für den Pilgrimstein, denn die Zeit drängt.

Leider gibt es da keinen Radweg. Es ist in der Richtung auch keiner vorgesehen. Für die Kinder heißt es also auf den Gehweg. Leider kann ich nicht im selben Tempo wie die schiebenden Kinder auf der Straße fahren, weil von hinten eilige Autofahrer dicht auffahren. Also steige ich ab und begleite schiebend die Kinder auf dem engen Gehweg.

Vor dem Oberstadtaufzug sind viele Fußgänger. Ich bemerke die drei neu geschaffenen Fahrbahnspuren an der Mündung des Pilgrimsteins. Zwei üppig bemessene Geradeausspuren und eine Abbiegespur nach links. Für einen Radstreifen war offensichtlich kein Platz mehr. Aber weiter. Wir schieben auf dem Gehweg der Universitätsstraße bis zur Fußgängerampel an der Einmündung Am Grün. An dieser vielbefahrenen Straße gibt es keinen durchgehenden Radstreifen, den man guten Gewissens einem Kind anbieten könnte.

Wir schieben weiter auf dem Gehweg der Straße Am Grün, bis wir die Straßenseite wechseln können und ein Stück Radweg kommt. Nach 20 Metern knickt er rechtwinklig nach rechts ab. Wir müssen uns nun entscheiden, ob wir den Umweg über Schulstraße und Wilhelmstraße nehmen. Dort existiert ein Radweg, den wir allerdings bald verlassen müssten, um verwinkelt durch das Südviertel zu fahren. Oder wir nehmen den direkten Weg über die Frankfurter Straße. Frankfurter Straße geht trotz Schiebens schneller. Also schieben wir auf dem engen Gehweg. Jeder schiebende Radfahrer nervt die Fußgänger dort zu Recht.

Ab der Kreuzung Frankfurter Straße / Gutenbergstraße kann man wieder fahren. Die Kinder auf dem Gehweg, ich auf der Straße. Hier gilt Tempo 50. Ich fahre so schnell, wie die Kinder fahren, werde zur lebenden Verkehrsberuhigung, was manchen Autofahrer hinter mir eher nicht beruhigt. Die Kinder fahren über einen „Parkplatz“, zu dem der breite Gehweg umgewidmet wurde. Wir passen gut auf ein- und ausparkende Autos auf, denn an dieser Stelle wäre der Jüngste fast mal mit dem Laufrad unter einem rückwärts ausparkenden Auto gelandet.

Nun sind wir fast am Ziel. Die Fußgängerampel über die Schwanallee hat eine so kurze Grünphase, dass die Kinder immer den als Sieger feiern, der es schafft, vor dem Erscheinen des roten Männchens drüben zu sein. Nun den „Schleichweg“ zwischen den Wohnhäusern entlang und über den großen Parkplatz vor der Musikschule. Angekommen. Immerhin schneller als der Bus.

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